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Fluten-Log
Volker Friebel

 

Archiv Mai 2014

 

 

Samstag, 31. Mai 2014

 

Blaue Stunde.
Ins Verklingen der Amsel
Rechnerrauschen.

 

 

Freitag, 30. Mai 2014

 

Die Amselstrophe –
tief in den Genen echot
ein Schatten.

 

 

Donnerstag, 29. Mai 2014

 

Ins Grillenzirpen
beginnt Regen, flutet
alle Vergangenheit.

 

 

Mittwoch, 28. Mai 2014

 

Der Fischreiher hat genug! Jeden Tag sitzt er stundenlang auf dem niedergebrochenen Baum am Goldfischweiher und versucht, einen Goldfisch zu bekommen, nun will er sich mal richtig dahinterklemmen. Er hat sich schon einen Kühlschrank angeschafft und will eine Nachtschicht einlegen und dann ein paar Tage Urlaub machen. Ob er weiß, was sich gleichzeitig unter dem Spiegel des Wassers ereignet?

„Wir schwimmen im Kreis herum – und sind eben dumm! Aber sind authentische Goldfische! Wir wollen nicht so werden wie der Reiher oder die Menschen oder alles andere Böse hinter dem Rand unseres Weihers!“

Aber eines Tages, als der Fischreiher wieder eines der Goldfischgeschwister geschnappt hatte und dessen Schwanz zappelnd in seinem Rachen verschwand, beleuchtet vom Glanz der Abendsonne, sagte ein Goldfisch „Es reicht!“ und schlug mit dem Schwanz heftig durchs Wasser, dass es nur so spritzte.

Als erstes gab er sich einen Namen. Schon das war für Goldfische unerhört. Er nannte sich Rolf. Als nächstes berief er eine Aktionsgruppe „Gegenterror“ ein. Sie überlegten, was gegen den Fischreiher zu unternehmen wäre. Aber ihnen fiel nichts Sinnvolles ein. Da kam Josephine (denn schon hatten sich alle Goldfische Namen gegeben) der Gedanke, sie könnten die Macht der Masse nutzen, weil sie doch so viele wären und der Reiher nur einer, und weil von einer Masse oft hypnotische Kräfte ausgehen.

„Das hab ich mal im Fernsehen gesehen, als ich noch im Aquarium auf der Kommode wohnte!“, sagte Peter. Alle waren beeindruckt und so sammelten sie sich im dichten Schwarm, konzentrierten die Kraft ihrer frisch gebackenen Goldfischgedanken und sandten sie um Hilfe rundum hinaus in die Welt.

Da ging aber gerade ein Wanderer am Weiher vorbei, den überflutete all diese nie dagewesene Energie. Und plötzlich entwickelte sich in ihm die fixe Idee, er sei der Ritter der Goldfische.

Am Ufer des Weihers aber lag ein weißes Taschentuch, durchnässt von einem der Spritzer von Rolf. Das nahm er auf und steckte es sich an den Hut. So war er nun also wirklich der Ritter der Goldfische.

 

Eine Idee heute bei der Fahrradrunde durch den Schönbuch. Warum nur wird aus all den verrückten Projekten nie etwas?

 

 

Dienstag, 27. Mai 2014

 

Der Satz des Pythagoras von letztem Freitag lässt mich nicht los. Etwas ähnliches habe ich vor einigen Jahren gelesen, in einem Buch über Heidegger.

Heidegger knüpft „am Ende seiner Vorlesung an einen anderen großen Gedanken Schellings an: Die Natur schlägt im Menschen ihre Augen auf und bemerkt, daß sie da ist. Diesen Schellingschen Lichtblick (GA 29/30, 529) nennt Heidegger die offene Stelle, die sich im Menschen inmitten des naturhaft verschlossenen Seienden aufgetan hat. Ohne den Menschen wäre das Sein stumm: es wäre vorhanden, aber es wäre nicht – da. Im Menschen ist die Natur zur Selbstsichtbarkeit durchgebrochen .“ (Safranski, Rüdiger: Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2001 (5. Auflage 2006; Erstausgabe bei Hanser 1994), Seite 229.)

Zwar habe ich nachgeforscht, aber im Netz nichts von Schelling gefunden, das ich damit verbinden kann. Als ich es erstmals las, hat mich das stark beeindruckt (auch jetzt noch). Ich habe ein Lyrik-Buch darüber geschrieben, aus dem ich etwas zitieren kann:

Als der Mensch die Lider öffnet,
sieht er im Spiegel des Sees
seine Augen.

Als die Erde den Menschen aufschlägt,
sieht sie nach Jahrmilliarden sich selbst,
das Blinken des Lichtes im Wasser,
Weiden an den Ufern ringsum,
das Weiß und Blau eines Himmels,
hört den Vogel, der im Röhricht Töne gebiert,
den Flügelschlag des Insekts über ihr.

Auge ist sie im Falken geworden,
Ohr in den Löffeln des Hasen, Geruch
im Wolf, Geschmack in der Zunge des Bären,
Gespür in der Katze,
und endlich Bewusstsein.

(Aus: „Auge Mensch“ in: Friebel, Volker (2011). Die sieben Töne des Waldes. Gedichte, Haiku und ein Essay.)

Wobei die Frage ist, ob Bewusstheit etwas zählt.

 

 

Montag, 26. Mai 2014

 

Nach dem Regen
das Amsellied.
Lauschende Himmel.

 

 

Sonntag, 25. Mai 2014

 

Freibier-TV: Die Nachrichten des Tages.

Die Sprecherin lächelt angestrengt in die Kameras.

„Liebe Klicks und Klacks, jetzt heißt es stark sein: Heute ist Wahltag. Im Studio habe ich Professor Rübezahl vom Politischen Seminar der Universität unseres hocherzgemuten zweiten apostolischen Vatikans.“ Das Lächeln der Nachrichtensprecherin versucht einen zweiten Anlauf. „Lieber Max, könnten Sie uns auch dieses Jahr wieder die Bedeutung unseres Triumphes erklären!“

„Aber gern, meine Liebe! Hochverehrtes Publikum“, der Professor wirft dem Kameramann eine Kusshand zu, „in den Zeiten der Wirren, als der Kaiser den Schwanz einzog und in das Gebirge nach Avalon zog, wurde im Kampf gegen die heraufgewitternde Demokratie das sogenannte Wahlrecht eingeführt. Seither versammelt sich in regelmäßig vorgezeichneten Abständen das erleichterte Volk und gibt seine Stimme ab. Und wir können sagen: Sein Vertrauen wurde noch nie enttäuscht! Der Kaiser ist zwar nicht wiedergekommen, die Demokratie aber auch nicht. Wenn wir heute, nach Wahlkreisen geordnet, wieder vor die Kästen treten, um unseren Tribut zu leisten, so wissen wir deutlicher und deutlicher, wofür.“

Der Professor nickt bedeutungsschwer.

Die Nachrichtensprecherin strahlt ihn erleichtert an. „Besten Dank, Max, und viele Grüße an Ihre hochwohlgemuten Studenten! Und zur Feier des Tages, liebes Publikum“, wendet sie sich gelöst an den Kameramann, „erlassen wir Ihnen die weiteren Nachrichten!“

 

 

Samstag, 24. Mai 2014

 

Abendlieder
der Amseln – ein Fenster
betrachtet den Himmel.

„Ein Fenster“ kann kaum die letzte Version sein. „Eine Pusteblume“ dachte ich, aber das ist zu lang und vielleicht zu weit weg vom Menschen. „Eine Taube“ ist der „Amsel“ zu ähnlich. Aber wenn man die Amsel weglässt, also „Abendlieder. / Eine Taube betrachtet / den Himmel.“? Das Haiku muss wohl einfach noch eine Zeit liegen.

 

 

Freitag, 23. Mai 2014

 

Der Syrer Iamblichos von Chalkis (etwa die Jahre 240/245 bis 320/325 nach unserer Zeitrechnung) verfasste eine Gesamtdarstellung der pythagoreischen Lehre. Im zweiten Buch, dem Protreptikos (Aufruf) zur Philosophie, fragt er, weshalb „die Natur und die Gottheit uns hervorgebracht haben“. Und er gibt die Antwort des Pythagoras: „Um den Himmel zu betrachten“. Pythagoras habe sich selbst „Betrachter der Natur“ genannt und sei um dessentwillen ins Leben getreten.

    Zitiert nach Olof Gigon (Übersetzer und Herausgeber; 1982, Erstausgabe im Artemis-Verlag 1961): Aristoteles. Einführungsschriften. München: DTV. Seite 119.

 

 

Donnerstag, 22. Mai 2014

 

Eine junge Frau trägt Blumen im Haar,
in durcheinandergeratenen Zeiten
schimmert die Ewigkeit, in dem, was jung ist,
leuchtet sie auf, nicht am Alten,
von Menschenmeinung verzogenen,
nur an dem, was nahe am Quell wohnt,
an den Steinen, am Günsel,
an Kastaniendolden, am langen Gras,
das nichts kennt als das Licht und die Bienen,
und immer, immer am Lied
jeder Amsel.

Am Rande der Sterneninsel
sind Margeriten erblüht, zirpen Grillen,
öffnen sich Augen groß
in das Geheimnis des Lebens.
In die Nacht erblühen die Sterne,
in der Nacht erwachen die Träume,
die unser Leben durchwirken.

 

Solche Texte, aktuell aus einer Fahrradfahrt heute von meiner Mutter im Holzgerlinger Betreuten Wohnen durch den Schönbuch nach Tübingen, machen mich missmutig. Das müsste gründlich überarbeitet werden, jetzt könnte das zu kitschig erscheinen, jede Zeile braucht eine Stunde. Und niemanden interessieren solche Texte. Selbst wenn man davon absieht (was ich gern tun will), woher nehme ich die Zeit für die Ewigkeit? Wie haben Dichter das früher gemacht?

 

 

Mittwoch, 21. Mai 2014

 

Käpt'n Cho meinte: „Der Speck in der Mausefalle duftet gut, aber mit zerschmettertem Genick schmeckt er nicht. Also lass uns besser nur daran riechen!“

Konrad seufzte tief und nahm seinen Wanderstab wieder auf.

 

 

Dienstag, 20. Mai 2014

 

Aus einem Reisebuch über Nord-China, das ich gerade abschließe:

Wir waren in vielen Tempeln. Vor dem Goldfischteich der Tempelanlage Dai Miao am Fuße des Tai -Shan versuche ich mir darüber klar zu werden, was ich gesehen habe.

Da ist zum einen, ob nun konfuzianistisch, daoistisch oder buddhistisch, die starke Ähnlichkeit der Anlagen. Auch hatte ich trotz großem Besucherandrang nie das Gefühl, etwas falsch machen und unbekannte Tabus oder Eigenheiten verletzen zu können, abgesehen vom seltenen Fotografieverbot. Bei den nicht „einheimischen“ Tempeln der Christen und Muslime war das anders.

In einer christlichen Kirche kann man Menschen tief versunken im Gebet beobachten. In einem chinesischen Tempel der drei Religionen entspricht dem das Opfern von Räucherstäbchen und von Geld. Im Zentrum scheint ganz das jetzige Leben zu stehen, seine Sorgen und Nöte, auch profanster Art. Gibt es so etwas wie Spiritualität in China überhaupt? Sie tritt zumindest weit weniger in Erscheinung, als in Europa.

Ich unterhalte mich mit Hu Hsiang-fan darüber. Er meint: Wer Glück haben möchte, geht zu einem Tempel, opfert und bittet darum. Wenn er glaubt, dass es erfolgreich war, kommt er wieder, ansonsten nicht. Dann besucht er einen anderen Tempel. Die spirituelle Ausrichtung ist dabei egal. Chinesen sind sehr pragmatisch. Wichtig ist ihnen ein gutes Leben für sich und ihre Familie und Harmonie zwischen den Menschen.

So verwundert es nicht, dass es in der Vergangenheit zwar Konkurrenz zwischen den Religionen gab, aber, da die scharfen spirituellen Bekenntnisse fehlen, nichts, das an Glaubenskriege erinnert. Wenn sehr gelegentlich die eine oder andere Religion verfolgt wurde, dann deuten die Umstände auf pragmatische Gründe und kaum auf Glaubenseifer. Beispielsweise gab es Enteignungen der buddhistischen Klöster, als diese durch Schenkungen sehr reich geworden waren und, da sie keine Steuern bezahlen mussten, die Einnahmen des Staates dahinschmolzen. In den Anfängen der kommunistischen Herrschaft, deren Eifer eher europäisch als chinesisch anmutet, gab es allerdings eine Verfolgung aus ideologischen Gründen. Inzwischen duldet und fördert der Staat die Religionen wieder in der vorsichtig-freundlichen Weise, die sich als roter Faden durch die chinesische Geschichte zieht. Das dürfte so auch bleiben, sofern die öffentliche Ordnung gewahrt und keine Religion von außen politisch instrumentalisiert wird.

Bei uns ist man entweder Katholik oder Muslim oder Atheist oder Jude oder evangelisch. Chinesen wird eine solche ausschließende Haltung erstaunen. Die chinesischen Religionen sind miteinander vereinbar, sie stehen eher neben- als gegeneinander. Ein Chinese kann ihre Tempel alle besuchen und sich zu allen gleichzeitig bekennen.

Wichtiger noch als Konfuzianismus, Buddhismus und Daoismus und weit wichtiger als bei uns, ist allerdings der Volksglaube, eine Mischung aus Ahnenkult, Verehrung lokaler Götter und regional wechselnden Praktiken und Überzeugungen.

 

 

Montag, 19. Mai 2014

 

Abendbrot.
In die Küche knien,
den Backofen anbeten ...

 

 

2014-05-18 12-30-08 0367 Felsen Dahner Felsenland bei Dahn Pfälzerwald 300x400Sonntag, 18. Mai 2014

 

Eine Wanderung im Dahner Felsenland (Pfälzerwald).

Der lange Atem
des Vogellieds.
Wolken.

Waldwandern.
So oft ich aus dem Schatten trete,
kommt neuer Schatten.

Vorhänge aus Schatten.
Immer wieder
tret ich ins Licht.

Kastanienkerzen.
Mädchen lehnen, checken
ihr Handy.

 

 

Samstag, 17. Mai 2014

 

Freibier-TV: Die Nachrichten des Tages.

 

Die Nachrichtensprecherin nahm das erste Blatt auf und lächelte den Kameramann an.

„Die Bestattungsfeierlichkeiten nach der Kollision der Bumerang mit einem Asteroiden im Kastor -System wurden heute wiederholt. Die mit 1.967 Passagieren überladene Fähre war, wie wir uns alle traurig erinnern, vorige Woche durch technisches Versagen untergegangen. Da kein Regierungschef der 169 beteiligten Nationalitäten es sich nehmen lassen wollte, persönlich bei den Feierlichkeiten anwesend zu sein, zog die Feier eine solche Wolke von Journalisten aus allen Teilen des Reichs an, dass der Verkehr im Sternensektor zeitweilig zusammenbrach. Unglücklicherweise wurde erst nach dem Kondolenzholo entdeckt, dass lediglich 168 Staatschefs abgelichtet worden waren. Der folgende Staatsstreich im Matara-System konnte von der Regierung zwar abgewendet werden. Großminister Haby Adul  beschuldigte allerdings sofort das benachbarte Nabul-System, die Revolte angezettelt und zur Sabotierung seiner Popularität seine Anwesenheit bei der Kondolenzfeier vereitelt zu haben. Er erklärte ihm den Krieg. Vermittler des Galaktischen Zentrums erreichten schon kurz nach der Bombadierung der ersten Städte einen Waffenstillstand. Bei den Verhandlungen konnten die Vertreter des Nabul-Systems glaubhaft machen, an der Behinderung des Matararischen Staatsschiffs unbeteiligt gewesen zu sein. Dem Stand der Ermittlungen zufolge handelte es sich gar nicht um Sabotage, sondern die Gravitationstriebwerke des Regierungsschiffs hatten durch unsachgemäße Entsorgung der Toilette eines der Journalistenschiffe etwas abbekommen. Bei der heutigen Nachholung der Bestattungsfeier wurde die Reihe der Staatschefs drei Mal durchgezählt. Da die Feier traditionsgemäß im offenen Weltraum nahe der Unglücksstelle begangen wurde, hatten sich viele der Teilnehmer sicherheitshalber ihre Namen auf den Weltraumanzug anbringen lassen. Einige trugen sogar liebevoll aufgemalte Tränen an der Sichtscheibe ihres Helms, falls ihnen die Physiologie im entscheidenden Moment des Kameraschwenks einen Streich spielen sollte. Leider waren nach der langen Wartezeit einige Angehörige der Verunglückten infolge des akuten Sauerstoffmangels auf der Station inzwischen verstorben. Sie wurden mit ihren Lieben zusammen bestattet.“

Die Nachrichtensprecherin seufzte tief. Sie strich sich selbst eine Träne aus dem Augenwinkel. Dann lächelte sie wieder in die Kamera und griff nach dem nächsten Blatt.

 

 

Freitag, 16. Mai 2014

 

Die junge Meise
flattert am Boden,
entkommt nicht!

Aber schon ist der Fahrradschatten weitergerast – und sie konnte doch noch im hohen Gras des Wegsaums verschwinden. Die Vögel pfeifen noch immer. Ein Schmetterling hat von diesem Drama des Lebens gar nichts bemerkt.

 

 

Donnerstag, 15. Mai 2014

 

Ich  wache auf, als ich in die Pedale trete – und stoppe sofort. Die Autos neben mir sind losgefahren, sie haben Grün, ihren Lärm beim Gasgeben habe ich gehört und darauf reagiert. Die Fahrradampel zeigt Rot.

Es ist gar nicht die Frage, was in mir mich antreten ließ. Das „Unbewusste“ nennt man es allgemein. Das schnelle Stoppen finde ich merkwürdig. So gerade am Rand des Bewusstseins. Also wohl doch noch früher, als das bewusste Denken, die intelligente Leistung: Fehlalarm, die eigene Ampel kommt erst später.

Es ist wohl falsch, von einem Unbewussten zu reden.

An der Ampel ist Zeit, da beobachte ich es gelegentlich. Vorhanden ist es immer. Wenn ich die Ampel sehr bewusst anschaue und mich körperlich bereit mache, sofort loszugehen, sobald das Bewusstsein meldet: Grün – dann gehen die Menschen neben mir früher los. Die Menschen, die kein Bewusstsein zwischen Wahrnehmung und Reaktion geschaltet haben. Bewusstsein verzögert. Irgendetwas muss aber doch zwischengeschaltet sein, eine Wahrnehmung wird erst durch eine Bewertung zum Signal.

Normalerweise gehen alle gleichschnell.

Wie es wohl möglich wäre, im täglichen Leben etwas zu finden, das die Reaktionen aufsplittet, um zu beweisen, dass es verschiedene Systeme in dem gibt, was wir grob Unbewusstes nennen?

 

 

Mittwoch, 14. Mai 2014

 

Vorstadtvilla.
Im leeren Schwimmbecken
versammeln sich Blüten.

 

 

Dienstag, 13. Mai 2014

 

Mairegen.
Das Leuchten im Fluten
des Amsellieds.

 

 

2014-05-12 12-14-38 0325 Lochem bei Tieringen 400x300Montag, 12. Mai 2014

 

Eine Wanderung am Albtrauf, von Tieringen über Hörnle, Lochen und Schafberg hinunter nach Rosswangen. Das Bild zeigt den Lochen. Der Kegelberg ganz im Hintergrund ist der Hohenzollern.

Der Weg breitet sich vor uns,
im Vogelpfiff,
im Rauschen der Schlichem.

Das Lied des Windes
trägt alle Lieder.
Blick vom Albtrauf.

Verblühter Löwenzahn.
Schwerelos strömt das Grillenlied
den Berg hoch.

Ein Bussard fliegt
durch den Regen. Gemurmel
von Gänseblümchen.

Wind im Baumhaar.
Von der Sonne erleuchteter
Regen.

Am Gespaltenen Felsen
hochschauen: die vielen Teile
des Regens.

 

 

Sonntag, 11. Mai 2014

 

Große Augen.
Zwischen Mondviolen
ein Pfad ins Tal.

 

 

Samstag, 10. Mai 2014

 

Gewirre der Lerchenlieder.
Unser Weg,
am Reißbrett der Felder.

 

 

Freitag, 9. Mai 2014

 

Kastanienblüten.
Ein Baustellenbrett bringt eine Säge
zum Kreischen.

 

 

Donnerstag, 8. Mai 2014

Durch die Klarheit des Amsellieds
fällt Niesel.
Wahlplakate.

 

 

Mittwoch, 7. Mai 2014

Zurück vom Besuch bei der alten Dichterin, schaue ich poetologische Ansätze in meinem Archiv durch. Und denke: Interessant! Früher hatte ich noch Ideen!

Aber hier ist vorsichtshalber ein halber Kontinent des Sachbereichs weggelassen, dort ist die Argumentation, geradlinig verfolgt, zwar stringent – wer aber nach möglichen Abbiegungen links und rechts schaut, wird mich streng anschauen ...

Wenn ich die Texte nicht nur von mir, sondern von verschiedenen anderen Positionen aus betrachte, werden sie wackelig.

Ach, könnte ich nur so überzeugend sein, wie die Amsel!

Die aber singt nur von sich selbst.

Um sich selbst kann niemand gehen, es sei denn, als eine Fiktion. Das ist die Problematik von Sachtexten. Stimmig wirken sie nur aus dem Winkel, den Schreiber und Leser sich teilen. Aber die Menschen rücken immer weiter von einander weg, die Verständnisinnigkeit der Kultur wird zu Nebel.

Also nur noch über sich selbst schreiben?

Wer weiß, wenn es wahr ist, trifft es vielleicht auf etwas, was eine überindividuelle Gültigkeit hat. Weil Wahrheit eben nichts Persönliches ist, sondern ein Wort für die Tiefe einer Beziehung?

 

 

Dienstag, 6. Mai 2014

 

Sie verlassen nicht
das Rauschen des Waldbachs:
Gebete der Steine.

 

 

2014-05-05 16-46-06 0100 Hebammen-Demonstration Holzmarkt Tübingen 400x300Montag, 5. Mai 2014

 

Hebammen-Demonstration in Tübingen. Ich werde mitgezerrt und wandere splitsteinchenwerfend (Wackersteine zu nehmen fand Elisabeth der Aktion abträglich) von der Tübinger Frauenklinik zum Holzmarkt. Die Passanten lächeln uns zu. Der Oberbürgermeister ist mit uns – und der Klinikchef. Es würde mich nicht wundern, wenn selbst Vertreter der Versicherer und der Krankenkassen mit uns demonstrieren würden. Auch Käpt'n Cho dürfte grinsend irgendwo mitmarschieren. Es geht um die irrsinnig hohen Versicherungsbeiträge, die die freie Hebammentätigkeit zu vernichten drohen. Gegen eine hebammenfreundliche Lösung ist eigentlich niemand. Anderswo schießen Leute wegen nicht schwerer zu lösender Probleme mit Panzerfäusten aufeinander. Soll man da Deutschland glücklich preisen? Oder sich aufregen über die Kaugummi-Strategien der hiesigen Herrschaft? Sprechen die nicht eben für diese Herrschaft? Ich werfe weiter Steinchen und weiß ansonsten von gar nichts. Käpt'n Cho hat mit einigen Frauen angebandelt und bekommt ein riesiges Stück Käse geschenkt. Und Schokolade! An der Stiftskirche steigt ein blauer Luftballon auf, losgerissen von der Hand eines Kindes.

 

 

Sonntag, 4. Mai 2014

 

Käpt'n Cho strich sich über die Schnurrhaare und piepste: „Mein Motto lautet: Immer voran! – Außer es geht zurück. Dann: Zurück!“

 

 

Samstag, 3. Mai 2014

 

„Das kann ich dir husten“, Käpt'n Cho stützte sich zierlich auf seinen Degen und beugte sich vor, „zu einer Meuterei kommt es nicht. Ich war auf einigen Kähnen dabei, in jeder Position, von der gewöhnlichen Schiffsratte über den Schiffskoch bis zum Steuermann und zuletzt sogar als Kapitän“, Käpt'n Cho reckte sich womöglich noch einen halben Zentimeter höher, auch wenn ihn das fast das Gleichgewicht mit seinem Degen gekostet hätte: „Wenn der Kapitän lügt, dass sich die Balken biegen, wenn er noch so ungerecht und verbrecherisch ist – die meisten Leute werden alles tun, um ihn zu entschuldigen. Menschen wollen in einer gerechten und freien Welt leben. Wenn das Gegenteil mit Pfoten zu greifen ist, biegen sie es sich eben zurecht, solange es geht. Nicht um der Oberen zu Willen, sondern wegen ihrem eigenen kleinen Seelenfrieden. Da muss schon der Rum ausgehen oder der Kapitän sich an ihrer Heuer vergreifen, bevor etwas passiert.“ Käpt'n Cho lachte über das ächzende Deck.

 

 

Freitag, 2. Mai 2014

 

2014-05-02 10-50-54 0958 Allee zum Fohlenhof Gestütshof St Johann 300x400

 

Vogellieder im Dunst –
rundgebogen
um eine Sonne.

Pferdeweide.
Ein Löwenzahnsamen nimmt Kurs
auf den Himmel.

Aus dem Hochnebel
erscheinen Gemäuer –
Ruinen.

 

 

Donnerstag, 1. Mai 2014

 

„Dass Gerede überzeugender ist, als nackte Gewalt, meinen vor allem Leute, die nicht fechten können“, sagte Käpt'n Cho und legte die Hand auf seinen Degen. „Ich bin da ganz vorurteilsfrei: Mir ist jede Waffe recht – solange sie siegt!“

 

 

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Aktuell 18.07.2014 auf www.Fluten-Log.de, Einrichtung 18.07.2014
Alle Rechte bei Volker Friebel, Tübingen