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Fluten-Log
Volker Friebel

 

 

Archiv Oktober 2014

 

 

Freitag, 31. Oktober 2014

 

Dieses Klingen ...
Lichter der Landstraße –
der Himmelsstrom.

 

 

2014-04-18-12-13-14-0249-Riesen-Fenchel-Wanderung-Itea-nach-Delphi-300x400-98%Donnerstag, 30. Oktober 2014

 

Aus der heutigen Bearbeitung einer Wanderung zum Kastalischen Quell:

 

Riesenfenchel blüht.
Jemand reicht
Datteln zur Rast.

Prometheus soll, das berichtet Hesiod, den Menschen das gestohlene Feuer aus der Schmiede des Hephaistos gebracht haben, verborgen im Mark eines Riesenfenchels. So blieb es Zeus verborgen. Bei der Rast an einer kleinen Kirche am Bergpfad entzünden auch wir einen Stängel. Flötenklänge. Wir pusten und pusten. Langsam frisst sich die Glut durch das Mark. Wir wollen sie hoch nach Delphi tragen, zu den Göttern zurück.

Auch der Thyrsosstab war aus dem verholzten Stängel des Riesenfenchels gemacht und oben noch mit einem Pinienzapfen versehen. Mit solchen Stäben sind die Mänaden den Hang des Parnass hoch zur Korykischen Grotte gelaufen, zu den Festen des Dionysos.

 

 

Mittwoch, 29. Oktober 2014

 

Am Waldbach –
ich rede mit
dem fallenden Laub.

 

 

Dienstag, 28. Oktober 2014

 

Am Waldbach sitzen,
den Blick hoch zum endlos fallenden
Himmel.

 

 

Montag, 27. Oktober 2014

 

Wie sie rennt,
mit dem Koffer, zwischen
fallendem Laub!

 

 

Sonntag, 26. Oktober 2014

 

Waldtiefe.
Zwischen fallendem Laub der Flügelschlag
eines Schmetterlings.

 

 

Samstag, 25. Oktober 2014

 

Die Moderatorin lächelt.

„Erfreuliche Nachrichten vom Planeten GottesEigeneWelt. Der Präsident erklärte auf einer Pressekonferenz, er glaube nach wie vor an das Gute im Menschen und lasse sich davon auch durch alle Beweise für das Gegenteil nicht abbringen.

Vom Planeten Daodu erreichen uns heute dagegen betrübliche Neuigkeiten: Ein Blatt ist aus dem Wipfel einer Linde gefallen und treibt nun auf dem Wasser zum Meer.“

 

 

Freitag, 24. Oktober 2014

 

Im Klang des Bachs
unhörbar das fallende Blatt.
Waldatem.

 

 

Donnerstag, 23. Oktober 2014

 

Herbstnacht.
Die Leichtigkeit eines Tanzschritts
auf totem Laub.

 

 

Mittwoch, 22. Oktober 2014

 

„Manchmal fällt es schwer, tolerant und offen auch für die Weltanschauungen und Verhaltensnormen anderer Leute zu sein“, tschilpt Anton.

„Besonders, wenn in diesen Verhaltensnormen Spatzen vorkommen, sie selbst aber viel größer sind – und keine Vegetarier“, tschilpt Karl.

Die beiden sitzen im Apfelbaum und beobachten den dicken, fetten Kater, der ganz langsam unter ihnen vorbeistreicht und dabei so tut, als sähe er sie nicht.

 

 

Dienstag, 21. Oktober 2014

 

„Blumen sprießen, blau und rot. Das Leben mag fließen, doch wir sind der Tod.“ Die Moderatorin dreht sich weg in den Schatten.

„Heute hat mich Sangita besucht“, sagt sie in die Leere. „Sie leitet einen Mantra-Singkreis. Zwei Stück Apfelkuchen vom Blech hat sie vorbeigebracht. Ich habe sie nichts gefragt.

Vor ein paar Tagen war ich bei Beate. Sie erzählte von Mutter Theresa, unter der sie gearbeitet hat, und von den Verleumdungen der Schwestern, für einen Zeitungsartikel, die nichts haben und alles geben. Immer hat sie gearbeitet und alles gegeben.

Gottfried Benns Gedicht fiel mir ein, Menschen getroffen. Warum ich immer weinen muss, wenn ich an es denke? Es ist nicht sehr kunstvoll. Das Böse sind wir.“

Die Kamera ist kalt. Kein Licht scheint. Die Moderatorin schaut in die Dunkelheit. Einmal, das wissen wir alle, wird sie auch so sein.

Einmal wird sie die Tränen fließen lassen und sich nicht mehr erinnern, wo Ein und wo Aus ist.

 

 

Montag, 20. Oktober 2014

 

Blättertanz.
Der Herbst zieht alle Farbe
aus meinem Haar.

 

 

2014-10-19 11-44-06 0261 Sonnenblumen bei Wangen Fahrradfahrt Tübingen - Waldstetten - 400x300 Sonntag, 19. Oktober 2014

 

Sonnenblumen.
Eine löst sich, für ihren Bogen
am Himmel.

 

 

 

 

 

 

 

Samstag, 18. Oktober 2014

 

Abendlicht.
An den Hagebutten entsteht
das Rot.

 

 

Freitag, 17. Oktober 2014

 

Schuss um Schuss –
die Waldbachschnellen hinab
tote Blätter.

 

 

Donnerstag, 16. Oktober 2014

 

Gefallenes Laub,
von jedem stillen Fenster
erleuchtet.

 

 

Mittwoch, 15. Oktober 2014

 

„Hallo Karl“, tschilpt Anton.

„Hallo, Anton“, tschilpt Karl.

„Findest du nicht auch, dass wir einmal das machen sollten, was die Menschen ‚Urlaub’ nennen?“, tschilpt Anton.

Karl schweigt und ruckt auf dem Zweig ein Stückchen nach rechts – und ein Stückchen nach links.

„Einen Flug nach Süden, meine ich!“ Anton wird konkreter.

Karl entgegnet: „Aber ich mag die Schneeflocken so sehr! Sie haben keine Flügel, aber sie fliegen!“

„Das tun die Menschen auch und sie fliegen nach Süden“, beharrt Anton.

„Aber sie schweben lange nicht so schön wie eine Schneeflocke! Guck sie dir an!“

Die beiden Spatzen schauen von ihrem Zweig ein bisschen den Menschen zu. Und tschilpen spöttisch.

Aber keiner der Menschen versteht sie. Als sich ein Kind heranzuschleichen versucht, tschilpt Anton: „Wie eine Katze so flink wirst du nie!“

Und sie fliegen davon. Nach Norden.

 

 

Dienstag, 14. Oktober 2014

 

Tiefe der Herbstnacht.
Ich erinnere
Wellenrauschen.

 

 

Montag, 13. Oktober 2014

 

Ist alle Vielfalt, alle Schönheit des Lebens nur durch Konflikt und Auseinandersetzung zu erklären? Kann sich eine neue Blume nicht einfach nur, weil sie schön ist, bilden und weil sie mit ihrer Schönheit Ja sagen will zum ganzen All?

Vor einem Bildschirm sitzen. Kein Atemzug gelangt in die virtuelle Welt.

 

„Ich muss über die Grenze!“, Käpt'n Cho zeigt die Zähne.

„Ich nicht“, entgegnet der Grenzbeamte, krempelt seine Taschen um und zeigt sein eigenes Gebiss.

Käpt'n Cho lacht.

Auf dem Bildschirm über ihnen begrüßt eine Moderatorin den Studiogast.

 

Vielleicht müssen wir das, wohin wir wollen, erst selbst erschaffen. Vielleicht können wir das nur, wenn wir frei sind von Konflikt und Auseinandersetzung. Aber nicht frei von Träumen.

 

„Auf die Menschen einwirken kann man nur, wenn man ihre Träume noch deutlicher träumt, als sie selbst, nicht aber, wenn man ihnen seine Gedanken so beweisen will, wie man geometrische Lehrsätze beweist.“ Alexander Herzen (1812-1870) in: Mein Leben: Memoiren und Reflexionen, Band III. Berlin: Aufbau-Verlag, 1962, 8. Teil, 3. Kapitel, V, Seite 649.

„Auf die Menschen einwirken“? Ein demokratischer Agitator (einer der besten). Damals gab es auch fast die Wahrheit und um ein Haar die Ehrlichkeit. „Einen Raum eröffnen“ fände ich besser. Realistischer ist „Auf die Menschen einwirken“.

Die Welt ist aus Träumen gemacht.

 

 

Sonntag, 12. Oktober 2014

 

„Liebe Windflüchter“, im Lächeln der Moderatorin funkelt eine Prise Triumph, „das Institut zur Berechnung der Raumkrümmung und anderer Peinlichkeiten auf dem Planeten Sensezei hat soeben den Preisträger des jährlich vergebenen Wahrheits-Preises verkündet. Auserwählt ist der marsianische Kriegsherr Golom der Elfte.

In seiner Begründung verweist das Institut auf die kürzlich veröffentlichten Aussagen Goloms, er habe seinen letzten Feldzug nicht etwa geführt, weil er sich verteidigen oder Zivilisten retten wollte oder aus sonstigen Gründen der Humanität, sondern aus Raubgier und der Lust zu töten. Er betonte in diesem Gespräch außerdem nachdrücklich, dass er gerne jede Gelegenheit zum Töten ergreife, weil ihm das im Blut liege. Und verzichtete, so das Institut weiter in seiner Begründung, sogar auf den Zusatz, dass er für sein Blut nichts könne sowie auf jeden Versuch, sich als zum Eingreifen gezwungen darzustellen. –

Ich bitte unseren Studiogast Professor Caspar um eine Einschätzung dieser doch erstaunlichen Wahl.“

„In der Tat erstaunlich – aber nicht unverdient“, der Professor säuselt in den leeren Raum neben der Kamera. „Ich darf darauf hinweisen, dass Golom noch nicht einmal behauptete, nur für den Frieden und die Freiheit zu kämpfen, dass er ausdrücklich von Töten sprach und überhaupt keinerlei sprachliche Windungen unternahm, das reale Geschehen zu verbergen. So viel Wahrheitsliebe findet man im öffentlichen Leben sonst nie.“

„Können wir uns von dieser Wahl einen Effekt erhoffen? Eine Zunahme des Wahrheitsgehalts in den Aussagen unserer lieben Politiker?“ Die Augen unserer Moderatorin funkeln heute grün.

„Einen Anfang hat bereits das Institut selbst eben mit dieser Wahl gemacht“, meint der Professor. „Bei einem solchen Preis ist das ungewöhnlich. Noch mehr zu erwarten, wäre vermessen.“

 

 

Samstag, 11. Oktober 2014

 

Herbstfarben.
Die Kleinheit der Menschen
vor dem Dämmern.

 

 

Freitag, 10. Oktober 2014

 

Bücherreihen –
in einer Lücke der Buddha
schaut in die Leere.

 

 

Donnerstag, 9. Oktober 2014

 

Waldbachrauschen.
Eine Eichel
fällt in die Stille.

 

 

Mittwoch, 8. Oktober 2014

 

Im Herbstregen,
gehen, durch den Vorhang
fallenden Laubs ...

 

 

Dienstag, 7. Oktober 2014

 

Unsere Moderatorin kneift ein Auge zu und beginnt: „Zum heutigen Studiogespräch begrüße ich eine neue Musikgruppe, ‚Die Neger’. – Ein anrüchiger Name. Ist das nicht sogar verboten? Und Sie sind alle weiß!“

Ein Musiker: „Bitte keinen Rassismus! Dass wir Weiße sind, tut nichts zur Sache. Es ist anrüchig, einen Mitmenschen dunkler Hautfarbe ‚Neger’ zu nennen. Aber eben deshalb ist der Name frei – niemand will ihn haben. Und wir suchten gerade einen Namen für unsere neue Band. ‚Zigeuner’ war leider schon vergeben. Also eben ‚Die Neger’.“

Ein anderer Musiker ergänzt: „Wenn nun ein schwarzer Mitbürger fälschlicherweise als ‚Neger’ bezeichnet wird, kann er protestieren und richtigstellen, er sei kein Mitglied unserer Band.“

Moderatorin: „Nächste Woche wird Ihr erstes Album veröffentlicht. Fürchten Sie nicht Auseinandersetzungen um Ihre Texte, ganz egal, welche Tendenz sie zeigen?“

Ein Musiker: „Unser Album ist instrumental.“

Moderatorin: „Das scheint klug – aber büßen Sie da nicht einen Großteil Ihrer Werbewirksamkeit ein, wenn es keine Diskussionen und womöglich Schlägereien gibt?“

Ein Musiker: „Um Himmels Willen – wir sind Pazifisten! Im Übrigen setzen wir ganz auf Merchandising .“

Moderatorin: „Hemden?“

Ein Musiker: „Neger-Küsse. Also eigentlich Schoko-Küsse, aber auf den Schachteln ist ein Portrait unserer Band gedruckt, als Namensgeber.“

Moderatorin: „Das ist lustig! Wissen Sie, was die Bezeichnung ‚Trittbrettfahrer’ meint?“

Ein Musiker: „Falls wir damit erfolgreich werden, lassen wir uns gegen ein paar Gebühren vielleicht dazu breitschlagen, auch Portraits von Mitmenschen anderer Hautfarben abzubilden, Hand in Hand.“

Moderatorin: „Ich danke Ihnen für dieses geschmacklose Gespräch.“

Ein Musiker: „Nun, mein Täubchen, wir haben zu danken, denn wir leben in einer geschmacklosen Zeit. Trotzdem alles Gute!“

 

 

Montag, 6. Oktober 2014

 

Oktobermond
hinter dem Fenster – am Bildschirm
treiben Blätter.

 

 

Sonntag, 5. Oktober 2014

 

Auf dem Pflaster
Herbstlaub und Laternenlicht,
tanzend mit Schatten.

 

 

Samstag, 4. Oktober 2014

 

„Blumen sprießen, blau und rot. Das Leben mag fließen, doch wir sind der Tod. – So hab ich gesungen. Und ich singe es wieder!“

Die Moderatorin dreht sich ganz in die Kamera und strahlt.

Der Kameramann brummt und fährt ganz groß auf die blinkenden Augen.

„Wie wir uns als die Mitte der Welt empfinden – und sind doch ein Klecks am Rand, der sich allerdings ausbreitet und alles erblinden lässt und die Blinden erstickt. Manchmal will ich nur noch schlafen und träumen.“

Die Moderatorin hat ihr Köpfchen geneigt.

„Es ist nicht das Geld, es ist Ihre Liebe, die mich weitermachen lässt!“

Und sie zeigt ein Lächeln, in dem wertvolle Werbeminuten verstreichen, bis es endlich verblasst.

 

 

Freitag, 3. Oktober 2014

 

Wilde Astern.
Der Himmel schwingt sich hinab,
als Bienen.

 

 

Donnerstag, 2. Oktober 2014

 

Strömendes Herbstlaub.
Antifa – auf den Schafstall am Bach
gesprüht.

 

 

Mittwoch, 1. Oktober 2014

 

In der Herbstnacht
aufschauen, zu alt gewordenen
Sternen.

 

 

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