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Fluten-Log
Volker Friebel

 

Archiv August 2014

 

 

Sonntag, 31. August 2014

 

Hinter dem Vorhang des Regens
die Stille.
Geschlossene Augen.

 

 

Samstag, 30. August 2014

 

Den Nebel erhellen
Sonnenblumen. Ich fahre weiter,
von Traum zu Traum.

 

 

Freitag, 29. August 2014

 

Sieben-Täler-Höhle –
vom Himmel fort ducken wir uns
in ein stilleres Reich.

Unter dem Himmel ist immer Musik. Da sind die Geräusche der Erdoberfläche und die Musik, die vom Himmel kommt. Vielleicht, wenn einer ganz still wäre, könnte sich eine andere Musik einstellen, in der Höhle, eine Musik der Erde.

 

 

Donnerstag, 28. August 2014

 

Ein Ausflug zum Literaturmuseum der Moderne in Marbach am Neckar.

 

Literaturmuseum

Die kühle Luft vor dem Poesieautomaten.
Ich lausche auf die Schritte in der Wechselausstellung
„Reisen. Fotos von unterwegs“. Autoren fotografieren
die Welt. Meine Kamera drückt mich am Hals.
Auch Hofmannsthal trank vom Kastalischen Quell.
Andere waren auf Korfu, in Österreich.
So viele Orte, die ich nicht kenne.
Vergilbte Bilder, ein Lebensband.

 

 

Mittwoch, 27. August 2014

 

Freibier-TV: Die Nachrichten des Tages.

Unsere Nachrichtensprecherin nimmt das nächste Blatt auf. Es ist himmelblau.

„Im Fortschrittsdelta des Planeten Daodu wurden einer Pressemitteilung zu Folge die ersten Schulen für das Vergessen eingerichtet. Schulpflicht gibt es keine, die Teilnahme ist freigestellt. Trotzdem bilden sich lange Schlangen von Erwachsenen vor den Einrichtungen, die dort von Kindern in der Kunst der Unwissenheit unterrichtet werden möchten. Einer Vertreterin von König Matterhorn dem Ersten zu Folge, die dem beginnenden Schuljahr beiwohnen möchte, ist das Lernziel anspruchsvoll, aber erreichbar. König Matterhorn der Erste stimmte diesem denkwürdigen Aufbruch in der Pädagogik durch Schweigen zu.“

 

 

Dienstag, 26. August 2014

 

Nachtregen.
Die Stille erinnert mich
an mein Leben.

 

 

Montag, 25. August 2014

 

„Meine lieben Mitverschwörer“, die Nachrichtensprecherin senkt ihr Stimme, „es ist wirklich alles ganz normal. Alles ist ganz normal – denkt bitte daran!“

Ein letztes Blinzeln, dann wird das Licht ausgeschaltet.

 

 

2014-08-24 12-37-32 0891 Schlichem-Klamm 400x300Sonntag, 24. August 2014

 

Gespräch von Wasser
und Stein. Im Vogelsang Lücken
für andere Vögel.

    Schlichem-Klamm bei Irslingen

 

 

 

 

 

 

Samstag, 23. August 2014

 

„Meine lieben Eintagsfliegen“, intoniert die Nachrichtensprecherin und blinzelt in die Scheibe der Kamera, „wisst ihr eigentlich, dass die Menschen ihr langsames Sinken gar nicht bemerken? Sie haben so viele Tage und vergleichen immer nur den jetzigen Tag mit dem Tag davor. Dass es vor zwanzig Jahren besser um sie und die Welt stand und vor vierzig Jahren sogar noch mehr, sagt ihnen zwar die Statistik, doch die packt nicht ihr Herz. Seit nun schon unzähligen Fliegenleben, seit sechzig Sommern der Sonne, geht es bei den Menschen bergab. Aber weil sie nur von Tag zu Tag leben, sind sie keiner Tat fähig, die das zu wenden versuchte. So freut euch weiter von Tag zu Tag, liebe Fliegen, die Menschen tun es auch.“

Der Herstellungsleiter hat die Sendung auf seiner monatlichen Inspektion mitangeschaut. Er wiegt den Kopf – hin, her, hin.

„Du solltest sie feuern, sie untergräbt die Moral“, meint sein Assistent und haucht ihm einen Kuss zu.

„Ein bisschen Kritik und Nihilismus ist gut, das immunisiert gegen viel Kritik und viel Nihilismus“, entgegnet der Herstellungsleiter. „Außerdem sieht sie gut aus.“ Er ginst seinen Liebsten an.

 

 

Freitag, 22. August 2014

 

Aus einer Fahrradfahrt von Ulm-Söflingen nach Tübingen

 

Tiefe der Sehnsuchtsfarben –
das Schlagen der Mühle
am Blautopf.

 

Albaufstieg.
Neben der Blau das Lied
einer Kreissäge.

 

2014-08-22 14-57-48 0793 Schwäbische Alb bei Römerstein 400x300Ackerschollen.
Der schwere Flug einer Krähe
zum Horizont.

 

Niedergelassen
im kahlen Maisfeld: ein Kohlweißling
und der Wind.

 

Stroh wenden.
Der Traktor fährt Furchen
in den Himmel.

 

Fotos: Schwäbische Alb bei Römerstein sowie Gänse im Neckartal bei Tübingen

2014-08-22 19-06-28 0841 Gänse bei Tübingen 600x129

 

 

Donnerstag, 21. August 2014

 

Aus Ulm-Söflingen

Foto: zwei Pilzesammler unter dem Parasolschirm 

2014-08-21 17-58-18 0622 Parasolpilz bei Ulm-Söflingen 400x254Auf dem Sonnenhut
schimmert Nachtregen.
Ein Flügelschlag.

 

Pilze suchen –
eine Taube
fliegt in das Dämmern auf.

 

Beim Pilze sammeln –
verfangen
im Netz einer Spinne.

 

 

Mittwoch, 20. August 2014

 

Aus einer Fahrradfahrt von Waldstetten (bei Schwäbisch Gmünd) nach Ulm-Söflingen

 

Die klobigen Perlen
der Autos zählen.
Alb-Aufstiegs-Mantra.

 

Hahnenfuß –
am Bergpfad stehengeblieben,
nicht weit vor dem Pass.

 

Albaufstieg –
mit uns wandern die Schichten
von Erdzeitaltern.

 

Der Mähdrescher
speit Frucht auf den Wagen.
Wolkenfronten.

 

Stoppelfelder.
Über dem Dorf pulsiert
ein Starenschwarm.

 

Geruch von Stroh.
Spreu fliegt übern Weg, gibt
ein Weizenkorn frei.

 

Die Reihe der Bäume
am Bachlauf.
Die Himmelswiese.

 

 

Dienstag, 19. August 2014

 

Aus Schwäbisch Gmünd

Foto: Brunnen, vom Turm der Johanniskirche aus fotografiert 

2014-08-19 17-08-40 0468 Brunnen Schwäbisch Gmünd 400x300In der Klosterkirche
das Schweigen der Steine.
Jemand übt Orgel.

 

Vom Holz der Kirchenbank
aufgenommenes Leid.
Leere Luft zittert.

 

Im Baum rufen Kinder.
Die Geduld des Springbrunnens
vor der Ausstellungshalle.

 

 

Montag, 18. August 2014

 

Auf dem Bergpfad:
Die Kühle des Winds
in den Kleidern.

    Rosenstein (bei Schwäbisch Gmünd)

 

Am Stoppelfeld abends –
der Wind mit der Farbe
der Wolkenfront.

    Fahrradfahrt Bargau – Waldstetten (bei Schwäbisch Gmünd)

 

 

Sonntag, 17. August 2014

 

Aus einer Wanderung auf Rechberg und Stuifen (bei Schwäbisch Gmünd)

Foto: Rechberg, vom Stuifen aus fotografiert 

2014-08-17 14-07-28 0312 Rechberg bei Waldstetten 400x300Am Bergpfad.
Roter Klee hält seinen Platz
in der Unendlichkeit.

 

Am Abhang sitzen,
über den der Wind
kommt und geht.

Bank am Stuifen-Gipfel. Bis auf den Markstein ein beliebiger Punkt auf dem Kamm mit einem beliebigen Schnitt zwischen den Bäumen in eine Landschaft hinein, die die unsere ist, mit Wolken, die die unseren sind, obwohl sie immer schon weiterziehen.

 

Gemähte Wiese –
Grashüpfer springen tonlos
ins Licht.

 

Im Wald verirrt,
umstellt
von breitblättrigem Grün.

 

Abendglocken.
Der Wind bewegt die Sonne
langsam.

 

 

Samstag, 16. August 2014

 

Aus einer Fahrradfahrt von Tübingen nach Bargau (bei Schwäbisch Gmünd)

Foto: Der Hohenstaufen; rechts von der Bildmitte lugt der Rechberg vor 

2014-08-16 14-06-38 0236 Hohenstaufen und Rechberg bei Rechberghausen 400x300Nach dem Regen –
die Gänseweide voll Glanz
und Geschnatter.

 

Niedergelegt –
ein Schwan zupft
Sonnenfunken.

 

Aus dem Stoppelfeld –
der Spatzenschwarm steigt
den Tropfen entgegen.

 

Über der Werkshalle
noch immer unklar: Der Weg
der Wolken.

 

 

Freitag, 15. August 2014

 

Nach dem Regen
der Himmel. Im Keller mein Fahrrad –
und Ölflecken.

 

 

Donnerstag, 14. August 2014

 

Amsellieder.
Die Zeit stahl
alle Kirschen im Baum.

 

 

Mittwoch, 13. August 2014

 

Die Moderatorin blinzelt und stellt vor: „Unser heutiger Studiogast ist der Historiker Professor Hinkelstein. – Lieber Fred“, sie lächelt in die Kamera, „in Ihrer jüngsten Veröffentlichung haben Sie das Problem gelöst, welche Zeit der Geschichte die beste Zeit ist.“

„Richtig“, bestätigt der Professor und nickt. „Wissen Sie – es ist unsere Zeit. Denn an unsere eigene Zeit sind wir naturgemäß am besten angepasst, wir leben schließlich in ihr.“

„Wie wunderbar“, strahlt ihn unsere Moderatorin an. „Vielen Dank für diese gute Nachricht!“

Sie zwinkert, nimmt ein Blatt auf und liest in die Kamera:

„Sol-System. Die aus den ersten freien Wahlen hervorgegangene neue Regierung des Mondes Europa hat als erste Maßnahme alle Nachrichten-Medien verboten und sämtliche dort arbeitende Redakteure und Journalisten einsperren lassen. Wie der Sprecher des neugeschaffenen Medien-Ministeriums mitteilte, erwartet die Regierung dadurch eine wohltuende Reduzierung der Mitteilungsfülle und eine Steigerung von Wahrheitsgehalt und Bedeutsamkeit.

Der im Wahlkampf gleichfalls versprochene Umbau der Justiz und die Entlassung aller Richter und Staatsanwälte lässt dagegen auf sich warten. Wie aus gewöhnlich gut informierten Kreisen zu erfahren war, tobt ein Streit um die Alternativen. Die Einsetzung eines Rechts-Computers sei zwar beschlossene Sache, seine Programmierung aber umstritten. Während eine Gruppe von Abgeordneten auf die nackten Rechtsnormen beharrt, möchte eine andere durch die Hinzunahme von Emotionalität und einer Zufallsfunktion mehr Menschlichkeit zulassen. ,Dann können wir die korrupten Schweine ja gleich behalten', kommentierte der designierte Gerechtigkeitsminister unserer Quelle zufolge solche Bemühungen.“

Die Moderatorin lächelt und legt das Blatt weg.

„Liebe Mäuschen und Pelikane“, säuselt sie dann. „Freuen wir uns, dass wir leben wo wir leben, weil es irgendwo anders bestimmt viel schlimmer ist. Das hat mir eine Rose gesagt, als ich mittags aus der Kantine durch den Garten ging. Aber ich wusste es schon.“

 

 

Dienstag, 12. August 2014

 

Bildschirmflimmern.
Warum ich immer wieder
das Böse anwähle.

 

„Schwarm-Denken – was so in Kommissionen geschieht, in Arbeitsgruppen, in Koalitionen ...“, der Professor seufzt. „Das Ergebnis liegt regelmäßig unter dem Intelligenzquotienten des dümmsten Mitglieds irgendeiner dieser Gruppen. Früher hielt man den Alleinherrscher für besonders gefährlich, den Tyrannen, Diktator. Heute weiß man, dass es etwas noch Gefährlicheres gibt: Die Anonymität in der Gruppe, die Verantwortungslosigkeit, die Hemmungslosigkeit in dieser Anonymität.“

Ihre Moderatorin blinzelt: „Wie schätzen Sie, als Fachmann“, sie blinzelt den Professor nochmals an, „den Sexappeal dieser farbigen Weisen unserer Realitätsverarbeitung ein?“

„Den Sexappeal ...“, der Professor seufzt, grinst, zieht ein Taschentuch und schnäuzt sich kräftig. „Das dürfte alles entscheiden. – Aber wohin? Und letztlich dann auch: wozu? Wenn der Sexappeal entscheidet, ist alles egal.“

Ihre Moderatorin lächelt leicht enttäuscht und fährt fort: „Und damit kommen wir zum Wetter.“

 

 

Montag, 11. August 2014

 

Libellentanz!
Langsam schwindet im Waldbach
der Himmel.

 

Abenddämmern.
Die Libelle schwebt blass
waldbachaufwärts.

 

 

Sonntag, 10. August 2014

 

Konrad Lorenz „Der Abbau des Menschlichen“, 1983: „Am merkwürdigsten ist dabei die Tatsache, daß eine solche restlose Hingabe an eine Doktrin dem Indoktrinierten das vollkommene und offenbar restlos beglückende Gefühl persönlicher Freiheit verleiht.“

Friedrich Nietzsche in „Ecce homo“, 1889, über Inspiration: „Alles geschieht im höchsten Grade unfreiwillig, aber wie in einem Sturme von Freiheits-Gefühl, von Unbedingtsein, von Macht, von Göttlichkeit ...“

Zwei verschiedene Arten des Freiheits-Gefühls, beide in hohem Maße mit ihrem Gegenteil verknüpft. Wahrscheinlich benennen wir oft falsch, wenn wir sagen, dass wir uns „frei“ fühlen. Wahrscheinlich ist damit in vielen Fällen etwas ganz anderes gemeint, ein Eintreten in ein Größeres, einen Fluss, der uns mitreißt, mit dem wir uns aber eins fühlen.

 

 

Samstag, 9. August 2014

 

Hinter der Biegung verschwunden –
der Eisvogel,
ins Rauschen des Waldbachs.

 

 

Freitag, 8. August 2014

 

Die Spatzenschar –
von der Feldnachlese ein Flug
in den Schatten des Schilfs.

 

 

Donnerstag, 7. August 2014

 

Rote Rosen,
abblätternd
der Abendhimmel.

 

 

Mittwoch, 6. August 2014

 

Murmelnde Blumen.
Im Waldbach die Steine
bunt.

 

 

Dienstag, 5. August 2014

 

Die Schmuckverkäuferin:
Selbst trägt sie nur
ein silbernes Herz.

 

 

Montag, 4. August 2014

 

In stiller Erwartung
die Bäume.
Gewitterwolken.

Nun sitze ich schon eine Viertelstunde davor und finde den richtigen Ausdruck nicht. „Gespannte Erwartung“ – aber Bäume sind nicht gespannt und erwarten auch nichts, jedenfalls nicht so wie wir Menschen. Ich meine meine eigene Spannung, die ich auf die Bäume und die Gräser übertrage, wenn ich diesen Abend vom Schreibtisch in den Gewitterhimmel und in die Nachbarschaft schaue. Noch eine weitere Viertelstunde und das Haiku verändert sich, wird besser. Aber für heute muss es genügen.

 

 

Sonntag, 3. August 2014

 

Weniger als die Hälfte des Monds ist erleuchtet – und doch meinen wir mit dieser den ganzen Mond. Ich möchte den Schattenteil sehen und „Mond“ zu ihm sagen! Ich möchte beide Teile sich vervollständigen sehen und immer nur unter dem Vollmond leben!

 

 

Samstag, 2. August 2014

 

Ein Loch nach dem Seminar, auch bin ich etwas krank. Warum wir Menschen und Murmel so wenig träumen? Südtirol war schön.

Ich sah wieder Mr. & Mrs. Smith, eine Ehekomödie. Killer leben nicht mehr in verschiedenen Mafia -Familien, sondern arbeiten im Staatsdienst. Natürlich werden sie nicht direkt angestellt, sondern über private Dienstleister, die in Konkurrenz miteinander stehen. Und sich mitunter bekriegen.

Ich schätze, dass die Filme jeder Zeit so ungefähr die gesellschaftlichen Verhältnisse reflektieren. Schon bei den Bourne-Filmen habe ich mich gefragt, ob uns da jemand etwas mitteilen möchte. Auch bei Star Wars 1-3. Und mich dann für Nein als Antwort entschieden. Die Filmemacher wittern auch nur, was in der Luft liegt und versuchen, es in Geld umzuwandeln.

Und wenn das alles funktioniert? Warum dann moralisch werden?

Ich habe aber nicht den Eindruck, dass es funktioniert.

Und was heißt eigentlich Moral? Die „faktischen Handlungsmuster“ einer Kultur? Was bedeutet es dann, wenn die Handlungsmuster des Regimes im Widerspruch zum Empfinden der Individuen stehen? Aber das Empfinden wird sich schon mit der Zeit ändern. Auch dazu sind Filme da.

„Paradoxerweise liegt ein Hoffnungsschimmer in der Tatsache, daß die Menschen genetisch noch nicht genügend entmenscht sind, um sich der gleichmachenden Überorganisation zu fügen, ohne dabei Schaden zu nehmen“, schreibt Konrad Lorenz in „Der Abbau des Menschlichen“.

Das wird sich ändern.

Schwarze Gedanken am Ende eines trüben Tages. Morgen wird wieder die Sonne aufgehen. Und ich mache Musik.

 

 

Freitag, 1. August 2014

 

2014-08-01 07-21-02 0110 Eisack Nähe Kloster Neustift bei Brixen 400x300

Eisack, Nähe Kloster Neustift, bei Brixen

 

Am Eisackufer –
der eine Stein unter vielen
mit offenen Augen.

 

Am Ufer des Gebirgsflusses
liegt eine Uhr,
schlägt.

 

 

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