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Fluten-Log
Volker Friebel

 

Archiv April 2014

 

 

Mittwoch, 30. April 2014

 

Im Frühlingsschauer
warten,
an ersten Tulpen.

 

 

2014-04-29 17-39-32 0952 Eismann Denzenbergstraße Tübingen 400x300Dienstag, 29. April 2014

 

Auf der Straße Geklingel – ich trete ans Fenster: Der Eismann ist da! Den 1950ern entfahren, parkt er auf dem Gehweg vor dem Haus. Zwei Nachbarskinder schlagen die Haustür zu, die Schiebetür des uralten VW öffnet sich – und ... Elisabeth stürzt auch hinaus. Sie kommt mit zwei riesigen Waffeln zurück: „60 Cent die Kugel!“, deutlich billiger, als in der Stadt. Der Eismann spricht sehr schlecht Deutsch. Er ist Italiener. Wir freuen uns so!

 

 

 

Montag, 28. April 2014

 

Bildschirmrauschen.
Welten
zerren an mir.

 

 

Sonntag, 27. April 2014

 

Langsam hebt der Alte
den Stock,
tritt ins Amseljubeln ...

Und spricht doch tatsächlich eine junge Frau an, die gerade aus ihrem Auto steigt. Blütenblätter liegen über dem Weg. Die Amsel pfeift Strophe um Strophe.

 

 

Samstag, 26. April 2014

 

Wir sehen zur Amsel hoch, die auf dem Dachfirst in den Abend hinein singt. Die Pausen zwischen den Strophen werden sehr lange. Sie ruckt mit dem Kopf hin und her, sucht nicht nur die Gesänge der anderen, sondern streift mit ihren Blicken auch beunruhigt die vier Augen, die auf sie gerichtet sind. Und fliegt weg.

Wie nimmt eine Amsel den Gesang eines Menschen auf? Wobei wir nicht gesungen haben, nur gelauscht.

Nach dem Delphi-Besuch habe ich nach Texten von Nicos Kazantzakis gestöbert, der auf der Reise zitiert wurde, und fand eine Anekdote: Kazantzakis fragt einen Bauern, wie ein schön singender Vogel heißt. Der Bauer antwortet: Was kümmerst du dich, er ist doch nicht essbar.

Der Rezensent, der die Anekdote zitiert, fand sie lustig. Mich hat sie traurig gemacht.

Das Reisetagebuch des jungen Kazantzakis habe ich trotzdem bestellt. Für 50 Cent. Plus Versandkosten. Zweite Hand. Denn bis auf „Alexis Sorbas“ sind alle deutschsprachigen Ausgaben dieses weltberühmten Autoren „vergriffen“.

 

 

Freitag, 25. April 2014

 

Fremde Zeichen
am Bahnhof.
Holunderblüten.

 

 

Donnerstag, 24. April 2014

 

Morgendämmerung.
Regen ins Schaukeln des Fährendecks.
Wind pfeift. Das Rollen der See
ist eingegangen ins Atmen.
Wir erinnern uns.

Gestern Nacht sahen wir zum Himmel auf,
versuchten Planeten und Sternbildern
Namen zu geben. Gestern Morgen
wanderten wir von den Orakeln Delphis
an die Bucht von Korinth.

Alles Sagen scheint nichtig,
doch es baut den Raum
für das Leben der Menschen.
Die Sternbilder sind hinter den Wolken
immer noch da.

 

 

Mittwoch, 23. April 2014

 

Die Schiffsglocke:
Ihr Schlegel schwingt lautlos
im heftigen Wind.

 

 

Dienstag, 22. April 2014

 

Korykische Grotte.
Flötentöne
verhallen im Fels.

 

 

Oster-Montag, 21. April 2014

 

Delphischer Morgen.
Ein Hahn kräht in die Gewebe
des Vogelsangs.

 

 

Oster-Sonntag, 20. April 2014

 

Wolkenschatten.
Die Stimmen der Bienen
bei Delphi.

 

 

2014-04-19 14-58-12 0583 Kastalischer Brunnen Delphi Griechenland 400x300Oster-Samstag, 19. April 2014

 

Kastalischer Brunnen.
Eine Libelle
sucht den Staub ab.

 

 

 

 

 

 

Kar-Freitag, 18. April 2014

 

Aufgehalten
von einer Nachtigall – die Pilger lauschen
dem Wind.

 

 

Donnerstag, 17. April 2014

 

Strand von Delphi.
Das Meer erzählt dieselben
Geschichten wie damals.

 

 

Mittwoch, 16. April 2014

 

Wirre graue Haarbüschel, ein faltig-schmales, strahlendes Gesicht über dem blütenweißen Hemd und der braunen Schürze: Der alte Herr besorgt das Frühstücksbuffet aufmerksam. Wieselflink füllt er das Brötchenfach und die Obstschale nach, schon kommt er mit frischem Kaffee und Milch. Der Espresso, den er mir bringt, ist köstlich, den schwachen Kaffee Americana lasse ich stehen.

In der  Ecke plärrt italienisch ein Radio vor sich hin. Wir schauen durch die Scheiben der Hoteltür geradewegs auf den Bahnhof von Ancona. Hinter ihm liegt das Meer.

Die junge, kleine, dicke Köchin bringt ab und zu Nachschub ins Frühstückszimmer und schaut nach dem Rechten. Eine Tätowierung auf ihrem Unterarm behauptet, sie habe einen Engel. Dem Frühstücksbetrieb scheint sie jedenfalls fast enthoben. Als hielte sie nur eine dünne Schnur noch zurück und sie könnte gleich in den Morgenhimmel zu schweben beginnen, wenn die Türe sich öffnet.

 

 

Dienstag, 15. April 2014

 

Eine Pappelallee
führt zur Kirche. Blind
treiben Wolken.

 

 

Montag, 14. April 2014

 

Sie nahmen das Portal mit der kürzesten Schlange vor dem Zollschalter.

Der Zöllner warf einen berufsmäßig gleichgültigen Blick auf das Gesicht von Konrad: „Sie sind ein Mensch!“ Konrad zuckte schuldbewusst die Schultern.

„Und sie sind ein, ein ...“, versuchte der Zöllner es mit Käpt'n Cho.

„Rattus edelikus“, sagte der mit stolz geschwollener Brust.

„Tante Hedwig!“, entfuhr es dem Zöllner. „Ich habe auch so jemanden in der Familie“, grinste er dann. „Ihr könnt passieren!“

Käpt'n Cho tänzelte am Schalter vorbei. „Aber das muss hierbleiben“, sagte der Zöllner und deutete auf Käpt'n Chos Degen.

„Gibt es auf dem Planeten denn keine Waffen?“, fragte Konrad weich.

„In Hülle und Fülle“, antwortete der Zöllner. „Aber die möchten euch schließlich auch etwas verkaufen.“

„Der Degen ist ein altes Erbstück, ich gebe ihn nie aus der Pfote“, sagte Käpt'n Cho.

„Tut mir Leid, ist Vorschrift“, bedauerte der Zöllner und griff an die Notruftaste.

Käpt'n Cho öffnete seine Börse und holte ein Goldstück heraus. „Vielleicht könntet Ihr stattdessen das hier beschlagnahmen“, sagte er und drehte die Münze zwischen den Fingern.

Der Zöllner hob ein Augenlid und fragte: „Wäre das nicht Korruption?“

„Selbstverständlich!“, strahlte Cho ihn an. „Korruption heißt Freunde haben und bereit sein, etwas für sie zu tun. Sich der Korruption verweigern heißt, sich der Menschlichkeit verweigern. Und überdies wäre das eine Beleidigung des Weihnachtsmanns und des Osterhasen, die doch auch Geschenke bringen.“

Der Zöllner lachte. „Tante Hedwig!“, sagte er noch einmal und griff nach dem Goldstück.

 

 

Sonntag, 13. April 2014

 

Freibier-TV: Die Nachrichten des Tages.

„Der Flieder ist heute erblüht. Wie internationale Beobachter übereinstimmend berichten, geschah das überwiegend gewaltfrei.“ Die Nachrichtensprecherin wedelte mit dem Finger und sang: „Ihr Schlingel!

Anderswo“, nahm sie ernst ihr Manuskript wieder auf, „zogen die ewig gleichen Wolken wie jeden Tag über die Erde, und ich weiß nicht, warum ich hier jeden Tag stehe. Aber warum Sie, geehrte Zuschauerin, mir dabei zusehen, das weiß ich erst recht nicht.“

Die Nachrichtensprecherin seufzte einmal tief auf und ging aus dem Bild. Die Kamera konzentrierte sich nun ganz auf den Flieder.

 

 

Samstag, 12. April 2014

 

Blütenblätter
über den Weg. Im Himmel träumt
ein einsames Schloss.

Wir sind, so heißt es, im Himmel geborgen. Ich beneide aber die Wolke: Dauernd verändert sie sich, aber so langsam, dass sie die Veränderung gar nicht bemerkt. Es ist der Fluss des Lebens.

 

 

Freitag, 11. April 2014

 

Zwischen blühenden Bäumen
ein Weg –
den Bergen zu.

In manchen Äckern sind nur Traktorspuren. In anderen haben die Sprosse schon alle Spuren aufgelöst, alle Manipulation überwuchert und ihre eigene Wahrheit verwirklicht. Unser Weg führt hinunter ins Dorf, an der Kirche vorbei. Blütenblätter wehen über die Straße. Löwenzahn blüht in die Unendlichkeit. In den Kirschbaumwiesen von Nehren wollen wir rasten. Vorletztes Jahr haben wir uns verfahren und kamen in Ofterdingen heraus. Lang saßen wir dort am Denkmal von Heinrich, dem Minnesänger. Welche Farbe hatte die Blume im Stein? Ich habe das Buch nie gelesen.

2014-04-11 12-46-24 0777 Blühende Kirschbäume Kirschbaumwiesen bei Nehren 300x400Wir reisen mit dem Wind –
zurück bleibt
ein Lerchenlied.

Land des Schattens.
Am Bahndamm leuchten
Sumpfdotterblumen.

Blütenblätter
im Wind. Eine Amsel
gibt Verse mit.

Kirschblüten ertrunken
im hohen Gras.
Eine Amsel singt.

 

 

 

 

 

Donnerstag, 10. April 2014

 

Ein Wort sagen,
das gar nichts sagt. Hinter Roll-Läden
Kirschblüten.

Vor dem Fenster startet ein Motor. Wir sind in Träumen gefangen.

 

 

Mittwoch, 9. April 2014

 

Der kleinen Amsel
große Klappe. Im Morgengrauen
erscheinen Kirschblüten.

 

 

Dienstag, 8. April 2014

 

Das Leuchten der Kirschblüten
verdunkelt,
im Morgenläuten.

 

 

Montag, 7. April 2014

 

Was die Trauerweide
zum Bach zieht – im Menschenstrom
murmeln Kiesel.

Atem bin ich und sehne mich nach der Festigkeit der Kiesel im Bach. „Und was du hast, ist Athem zu hohlen“, schrieb Hölderlin. Aber er meinte: Atem zu sein. An der Steinlach in Tübingen sitzend, abends, einer unter den anderen.

 

 

Sonntag, 6. April 2014

 

An einer Scheibe des Kinderhauses kleben bunte Bilder von Vögeln. Auf der anderen Seite des Fensters singt eine Amsel. Ihr Gefieder ist schwarz. Aber ihr Lied hat die Farben aus den Bildern aufgenommen und trägt sie weit hinaus in die Welt.

Vielleicht haben die Kinder nicht die Vögel gemalt, sondern ihre Lieder.

Vielleicht ist ein Haus eine Höhle voll Träumen.

Vielleicht könnten wir fliegen lernen, wären unsere Herzen nicht so schwer.

 

 

Samstag, 5. April 2014

 

Apfelblüten.
Ihr Glanz verblasst im Wind
aus der Sahara.

 

 

Freitag, 4. April 2014

 

Aprilwind!
Die Blätter vom Vorjahr
reden noch ein Mal.

 

 

Donnerstag, 3. April 2014

 

Am Bahndamm blühen Schlehen.
Wolken
reißen am Weiß.

 

 

Mittwoch, 2. April 2014

 

Freibier-TV: Ihre Reportage!

„Da handelt es sich um ein Zuordnungsproblem“, murmelte Manuel Freudenschein, Professor für Kommunikationspädagogik an der Gesicherten Universität Linber, in das Lächeln Ihrer Rasenden Reporterin.

„Weil ...“, half sie ihm weiter.

„Ob“, korrigierte er sie und nickte zufrieden. Dann führte er bedächtig weiter aus: „Ob eines sich dem Volk – und der sogenannten Demokratie, das heißt Volksherrschaft“,  Freudenschein nickte Ihrer Reporterin bedeutsam zu, erinnerte sich dann mühsam an den noch zu formulierenden Rest seines Satzes und fuhr fort: „oder dem Staat – und der sogenannten Oligarchie zugehörig fühlt, also den Parteien, den Wirtschaftsmagnaten, der Justizspitze.“

„Wie hätte ich auf ,ob' kommen sollen – Sie sind mir mal ein Schlingel!“ Ihre Reporterin schalt den Professor mit dem Zeigefinger.

„Im einen Falle, der Demokratie, wird es zum Schluss kommen, dass die Menschen nicht Eigentum des Staates sind, sondern über ihr Schicksal, und das heißt auch über ihre Zugehörigkeit, selbst frei entscheiden können.“

„Und im anderen Falle?“, fragte Ihre Reporterin neugierig.

„Im anderen Falle – nicht.“ Ihre Reporterin nickte enttäuscht.

„Aber er oder sie“, begann sie dann, „Also es“, korrigierte sie der Professor gütig.

„Jedenfalls – so wie Sie das sagen, klingt diese ,Demokratie' arg nach Nationalismus“, fand Ihre Reporterin in das Gespräch zurück.

„Sie sagen es, Sie sagen es“, Professor Freudenschein nickte bekümmert. „Das ist ein Vorteil der Oligarchie. Sie hält von der Scholle nichts. Sie schiebt die Menschen hierhin und dahin, gleichgültig um jedes Band zwischen ihnen, ganz wie die Wirtschaft sie braucht.“

„Aber sollte es dann nicht etwas Drittes geben“, Ihre Reporterin fand im Kameraspiegel ihr Strahlen zurück, „das weder nationalistisch noch menschenverachtend, sondern einfach nur gut ist?“

„Wie sollten die Leute nach einem Dritten suchen, wenn sie nicht einmal wissen, in welcher der beiden Regierungsformen sie denn jetzt leben?“, fragte der Professor zurück.

Schnitt Und damit kommen wir zum Wetter.

 

 

Dienstag, 1. April 2014

 

Sie empfangen
die Wellen der Nachrichtensender:
Kirschblüten!

Und lassen sie perlen, zur Erde tropfen, die sie wie alles nimmt und verwandelt, in grünes, beugsames Gras.

 

 

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Aktuell 23.05.2014 auf www.Fluten-Log.de, Einrichtung 02.03.2014
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