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Fluten-Log
Volker Friebel

 

Archiv Juli 2014

 

 

Donnerstag, 31. Juli 2014

 

Im Strudel des Eisack
pendeln –
ich, der Zweig eines Baums.

 

 

Mittwoch, 30. Juli 2014

 

Unter der Wolkenherde
bellt ein Hund.
Sommerabend.

 

 

Dienstag, 29. Juli 2014

 

2014-07-29 19-55-32 0067 Kloster Neustift bei Brixen 400x300

Kloster Neustift, bei Brixen

 

Nach dem Regen –
im Weinberg der Glanz
weißer Rosen.

 

 

Montag, 28. Juli 2014

 

Im heftigen Wind
weiße Kleeblüten. Wir träumen
von der Sonne.

 

 

Sonntag, 27. Juli 2014

 

Übriggeblieben
im Glas – Minze, Strohhalm,
Himmel.

 

 

Samstag, 26. Juli 2014

 

Signalrot.
Auf dieser Erde die Möglichkeit
eines Sterns.

 

 

Freitag, 25. Juli 2014

 

Waschmaschinenlärm.
Die Stille des Himmels.
Abenddämmern.

 

 

Donnerstag, 24. Juli 2014

 

Sonnenblumenfeld.
Der Wind
spielt mit dem Licht.

 

 

Mittwoch, 23. Juli 2014

 

„Hallo Karl“, tschilpt Anton.

„Hallo, Anton“, tschilpt Karl.

„Das war vielleicht ein Regen!“, schimpft Anton und schüttelt sein Gefieder.

„Wie kommt es eigentlich“, fragt Karl, „dass die Regentropfen aus dem Himmel fallen? Sie sind doch schwer!“

„Deshalb fallen sie ja“, behauptet Anton.

„Aber wieso sind die Wassertropfen dort oben erst nicht gefallen, sondern mit der Wolke geschwebt?“, bohrt Karl nach.

„Ich glaube“, überlegt Anton, „weil sie normalerweise wach sind. Und wenn sie wach sind, schlagen die Wassertropfen mit ihren unsichtbaren Flügeln und schweben.“

„Bist du sicher, dass sie Flügel haben?“, fragt Karl.

„Natürlich, sonst könnten sie doch nicht schweben“, behauptet Anton. „Aber wenn sie einschlafen, dann hören ihre Flügel zu schlagen auf und sie stürzen zur Erde, als Regen.“

„So muss es sein“, tschilpt Karl.

„So muss es sein“, tschilpt Anton.

Ein paar andere Spatzen fliegen herbei und sie zwitschern gemeinsam zur Sonne, die endlich wieder zwischen den Wolken vorscheint.

 

 

Dienstag, 22. Juli 2014

 

Martin Heidegger spricht im Stück „Vorbemerkung“ auf der CD „Martin Heidegger liest Hölderlin“ (die Zeichensetzung ist von mir): „Dem Sinnen und Denken liegt nur das eine ob: Dem Dichten vorzudenken, um dann vor ihm zurückzutreten.“

Eine hohe Einschätzung des Dichtens! Natürlich gibt es viele Arten von Dichtung, manche will nur lustig sein oder unterhalten. Oder spielen. Aber sicher tut es gut, sich ab und an zu vergegenwärtigen, dass ein solch hoher Anspruch möglich ist. Und dass weder die Wolken noch das Blau des Himmels noch die Bäume des Waldes niedrige Ansprüche kennen. Sie kennen allerdings gar keine. Und so mag es überhaupt das Beste sein, wenn sich Sinnen und Denken und Dichten einfach ereignen.

 

 

Montag, 21. Juli 2014

 

Sommerregen.
Die lange Polit-Satire
löschen.

 

 

Sonntag, 20. Juli 2014

 

Die junge Frau
bricht Bohnen, den Blick
halb zur Erde.

 

 

Samstag, 19. Juli 2014

 

Sommerabend.
Verschwinden, jetzt, in die Kühle
des Supermarkts.

 

 

Freitag, 18. Juli 2014

 

Nach der letzten Meldung verzieht Unsere Nachrichtensprecherin schmerzlich ihr schönes Gesicht.

„Wir alle sind schuld – Sie wissen das! Aber heißt schuldig sein nicht einfach, dass wir leben?“

Sie wischt sich Tränen aus den Augenwinkeln und fährt fort: „Warum unschuldig den kleinen Kindern zugequatscht wird? Weil sie keine Macht haben. Erwachsen sein heißt schuldig sein. Wir können es nicht ändern. Aber weinen können wir ab und zu.“

Der Kameramann fährt in die Vergrößerung auf der Suche nach einer letzten Träne. Die Redaktion aber schaltet um auf den Werbeblock.

 

 

Donnerstag, 17. Juli 2014

 

Dämmerlicht.
An den Fingern schlecken –
brombeersüß

 

 

Mittwoch, 16. Juli 2014

 

Unsere Nachrichtensprecherin blickt vom letzten Blatt auf und lächelt.

„Zum Schluss noch eine ganz persönliche Nachricht, für Sie ganz allein!“

Das Leuchten in Ihren Augen lässt den Kameramann nachsteuern.

„Steht auf der Packung Ihrer Chinesischen Frühlingssuppe: Ergibt vier Teller, je Teller 48 Kilokalorien, so können Sie viel sparen! Verwässern Sie die gute Suppe einfach nicht, schenken Sie alles in einen Teller. Ein Teller hat 48 Kilokalorien. Und alle wertvollen Inhaltsstoffe haben Sie trotzdem. Machen Sie's gut!“

Ein Liderklappern, die Andeutung eines Kusses Richtung Kamera. Das Abendprogramm kann beginnen.

 

 

Dienstag, 15. Juli 2014

 

Springbrunnenrauschen.
Die Bewegungen der Beine
beim Federball.

 

 

Montag, 14. Juli 2014

 

Ein Regen fällt.
Die Amsel singt immer noch.
Abenddämmern.

 

 

Sonntag, 13. Juli 2014

 

Unsere Nachrichtensprecherin senkt den Blick auf das letzte Blatt.

„Zum guten Ende: Sirianischen Wissenschaftlern ist es gelungen, das Gespräch des Windes mit den Blättern zu übersetzen. ,Ah', sagten sie, ,ah, wunderbar, so wunderbar!“

Und damit wünsche ich allen Ameisen einen guten Lauf in den neuen Tag. Und den Häschen genauso.“

 

 

Samstag, 12. Juli 2014

 

Als ich den Blick plötzlich unvermutet in den Wald warf, stand genau da ein Reh und sah mich an. Ich sah das Reh an und ging einfach weiter. Es rührte sich nicht.

Ob das Wild um die Zeiten der Menschen weiß, um Wochenenden und Feierabend? Wahrscheinlich schon, wegen der regelmäßig wechselnden Anzahl von störenden Menschen im Wald. Natürlich spielen Witterungseinflüsse hinein. Aber ich denke, alte Rehe kennen auch unsere Feiertage und stellen allerlei Mutmaßungen an, was diese Abweichungen von den Wochenperioden zu bedeuten haben.

Wind durch den Wald –
von den Spitzen der Blätter
löst er das Nass.

 

 

Freitag, 11. Juli 2014

 

„Das liegt an eueren Ampeln“, behauptete Käpt'n Cho und stolzierte bei Rot über die Kreuzung.

„Was?“, fragte Konrad und folgte ihm widerwillig.

„Dass ihr das unfreiste Tier auf dem ganzen Planeten seid.“

„Dafür sind wir ganz schön erfolgreich“, meinte Konrad.

„Worin erfolgreich? Freier zu werden?“ Käpt'n Cho zeigte seine Nagezähne. „Dies und jenes zusammenzuraffen, andere einzusperren, ja, immerhin. Aber selbst das letzte Kaninchen im Stall ist freier als ihr. Ihr glaubt, seine Besitzer zu sein, werdet aber ganz von unsichtbaren Drähten gelenkt. Das Kaninchen ist wenigstens in seinem Stall frei, ihr nirgendwo.“

„Das sind keine Drähte, das ist unser Verstand“, setzte Konrad dagegen. „Und das ganze nennt man Zivilisation.“

Käpt'n Cho grinste. „Das Schlechte am Stolz ist, dass er dich dazu bringt, dich selbst zu belügen. – Immerhin!“ Er verbeugte sich spöttisch.

 

 

Donnerstag, 10. Juli 2014

 

Kalter Sommertag.
Ein Alpha Romeo voll Müll,
ohne Nummernschild.

 

 

Mittwoch, 9. Juli 2014

 

Ihre Nachrichtensprecherin lächelt: „Regen fällt auf die ganze Welt“, singt sie und macht einen Knicks. „Und haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass sich Wasser, von dem gesagt wird, dass es das Elixier des Lebens sei, immer den Weg des geringsten Widerstands sucht?“

 

 

Dienstag, 8. Juli 2014

 

Schwerer Himmel.
Ein Martinshorn
tönt tief in die Dämmerung.

 

 

Montag, 7. Juli 2014

 

„Nicht auffallen, nur schauen!” bellt der Chef des Erkundungskommandos ein letztes Mal seine Truppe an. Einer der niederen Dämonen, die sich gerade aus der Unterwelt in den Jardin du Luxembourg, Paris, durchgegraben haben, pfeift ein Kinderlied. Andere klopfen ihre Klamotten ab und putzen Äxte und Spieße.

Zwei Polizisten schlendern heran. „Betreten des Rasens verboten“, sagt der eine. Die Augen des Chefs folgen der Richtung seines Zeigefingers bis zum Loch, aus dem gerade ein letzter Dämon klettert.

„Und bitte, das Gesetz ist neu, aber es will gleichwohl schon beachtet werden: Scheren Sie Ihre Bärte !“

„Mein Bart verleiht mir meinen Rang“, brummt der Chef. „Warum soll ich ihn scheren?“

Passanten sind stehengeblieben und scheuen nicht mit Kommentaren.

„Das ist nun eben Gesetz und Gesetze muss man befolgen“, sagt der eine.

„Das dient der Sicherheit“, behauptet ein anderer. „Die Überwachungskameras kommen noch nicht mit Bärten zurecht.“

Der Chef rubbelt ein wenig Blut aus seinem Bart. Erst jetzt fällt ihm auf, dass alle Spaziergänger glattrasiert sind.

„Bärte tragen ist diskriminierend“, erklärt ein weiterer und putzt seine Brille, „Frauen können schließlich keine bekommen. In einer multikulturellen, demokratisch legitimierten Gesellschaft müssen sich deshalb alle rasieren.“

Der Chef schaut von den immer zahlreicher werdenden Zuschauer mit ihren Sonnenschirmen zu den freundlich lächelnden Polizisten. Er blinzelt ins Licht. Dann herrscht er seine Truppe an: „Zurück!“ Und sie verschwinden wieder im Loch.

Vor der Invasion und der Angliederung von Paris an das Höllenreich sind offenbar noch einige Feinheiten zu klären.

 

 

Sonntag, 6. Juli 2014

 

Der Himmel ist Lied geworden,
in einer Amsel.
Abenddämmerung.

 

 

Samstag, 5. Juli 2014

 

Die Inseln der Vogellieder
im Regen.
Das duftende Gras ...

 

 

2014-02-04 06-40-26 0578 Dschunke Morgendämmerung Halong-Bucht 400x300Freitag, 4. Juli 2014

 

Aus der Aufarbeitung einer Indochina-Reise, an der ich gerade bin.

Halong-Bucht, das heißt Bucht des herabsteigenden Drachens. Einer Legende nach (es gibt mehrere) soll eine Drachenmutter mit ihren Kindern den von Feinden bedrohten Vietnamesen zu Hilfe geeilt sein. Sie spuckte 3.000 Perlen ins Wasser, die zu Felsinseln wuchsen und den Angreifern den Weg versperrten.

Wer das nicht glaubt, muss die Theorien der Geologen lesen. Muschelkalkablagerungen kommen drin vor und tektonische Bewegungen. 1.969 Kalkinseln werden auf dem 1.500 Quadratkilometer großen Gebiet offiziell angegeben.

Schöneres als die Bucht mit ihren zahlreichen bewaldeten Inseln, Höhlen und Binnenseen dürfte es kaum geben. Schwärme von Dschunken durchpflügen das Meer. Die Einheimischen wohnen in schwimmenden Dörfern. Sie fischen, züchten Austern und handeln. Auch wer einen genaueren Blick auf das Wasser wirft, wird die Bucht trotzdem noch lieben.

 

 

Donnerstag, 3. Juli 2014

 

„Evolution, Evolution“, pfiff Käpt'n Cho. „Ist es nicht unglaubhaft, dass die Evolution in all den Jahrmilliarden auf der Erde nur die Edel-Ratte als intelligentes Wesen hervorgebracht hat?“

„Und den Menschen“, behauptete Konrad.

Käpt'n Cho warf ihm einen schiefen Blick zu und fuhr fort. „Wenn es Evolution überhaupt gibt. Ich glaube, es hat noch niemand wirklich nachgewiesen, dass durch Mutation und Auslese etwas Neues entstanden ist.“

„Ich erinnere mich an Bilder von Faltern im englischen Wald“, sagte Konrad. „Erst waren sie hell wie die Baumrinde. Dann kam die Umweltverschmutzung, die Rinde wurde dunkel – und die Falter auch.“

„Das ist eine Auslese der natürlichen Variation“, Käpt'n Cho rieb sich die Nase. „Die getarnten Falter überleben und pflanzen sich fort, die anderen nicht. Solche Variation gibt es überall. Manche Vögel fliegen in den Süden, wenn es kalt wird, andere derselben Art bleiben. Wenn sich das Klima ändert, sichert das einer Art allerdings die Existenz. Aber dass ein Auge entsteht, wo vorher keines war, dass sich ein Blutkreislauf entwickelt und Nervenzellen, dass sich durch Mutation Strukturen im Gehirn bilden, die es verbessern – das hat noch niemand gesehen.“

„Hast du eine bessere Theorie?“, fragte Konrad.

„Für Theorien bin ich zu klug“, prahlte Käpt'n Cho und reckte sich. „Wenn eine Edel-Ratte Hunger hat, dann isst sie. Wenn eine Edel-Ratte eine Frage hat, sucht sie nach einer Antwort. Nicht nach einer Theorie. Wenn keine Antwort kommt, bleibt die Frage. Wir betrügen uns nicht mit Theorien über unser Unwissen.“

„Aber Vermutungen kennst du doch auch!“, sagte Konrad.

„Vermutlich“, grinste Käpt'n Cho.

„Letztlich“, begann Konrad.

„Letztlich“, nahm Käpt'n Cho das Wort sofort auf, „ist unser ganzes Denken eine Theorie. Dass da eine Welt außerhalb von uns selbst ist, dass da andere Wesen sind, dass da ein Stück Käse auf einem Tisch liegt ... Aber Wörter kann man auch überstrapazieren. Es ist besser, da von Tatsachen zu reden, wo Sachen sind, die man tun und anfassen kann, und das Wort Theorie nimmt man für müßige Erklärungen.“

„Wenn der Teufel vom Essen spricht“, staunte Konrad und blieb stehen. Mit dem Wanderstock zeigte er auf die Blumenwiese, die hinter der Biegung aufgetaucht war. Mitten in der Wiese stand ein gedeckter, mit Essen und Trinken überladener Tisch.

„Wo mag der Tisch herkommen?“, fragte Konrad.

„Was mag es alles zu essen geben?“, fragte Käpt'n Cho.

Sie stürmten heran.

 

 

Mittwoch, 2. Juli 2014

 

Abenddämmerung.
Unter dem Amsellied
summt der Rechner.

 

 

Dienstag, 1. Juli 2014

 

An der Schnellstraße –
in Johannisbeeren rundet sich
Licht.

 

 

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