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Fluten-Log
Volker Friebel

 

 

Archiv Januar 2015

 

 

Samstag, 31. Januar 2015

 

„Hallo Karl“, tschilpt Anton.

„Hallo, Anton“, tschilpt Karl.

„Verstehst du, weshalb die Menschen von Jahr zu Jahr schneller werden?“, zwitschert Anton.

„Wieso schneller?“, zwitschert Karl zurück.

„Na, die Autos werden schneller, die Musik wird schneller, die Menschen gehen sogar immer schneller – vor allem auf dem Weg zur Arbeit“, behauptet Anton.

„Das kommt wahrscheinlich daher, dass sie es hinter sich bringen wollen“, tschilpt Karl.

„Was denn hinter sich“, tschilpt Anton.

„Das Sitzen im Auto, das Hören der Musik, die Arbeit“, behauptet Karl.

„Ein Glück, dass wir Spatzen sind“, zwitschert Anton. „Auf der Scheune sitz ich so gern – ich will das gar nicht hinter mich bringen!“

„Ein Glück, dass wir Spatzen sind“, pflichtet Karl ihm bei. „Auf der Scheune sitzen wir langsam.

 

 

Freitag, 30. Januar 2015

 

„Das Gegenteil einer richtigen Behauptung ist eine falsche Behauptung, aber das Gegenteil einer tiefen Wahrheit kann wiederum eine tiefe Wahrheit sein“.

(Niels Bohr, zitiert in: Pietschmann, Herbert: Exakte Wissenschaft und Bewußtsein. In: Guttmann, Giselher & Gerhard Langer (Hg ): Das Bewußtsein. Springer-Verlag, Wien, 1992, Seite 49-63, dort auf Seite 53.)

 

Was sind denn Behauptungen in diesem Sinne? Tatsachen-Behauptungen offenbar.

Wenn ich einen blauen Mantel sehe (Tatsache) und behaupte: „Dieser Mantel ist rot!“, dann stelle ich eine falsche Behauptung auf. Wenn ich einen blauen Mantel sehe (immer noch Tatsache) und behaupte: „Dieser Mantel ist nicht blau!“, ist das, logisch betrachtet, ebenfalls eine falsche Behauptung.

Meine Reaktion, die eines lebenden Menschen, ist aber eine andere, als auf die erste Behauptung, nämlich Verwirrung. Der offensichtliche Widerspruch zwischen dem, was ich sehe und dem, was behauptet wird, bringt mich in diesem Fall dazu, darüber nachzudenken, unter welcher Perspektive die Aussage denn wahr oder zumindest sinnvoll sein könnte. Philosophisch neige ich dazu, sie als ein Gesprächsangebot zu akzeptieren.

Bei der ersten Aussage, obschon gleichfalls ein Widerspruch zwischen dem, was ich sehe und dem, was behauptet wird, denke ich nur daran, dass jemand Farben oder Wörter für Farben verwechselt oder mich einfach veräppeln will. Warum reagiere ich bei der zweiten Behauptung viel vorsichtiger?

Zum einen gibt die zweite Behauptung die „richtige“ Farbe, nämlich blau, vor. Sie nennt sie, behauptet aber, dass sie nicht vorliege. Also scheidet eine bloße Verwechslung aus. Zudem ist das Wort „nicht“ recht anspruchsvoll. Auszusagen, etwas liege „nicht“ vor, erfordert eine höhere intellektuelle Leistung, als von allen möglichen Dingen zu behaupten, dass sie vorliegen – außer natürlich, wenn sie nicht vorliegen, aber das bestätigt meine Behauptung bloß. Zum bloßen Veräppeln passt das nicht ganz. Deshalb die Suche nach Alternativen des Verstehens, durch eine Erweiterung des Rahmens, in dem nach einem Sinn der Aussage gesucht wird.

Zwei logisch gleichermaßen falsche Aussagen werden also dadurch, dass ich Umgebungsvariablen berücksichtige, dass ich sie nicht isoliert sehe, sondern ihre Einbettung in der Welt würdige, zu zwei unterschiedlichen Aussagen, von denen die eine „falsch“ ist und die andere – herausfordernd.

Wenn das Feld der Logik-Tabelle für Tatsachen-Behauptungen als ein zweidimensionales aufgefasst werden kann, dann brächte die Berücksichtigung einer Einbettung von Tatsachen in die tatsächlich existierende Welt vielleicht etwas wie eine dritte Dimension hervor. Das muss die Dimension sein, in der weniger von „richtig“ und „falsch“ als vielmehr von „wahr“ und „unwahr“ die Rede sein kann. Eine Dimension, in der zwei Aussagen zur selben Tatsache, von denen die eine „richtig“ und die andere „falsch“ ist, sich nicht widersprechen müssen, sondern beide gleichermaßen „wahr“ sein können. Eine Dimension, in der sich zwei Aussagen widersprechen können, aber dennoch von gleicher „Tiefe“ sind. Das ist die Welt, in der wir tatsächlich leben.

 

PS: Ich schreibe „Logiktabelle“ und meine damit die „Wahrheitstabelle“ für logische Aussagen. Die Bezeichnungen dort sind, im zweiwertigen Fall, w für „wahr“ und f für „falsch“. Das ist aber falsch. Es muss eigentlich r für „richtig“ und f für „falsch“ heißen. Und der Name muss Logiktabelle oder Richtigkeitstabelle lauten. Die Wahrheit ist in der Logik ein Missverständnis.

 

 

Donnerstag, 29. Januar 2015

 

„Alle lieben die Wahrheit und jeder lügt“, heißt es in einem nicht schlechten, aber auch nicht wichtigen Film, den ich heute sah (Whisky mit Wodka, 2009). Das deutet irgendwie vage ins Menschliche, Allzumenschliche hinein, gar nicht anklagend und durchaus mit viel Verständnis und einem ganzen Kübel voll Sympathie.

Aber Nietzsche, um mal der Assoziation „Aphorismus“ zu folgen, hat die Wahrheit verdächtigt und trotzdem wenig bis gar nicht gelogen (aber sicher nicht immer die Wahrheit gesagt).

Und für Heidegger, um bei den Philosophen zu bleiben, und dann bei einem, der in einer noch schwierigeren Zeit lebte und dessen Sau deshalb gerade wieder durchs Dorf getrieben wird, gab es vielleicht nur zeitgeschichtliche Ausprägungen von Existenz und waren Wörter wie „Lüge“ und „Wahrheit“ gleichermaßen sinnlos.

Für den unphilosophischen Hausgebrauch brauchen wir offenbar beides. Woher kommt es, dass wir das eine hochschätzen und das andere nicht?

 

 

Mittwoch, 28. Januar 2015

 

Das Einhorn

Sie starren dich an aus dem Stein:
Säbelzahntiger, Flugechse, Mammut –
aber dies eine Tier fehlt dort, der Erde Schichten
kennen es nicht. Es beugt
die Blicke der Menschen.
Es heilt vom Gift.

Stiege das Einhorn aus der Mythe
ins geschundene Land, die Bäume im Forst
begännen wieder zu flüstern, der begradigte Strom
überflutete Standort und Umweltzone,
im Mondstaub versänken die Landungskapseln
und er öffnete das Auge der Schönheit,
und die Menschen, berührt,
könnten womöglich beginnen
zu lieben.

Fossilien bezeugen die Sagen,
Fossilien bezeugen: Zeit wird Stein.
Der Alten Last musst du nicht tragen,
wahr ist dein Herz allein.

Ein Traum, den viele träumen,
wird Stück um Stück noch wahr.
Mensch wirst du vor den Bäumen
und an dem Wasser klar.

 

Leicht überarbeitet aus: Volker Friebel (2008): Brunnensteine. Gedichte und Haiku. Zweite Ausgabe. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Dienstag, 27. Januar 2015

 

„Ich will gar nicht fliegen“, sagte der Regenwurm. Wobei er nicht log, wie etwa der Fuchs unter den Trauben. Die einzige Art und Weise wie sich der Regenwurm zu fliegen vorstellen konnte, war im Schnabel eines Vogels. Und wen wundert es, wenn er darauf keine Lust hatte.

Aber spricht das gegen das Fliegen?

    Entstanden September 2002

 

 

2015-01-26 13-20-24 0622 Elisabeth Menrad Wanderung Bad Wildbad - Grünhütte 300x400Montag, 26. Januar 2015

 

Eine Wanderung im Nordschwarzwald, von Bad Wildbad (425 Meter über dem Meer) zum Wildsee, einem Moorauge (909 Meter über dem Meer), und zurück.

 

Vorhänge
klingenden Schnees – die Farben
der Vogelpfiffe.

 

Über dem Schnee
Geruch frisch geschlagenen Holzes.
Tiefe Stille.

 

Treibender Schnee.
Die Möglichkeit
einer Heimat.

 

Schneetreiben
über das Hochmoor. Die Spuren derer,
die vor uns gingen.

 

Stich zum Wildsee.
Schneetreiben und die Totenstille
des Windes.

 

 

Sonntag, 25. Januar 2015

 

Ein Haiku-Versuch

 

Neuschnee.
Das Pfeifen der Vögel
scheint tiefer geworden.

So die Notiz, Sonntagmorgen beim Gang zum Bäcker durch frisch gefallenen Schnee und das Singen von Vögeln hinein in den Diktierstift.

„Scheint“ ist allerdings ein Wort, das eine Reflexion ausdrückt. Das entspricht zwar durchaus der Situation. Ich hörte die Vögel und fragte mich, ob sich ihr Gesang mit dem gefallenen Schnee verändert hat. Und spielte mit dem Gedanken, der Gesang sei tiefer geworden. Oder bunter. Ohne klare Antwort allerdings, ob das stimmt. Beim Haiku als literarischem Text wäre es aber besser, den Leser mit einem Eindruck zu konfrontieren, nicht mit einer Reflexion. Ich mache aus meinem Überlegen eine Behauptung.

Neuschnee.
Das Pfeifen der Vögel
ist tiefer geworden.

Die meisten Haiku sind genau so aufgebaut. Eine abgeschlossene erste Zeile, oft nur aus einem Wort bestehend, die dann mit einem auf zwei Zeilen verteilten Satz entweder kontrastiert oder durch diesen näher ausgeführt wird. Liest man viele Haiku, tut es gut, dieses Schema auch mal durchbrochen zu sehen. Ich versuche eine Umstellung.

Tiefer geworden
ist das Pfeifen der Vögel
Neuschnee.

Einerseits finde ich das Ergebnis besser, andererseits rückt das Haiku Richtung „Rätselraten“. Das Pfeifen der Vögel ist tiefer geworden: Warum denn? Zur Auflösung lesen Sie bitte Zeile 3!

„Neuschnee“ erweist sich außerdem als das Wort, das die Atmosphäre des Haiku herstellt. Wird „Neuschnee“ an den Schluss gesetzt, wirkt der Text farbloser. Steht das Wort am Anfang, spüre ich Winter, sehe ich Weiß, das mit dem folgenden Vogelgesang wie durch Farbspritzer vertieft wird. Also besser wieder zurück.

Aber mit einer kleinen Veränderung: Wenn ich „ist“ streiche, wird der Text etwas unbestimmter und schwebender.

Neuschnee.
Das Pfeifen der Vögel –
tiefer geworden.

Das gefällt mir besser. Aber aufgepasst! Wenn zuviel in dieser Art verkürzt wird, kann das zu Stenografie-Haiku führen oder wie eine Marotte wirken. Hier mag es angehen.

Was wäre eigentlich, wenn ich ganz bei der Beobachtung bliebe, ganz beim Erleben, das allen Reflexionen zugrundeliegt?

Neuschnee.
Das Pfeifen der Vögel.

Das gefällt mir von den bisherigen Varianten am besten. Der Text wirkt leicht und offen. Vielleicht behalte ich ihn so in meiner Datei.

Aber von einem Leser ist das etwas viel verlangt. Er bleibt entweder ganz bei der Beobachtung. Das ist dann wenig. Oder ich mute ihm nur aufgrund der beiden Begriffe „Neuschnee“ und „Vogelpfeifen“ dieselben Reflexionen zu, die ich selbst hatte. Kann ich das? Da sind sicher auch andere Reflexionen möglich. Und zum Dritten: Das Haiku wird beliebig. Aus dem Gang zum Bäcker ließen sich in dieser Art hunderte Haiku herstellen. „Neuschnee. / Die graue Wand eines Wohnblocks.“ „Neuschnee. / Ein Ball im verlassenen Garten.“ „Neuschnee. / An der Ampel startet ein Auto.“ „Neuschnee. / Die letzte Rose im Garten.“ „Neuschnee. / Rauch quillt aus dem Schornstein.“ Und so weiter und so fort. Alle gleich „gut“ – und gleich bedeutungslos, außer der Bedeutung, die jeder Leser ganz anders in sie hineinlegen kann – wenn er möchte.

Natürlich hat ein Leser immer Anteil an dem, was er an Bedeutung eines Textes ausmacht. Wenn sein Anteil aber gegen 100% geht, werden Texte beliebig austauschbar. Der Leser nimmt dann bei allem nur eben sich selbst und das ihm Bekannte wahr. Aber Literatur soll doch auch den Horizont erweitern und die Möglichkeit bieten, Bekanntes mit anderen Augen zu sehen! Haiku, bei denen der Text zuwenig mitbringt, wie eben mein Zweizeiler, finde ich als Literatur wertlos.

Also doch noch weiter versuchen! Irgendwann bekomme ich es hin!

 

 

Samstag, 24. Januar 2015

 

„Hallo Karl“, tschilpt Anton.

„Hallo, Anton“, tschilpt Karl.

„Warum hat Gott nur die Katzen erschaffen?“, grübelt Anton.

„Damit seine Völker, die Spatzen, sich dem Himmel zuwenden und die Erde unter sich lassen“, tschilpt Karl.

„Im Himmel kreist der Bussard“, tschilpt Anton.

„Er kreist dort, damit wir Spatzen nicht übermütig werden und jeden Tag aufs Neue loben“, tschilpt Karl.

„Übermütig würd ich auch so nicht“, behauptet Anton.

„Würdest du doch!“, behauptet Karl.

 

 

Freitag, 23. Januar 2015

 

Ein Haiku-Versuch

Im Wald allein
ein Junge, sein Wanderstock stampft
Schmutz und Schnee.

Ein Junge im Wald,
sein Wanderstock stampft in
Schmutz und Schnee.

Ein Junge im Wald,
sein Wanderstock wirbelt
auf Schmutz und Schnee.

Ein Junge im Wald,
sein Stecken wirbelt durch Schnee
in den Schmutz.

Ein Junge im Wald,
am Haselstock eilig durch Schnee
und durch Schmutz.

Ein Junge im Wald,
am Haselstecken durch Schnee
und durch Schmutz.

Ein Junge durch den Wald,
der Haselstecken trifft Schnee
und trifft Schmutz.

 

Das kann es auch noch nicht sein. Etwas fehlt. Und in „Junge“ ist eine Silbe zuviel.

 

 

Donnerstag, 22. Januar 2015

 

„Hallo Karl“, tschilpt Anton.

„Hallo, Anton“, tschilpt Karl.

„Warum schauen sich die Menschen so viele Filme an?“, fragt Anton.

„Wo denn?“, fragt Karl.

„Hinter dem Birnbaum“, tschilpt Anton. „In der Stube seh ich sie sitzen – tagaus und tagein!“

„Vielleicht weil in den Filmen etwas passiert, das in der Stube nicht passiert“, mutmaßt Karl. „Und nicht in der Siedlung.“

„Aber was könnte das denn sein, was in den Filmen passiert, aber nicht im Leben der Menschen?“, grübelt Anton.

„In allen Filmen kommt ganz viel Gewalt vor“, überlegt Karl.

„Stimmt!“, tschilpt Anton. „Aber eigentlich sind die Menschen in der Stube ganz friedlich. Schon gar, wenn man sie mit diesen Katzen vergleicht!“

„Aber sie halten sich Katzen!“

„Vielleicht sehen sie sich deshalb Filme an, bei denen am Ende das Gute siegt. Das passiert nie in der Siedlung, bei all diesen Katzen! Erst gestern, weißt du es schon?, hat es Hubert und Sophie erwischt!“

„Wenn die Menschen alle Katzen ertränken würden“, überlegt Karl und wackelt mit dem Flügel, „dann bräuchten sie die Filme nicht mehr! Das wäre so schön!“

„Aber sie kommen nicht drauf“, seufzt Anton.

„Sie kommen einfach nicht drauf!“, seufzt Karl.

 

 

Mittwoch, 21. Januar 2015

 

Tropfen

Unruhige Vögel im Winterbusch
schütteln silberne Tropfen zur Erde,
fliegen weiter.

Die Tropfen haben sich mit
dem Grabenwasser vereint, strömen über
das Laub des vergangenen Jahres,
ein Rinnsal, wachsend
mit dem steigenden Licht.

 

Aus: Volker Friebel (2009): Nachricht von den Wolken. Gedichte und Haiku. Zweite Ausgabe. Tübingen: Wolkenpfad-Verlag.

 

 

Dienstag, 20. Januar 2015

 

Das Fremdwörterlexikon – der Bibliothekar bleibt auf seinem Gang durch den Lesesaal stehen und zieht es aus dem Regal. Und stellt sich wieder einmal die Frage, warum Fremdwörter so beliebt sind, obwohl es für alle augenscheinlich auch Wörter der eigenen Sprache gibt, wie man hier nachlesen kann. Er wiegt das Buch in der Hand, schlägt irgendwo auf, blättert, hält inne, blättert weiter.

Viele „deutsche“ Wörter sind ehemalige Fremdwörter. So ist es in jeder Kultursprache der Welt. Dagegen Althochdeutsch, die Vergangenheit unserer eigenen Sprache, ist uns fast so fremd wie etwa Finnisch.

Nein, seine Vorbehalte Fremdwörtern gegenüber haben nichts damit zu tun, dass sie „ausländisch“ sind, so redet der Bibliothekar an diesem wunderbaren Morgen wieder einmal mit der Wand des Saals, die ihm die liebste ist, mit der Wand der Lexika, es ist ihre Funktionalität.

Fremdwörter sind im Deutschen so bloßgestellt, so ohne Anklang (es sei denn an Flugzeugträger oder an Auslandsreisen zu Tagungen), ohne die, tja, Konnotationen, die sie in ihren heimischen Sprachen haben. Da wird nur ein ganz bestimmter Aspekt des Wortes ins Deutsche genommen, das meiste bleibt unberücksichtigt, bei der weiteren Verwendung des Wortes auch ungewusst.

Fremdwörter sind im Deutschen verarmt, ihnen fehlt die Seele, sie sind ins „Elend“ gesetzt, nach diesem wunderbaren alten Lied, in dem die Fremde als „Elend“ besungen wurde, damals, als die Menschen noch eine Heimat hatten und nicht bloß einen Standort. Aber dieses „Elend“ ist heute zwischen den anderen Begriffen fremder als jedes Fremdwort und „Heimat“ ein Motiv für kitschige Filme.

Und um noch einmal auf die Flugzeugträger zurückzukommen – der Bibliothekar schaut ein wenig strenger auf seine Wand: Über die Jahrhunderte zeigt sich eben doch, dass Fremdwörter fast nur aus Sprachen übernommen werden, deren Völker militärisch dominieren. Als das die Franzosen waren, entstand das „Büro“, nun ist es schon weitgehend durch „Office“ ersetzt. Und ersetzt nicht etwa durch Erlasse – es sind die Werbetexter, die ihre Produkte mit Stärke verbinden wollen und so die Sprache der jeweiligen Herren wählen.

Etwa das „Handy“: Es ist ein Anbiedern, vor dem selbst der Nachgeahmte stirnrunzelnd steht. (Denn du musst wissen, setzt der Bibliothekar vorsichtshalber seiner Wand noch dazu: Dieses Wort gibt es im „Original“ gar nicht, es existiert bloß im Deutschen.) Und eben nicht nur die Jugend – auch die „obere Schicht“ (der Abschaum, verzerrt der Bibliothekar einen Augenblick sein Gesicht) ist kein bisschen selbstständiger, ihr „Smoking“ ist als Peinlichkeit unübertroffen – außer vielleicht vom „Showmaster“ der ganzen deutschen Subventions-Familie.

Der Bibliothekar muss fast ein wenig lachen, als er die Konsequenz zieht: Er mag Fremdwörter nicht, weil sie so deutsch sind, so unsäglich anbiedernd, platt und verarmt. Er zieht die Wörter der eigenen Sprache vor, weil sie wahr sind, so ganz unmodern wahr, voll, rund, mit unbeschnittenem Nachhall und Anklang. „Deutsch“ mag er diese Sprache nicht nennen.

„Das ist meine Sprache – deutsch ist das nicht!“, zischt er seine Wand an und bewegt gleich entschuldigend eine Hand.

Der Bibliothekar erinnert sich wieder einmal an dieses Seminar vor Jahrzehnten auf einer Fortbildung für Bibliothekare, als der Leiter die Absicht zur Diskussion gestellt hatte, alle Wörter der Sprache eindeutig zu definieren und manche widerspenstige ganz neu zu setzen, damit die Sprache klar würde und ihre Funktion einwandfrei zu erfüllen bereit sei.

Jemand hatte zu summen begonnen.

Nicht laut, nicht demonstrativ, aber doch so, dass es sich immer mehr ins Schweigen zu mischen verstand, dass es Eingang fand ins verwunderte Starren des Raums.

Der Bibliothekar hatte erst später verstanden – oder zu verstehen gemeint. Und sich nur gewundert über die plötzliche Hast des Dozenten beim Wechseln des Themas.

Du musst wissen, redet der Bibliothekar zu seiner Wand, das Schlimmste ist, dass man nichts sagen kann. Das bietet Angriffsflächen. Aber die Autos und Züge und Flugzeuge werden strom-linien-förmig gebaut. Und Menschen sind Autos, sie bewegen sich vom einen Standort zum nächsten.

Wenn einer wirklich zu reden begänne, dann müssten die Steine schweigen und er hätte jedes Verständnis vertan.

Was sich ändern müsste, sind eben die Autos. Sie bräuchten Weisheit. Nicht einfach immer mehr Funktionalität. Die Wände müssten sich nicht ändern. Aber die Menschen müssten mit ihnen reden und ihnen lauschen.

Der Bibliothekar lacht leise. Dann stellt er das Buch zurück, mit dem Rücken zur Wand.

 

Entstanden Januar 2006. Veröffentlicht in: Volker Friebel (2015): Clara und der Bibliothekar. Eine Erzählung in Augenblicken und Episoden. Tübingen: Edition Blaue Felder. eBuch.

 

 

Montag, 19. Januar 2015

 

Die Moderatorin nimmt das nächste Blatt auf und liest:

„Im leeren Raum zwischen den Sternen wurde eine Sonde entdeckt, die als einzigen Inhalt eine Plakette mit dem Schriftzug „Je suis Charlie“ enthält. Den Auftrag zur Untersuchung der Sonde hat sich die Universität von Khazta gesichert. Verschiedene Mitglieder der Forschungsgruppe gaben widersprüchliche vorläufige Erklärungen ab. Eine Richtung vertritt die Ansicht, der knappe Satz bedeute einfach, dass jemand der Galaxis seinen Vornamen bekanntmachen wolle, der eben „Charlie“ laute. Die andere Erklärung nahm darauf Bezug und tat kund, das sei Schwachsinn, da für so eine Botschaft kein intelligentes Wesen einen solchen Aufwand betreiben würde. Und ein unintelligentes Wesen habe nicht die Mittel dazu. Also könne die Botschaft „Ich bin Charlie“ nur bedeuten, dass der Absender eben gerade nicht Charlie ist, wer auch immer das ist. Über die Frage, was denn dann der Sinn dieser Nachricht sein könnte, zerfiel diese Fraktion allerdings sofort in verschiedene Unterfraktionen.“

Der Assistent unserer Moderatorin, ein Papagei in der Farbe der Hoffnung, flattert ins Studio und überreicht ihr eine Eilmeldung. Die Moderatorin streichelt ihn und liest vor:

„Wie gerade bekannt wird, sind zwischen den Fraktionen des Entschlüsselungs-Teams der Universität von Khazta Feuergefechte ausgebrochen. Sie dauern zur Zeit noch an. Weitere Sektionen der Universität haben sich den verschiedenen Parteien angeschlossen.

In diesem Zusammenhang fahndet die Polizei nach einem fliegenden Teppich, dessen Pilot dabei gesehen worden sein soll, wie er mehreren Mitarbeitern der Universität heimlich verdächtige Gegenstände zusteckte, neben Sex-Filmen und Flinten waren auch einige Comic-Hefte dabei.

Zwischen den Salven, so berichten verstörte Anwohner, sei immer wieder fröhliches Lachen zu hören. Die Krankenhäuser füllen sich rasch.“

 

***

 

„Gerne würde ich bleiben, deine Arbeit ist so wahnsinnig interessant“, Dr. Schwanenflügel blickt betrübt. „Aber die Nase braucht Fahrtwind!“

„Also fliegen wir los!“ Die Moderatorin packt ihren Lippenstift ein.

„Und deine Arbeit?“, fragt Doktor Schwanenflügel verblüfft.

„In meinem Flitzer ist alles, was ich zum Senden benötige.“

„Und der Kameramann?“, fragt Dr. Schwanenflügel.

„Den brauche ich nicht. Seit der Entwicklung automatisch gesteuerter Kameras vor etwa 20.000 Jahren hat es die Gewerkschaft verstanden, die Klausel über die Präsenz eines analogen Kameramanns in jedem Studio zu verteidigen. Inzwischen ist der Kameramann zu einem Teil unserer Kultur geworden. Ein Studio ist einfach kein Studio, ohne einen Kameramann. Für Feld-Studios gilt ein anderer Vertrag. Jetzt schau nicht so. Der Mann kann hier im Studio bleiben, für seine Präsenz braucht er mich nicht.“

„Und die Nachrichten?“

„Bekomme ich aus dem Netz. Die Ausformulierung übernimmt sowieso meine persönliche KI.“ Die Moderatorin klopft an ihre Handtasche.

„Eigentlich brauchen sie dich dann auch nicht“, bemerkt Dr. Schwanenflügel.

„Ein schönes Gesicht wird immer gebraucht.“

 

 

Sonntag, 18. Januar 2015

Vor vielen Jahren gab ich einer Sängerin eine CD mit eigenen Liedern. Sie hörte sie an und betrachtete mich anschließend sehr streng. Das sei ja gar nichts.

Das letzte Lied der CD, für wen war das? Es war schon älter, entstanden im Jahr 2000, es war für Elisabeth, meine Frau, die ich erst Jahre später kennenlernte. Ich wusste es nur noch nicht. Heute, spät nachts, gehe ich alte Sachen durch und erkenne sie wieder.

Na gut, die erste Strophe müsste textlich überarbeitet werden. Aber die Musik, ab der Hälfte etwa, wenn sich alles nur wiederholt, gefällt mir immer noch. Das war der Sturm Lothar, dem ich im Zug auf der Reise in ein buddhistisches Kloster in der Schweiz begegnet bin und der im Schönbuch bei Tübingen meinen Meditationshain vernichtet hat.

Zur Aufnahme klick auf das Symbol!

 

Geborgen        

Der Sturm ist vorbei, Bäume zersplittert,
auf halber Höhe ein Stamm gekappt,
der Himmel streift über entblößtes Holz.
Du bist in meinem Herzen geborgen.

Die Wolken wandern einfach fort.
Besitzen: Nicht viel. Nur die Sonne, den Wind.
Vor ihnen der Raum ist so weit und so frei.
Du bist in meinem Herzen geborgen.

Lach unter der Brücke. Doch wenn der Mond steigt
wird der Atem schwer und die Angst.
Der Wein versickert im Gras.
Du bist in meinem Herzen geborgen.

Du bist in meinem Herzen geborgen.
Du bist in meinem Herzen geborgen ...

 

 

Samstag, 17. Januar 2015

 

„Alle Farben sind schön!“ – behauptet ein Aufkleber an der Fußgängerampel.

Ich schaue mich um und wirklich: Je mehr ich mich auf diesen trüben, verregneten Wintertag einlasse, umso besser gefallen mir die Farben – selbst die trüben Tönungen, auch der Schmutz letzter Blätter, das traurige Efeugrün, das Grau des Himmels, alles ist eigentlich schön. Allerdings durchaus verschieden schön.

Die Farben der Menschen mindern den Eindruck noch: Den Anstrich dieser Kirche, die gelben Streifen am Altersheim, wahrscheinlich gewählt, um irgendwie jung und fröhlich zu wirken, nein, schön finde ich die nicht.

„Alle Farben sind schön!“ Wer den Aufkleber aufbrachte, hat sich nicht umgeschaut. Schon diese Absolutheit der Behauptung! Das geht doch von der realen Erfahrung weg, versucht dem Erleben etwas vorzuschreiben. Dem Erleben anderer Leute.

„Alle Farben sind nötig, damit die Welt schön ist!“ Schon besser, finde ich. Die Vielfalt betonen, die man zum Leben braucht. Nur Weiß allein macht schneeblind. Und Schwarz womöglich depressiv.

Aber es ist immer noch eine Behauptung, immer noch eine Theorie, die das Erleben leiten soll, die also womöglich manipulieren will.

„Alle Farben!“ Einfach bei der Wahrnehmung bleiben! Mehr nicht! Das gefällt mir am besten.

Aber versteht man das noch? Stünde auf dem Aufkleber „Alle Farben“, hätte ich dann über ihn nachgedacht?

Vielleicht muss die Wahrheit auf Kosten der Verständlichkeit leben. Vielleicht ist Erleben nie ganz mitteilbar.

 

Winternieseln.
Die Schönheit, verschwimmend im Glanz
von Benzinflecken.

 

 

Freitag, 16. Januar 2015

 

Stimmen

Gemeinsam haben wir Wörter erfunden,
Wörter wie „Schnee“, wie „Rose“ und „Blut“.
Wir haben Fotos aus alten Koffern gesichtet,
Portraits entfernter Verwandter, alle längst tot.
Wir haben uns in einem vergilbten Auge
erkannt, im Schatten eines Lächelns, im Ausdruck
einer halb geschlossenen Hand.

Lass uns die Augen schließen
und träumen! Lass uns die Augen öffnen und wissen:
Alles ist Traum.

Das Radio quakt. Denen ihr Auftrag
in deinem Kopf. Soldaten werfen Reissäcke ab.
Wir träumen noch immer.

Wir schauen uns an und versuchen:
„Wahrheit“, „Wasser“, „Liebe“, „Brot“.
Das Radio plappert noch immer.

Wenn Stimmen schnell sind und bunt,
dann weißt du,
dass du sie abschalten kannst.

Wenn die Stimme der Märchenerzählerin zittert,
dann hör genau hin.

Wenn du ihre Lippen berührst,
dann weißt du, was wahr ist.

 

Aus: Volker Friebel (2008): Brunnensteine. Gedichte und Haiku. Zweite Ausgabe. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Donnerstag, 15. Januar 2015

 

Was weiß der Waldarbeiter mehr, wenn er die Buche betrachtet, als der Wanderer, der dasselbe tut?

Was weiß der Chemiker mehr, wenn er Milch in den Kaffee gießt, als der Elektriker?

Was weiß der Gleitflieger mehr vom Himmel, als der Dichter, der auf der Wiese liegt, an einem Grashalm kaut und die vorüberziehenden Wolken mit Namen benennt, wie „Liegende Kuh“, „Rapunzelturm“, „Schwanentraum“?

In der Kantine eines Krankenhauses saß ich mit zwei Ärzten am Tisch, die klassifizierten die Fasern im Fleisch ihrer Schnitzel.

Dieses „Mehr“ ist immer ein Besonderes, sind bestimmte Aspekte, in einer Perspektive der Nützlichkeit. Solches Wissen kann richtig sein, aber es ist nicht wahr, es verdeckt die Dinge eher hinter ihren für den Menschen nützlichen Aspekten, als dass es sie in ihrer eigenen Wahrheit zeigen würde.

Aspekte gibt es bei allem unendlich viele. Wenn ich mich bei manchen davon auskenne, betone ich diese Seiten in einem Maße, die für bestimmte praktische Tätigkeit günstig ist, die den Dingen aber nicht gerecht werden kann.

Das ist die Entzauberung der Welt.

Problem ist nicht das viele Wissen, das wir über die Dinge gesammelt haben, sondern die Verdeckung der Eigenständigkeit der Dinge durch die Entdeckung und Betonung ihrer für den Menschen nützlichen Aspekte. Weil wir die Dinge dabei in unserem Sinne zu gebrauchen lernen, gibt uns das Macht. Und fördert den Hochmut, der den Abstand zwischen uns und den Dingen vergrößert.

Ein besseres Verhältnis des Menschen zu den Dingen kann sich nicht daraus entwickeln, ihren Nutzen zu leugnen oder Geister in sie hineinzufantasieren. Stattdessen die Dinge als Ganze vor sich stehen zu lassen, ihre Nützlichkeit zu nutzen, ja, aber dabei nicht blind für die Schönheit des Baumes zu werden.

Vernunft reicht nicht hin, sie setzt meist nur ein weiteres Nützlichkeitsdenken neben das erste, hält etwa den ökologischen Sinn des Baumes gegen seinen Brennwert oder den einer aus ihm zu fertigenden Regalwand, und dann streiten sie, mit wechselndem Ausgang.

Schönheit ist etwas darüber. Schönheit ist das, was immer auch da ist, was die Dinge in ihrem eigenen Wert zeigt, was den Wert für den Menschen beiseite lässt, was wir aber zu verlieren neigen beim Denken in Wissensaspekten und Nützlichkeit. Ein besseres Verhältnis des Menschen zu seiner Umgebung braucht eine Wiederentdeckung der Schönheit.

 

    Soweit geschrieben November 2008 in einem Tübinger Kaffeehaus

 

 

Mittwoch, 14. Januar 2015

 

Das Schiff

Schneemorgen. Am Dach gegenüber
hebt sich der Blitzableiter in Form eines Schiffes
dunkel gegen den Himmel ab.

Der Osten,
wohin der Bug zeigt, als wolle er segeln,
ist licht.

Es ist die Tiefe des Atems,
die uns miteinander verbindet, und mit dem Himmel.

Es ist die Liebe,
die uns bindet an das, was wir sind.

 

Aus: Volker  Friebel (2011): Die sieben Töne des Waldes. Gedichte, Haiku und ein Essay. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Dienstag, 13. Januar 2015

 

„Hallo Karl“, tschilpt Anton.

„Hallo, Anton“, tschilpt Karl.

„Haben eigentlich auch Menschen Flügel?“, fragt Anton.

„Eine bestimmte Rasse soll welche haben“, behauptet Karl, „die Engel – aber die leben nicht hier.“

„Ein Glück!“, Anton schüttelt sich. „Stell dir vor, was das für ein Gedränge am Himmel gäbe!“

„Und sie fräßen uns alle Insekten weg!“ Karl wirft sich in den Himmel und beginnt mit der Jagd.

 

 

Montag, 12. Januar 2015

 

Das Lächeln der Moderatorin überstrahlt selbst die Studioleuchten.

„Liebe Eidechsen und Pelikane: Eine schwere Stunde nach dem Terroranschlag auf GottesEigenerWelt! Demütig sind wir! Und einig! Wir haben uns alle hinter den Führern versammelt! Gestern zählten wir Schneeflocken. Heute zählen wir die Rufe des Himmels! Die Puppen tanzen! Eines nur gibt es! Allelujah! Jedem Zweifel einen Tritt ins Gesicht!“

Die Moderatorin versucht, ihre Gesichtszüge dem Wahn der Zeit anzupassen.

„Als Studiogast“, fährt sie fast erleichtert fort und reckt sich leicht vor, „begrüße ich unseren Terrorismus-Experten Dr. Schwanenflügel. – Lieber Doktor, Ihre Analyse der Situation – wir fiebern darauf!“

„Ich vertraue auf Kukident“, behauptet Dr. Schwanenflügel und zieht eindrucksvoll einige Stirnfalten glatt.

„Heißt das“, der Atem unserer Moderatorin stockt kurz, „dass Sie die Lage der Nation gar nicht berührt ?“

„Die Lage der Nation rührt mich allerdings nicht“, entgegnet Dr. Schwanenflügel. „Wenn man alles Leid der Welt von den wirklichen Menschen auf die Kunstgebilde der „Nationen“ übertragen könnte – wieviel Erleichterung wäre das doch!“

„Für die „wirklichen Menschen““ – das Nicken unserer Moderatorin wirkt kläglich. „Aber was ist mit dem Chef?“

„Es gibt keinen Chef.“ Der Kopf von Dr. Schwanenflügel wackelt hin und her. „Es gibt nur Taubenschwingen im Wind.

Vielleicht“, fährt er dann fort, „sollten wir diese besondere Situation der Nation“, sein Grinsen verunstaltet die Kameralinse, „nutzen, uns über Sinn und Unsinn von Ablagesystemen Gedanken zu machen.“

„Gedanken?“ Die Moderatorin kneift ein Auge zu.

„Naja“, flüstert Dr. Schwanenflügel ihr zu: „irgendsowas.“

Die Moderatorin hat aus dem Off ihr Lächeln zurückgefunden. „Lieber Doktor“, säuselt sie, „weihen Sie uns ein in das Geheimnis des Ablagesystems!“

„Es gibt kein Geheimnis“, beichtet Dr. Schwanenflügel.

„„Kein Führer – kein Sinn – kein Geheimnis“, da würde einem doch schwindlig dabei“, klagt unsere Moderatorin. „Sie wissen, wie dumm Sie sind!“, blinzelt sie den Studiogast an.

„Das weiß ich!“, flüstert er noch leiser zurück.

Dr. Schwanenflügel legt eine Schweigeminute ein, bevor er laut fortfährt: „Ich fand es immer nur schade, wenn Menschen andere Menschen in Schubladen stecken und mit Etiketten versehen, denen diese gar nicht zustimmen, wenn sie davon hören. Noch schlimmer allerdings finde ich es, wenn ich sehe, wie Menschen sich selbst in Schubladen verstecken. Die eigene Schublade mag zwar, ansprechend etikettiert, ein amtlich gutes Gewissen vermitteln, erschien mir aber immer wie ein Akt der Selbstverstümmelung.“

„Wir sind begrenzte Wesen“, haucht unsere Moderatorin.

Doktor Schwanenflügel nickt und neigt sein Haupt.

„Worte sind immer gleich sinnlos“, sagt sie. „Wer mit den Worten anfängt, wird nie zu Ende kommen und keinen Sinn je erfüllen.“

„Aber der Hass wächst“, sagt er weich und fast unhörbar hinein ins Rauschen der Kamera.

 

 

Sonntag, 11. Januar 2015

 

Das Lächeln der Moderatorin überstrahlt noch das strahlende Weiß ihrer Kleidung. Nur ihre Sonnenbrille ist schwarz. Die nimmt sie nun ab.

„Liebe Kuschis und Klacks. Eine frohe Botschaft darf ich verkünden. Der Kanzler von GottesEigenerWelt beschwört nach dem jüngsten Terroranschlag die Einheit des ganzen Planeten. Und er ruft dazu auf, dass sich alle Wesen hinter ihn versammeln, die Einheit in den ganzen galaktischen Sektor hinauszutragen, damit alles Böse auf immer besiegt und ausgemerzt wird.“

Die Moderatorin senkt nach einer kleinen Pause ihre Stimme und fährt dann fort: „Unsere Redaktion hat beschlossen, sich diesem Aufruf anzuschließen. Zwar liegt unser Sender außerhalb des imperialen Kernlands, aber die Datenspeicher sind groß, und wir wollen alle noch im Alter mit den Schmetterlingen spielen – wenn dann hoffentlich die Einheit auch uns ganz erreicht.“

Als sie das nächste Blatt aufnimmt, wird ihr Strahlen womöglich noch heller.

„Um das System von Daodu ist eine gläserne Mauer entstanden. Alle Versuche, sie zu durchdringen, blieben bislang erfolglos. Die Fernaufklärung der an der Mauer gestrandeten Raumschiffe findet auf dem Planeten selbst keine Veränderung. Die weißen Wolken ziehen noch immer.“

Die Moderatorin lässt das Blatt auf den Boden gleiten. Ihr Lächeln schwappt bis hinein in die Bierwerbung.

 

***

 

Übrigens: Ich bin nicht Charlie. Und verweise auf einen Artikel dazu: Kritik an Ich bin Charlie.

Und auf weitergehende Kritik.

 

 

Samstag, 10. Januar 2015

 

„Ich wollte einfach noch liegen und dem Wind lauschen.“

„Und was hat der Wind dir erzählt?“

„Von den Wolken hat er erzählt, die er über die Erde schiebt. Nie bekommt er seine Bahn frei von ihnen, immer entstehen sie neu.

Von der Sonne hat er erzählt, die am Rand der Erde erscheint und zu steigen beginnt, von unsichtbaren Kräften gehoben – oder mit der Kraft in sich, die auch jede Seifenblase ihr eigen nennt.

Ich glaube, die Sonne ist selbst eine Seifenblase. Und auch die Sterne sind welche, ganz, ganz weit weg. Vielleicht sind es frühere Sonnen, die aus ihrem Bogen durch den Himmel ausbrachen und nicht mehr zurückfanden.“

 

 

Freitag, 9. Januar 2015

 

„Neulich habe ich einen fremden Vogel gesehen“, tschilpt Karl, „durchs Fenster entdeckt, in einem der Häuser der Menschen. Er saß dort gefangen.“

„Die Menschen sitzen mit ihm“, tschilpt Anton.

„Aber sie haben die Wände gebaut. Da meinen sie, dass die Wände sie schützen. Der Vogel hat die Wände nicht gebaut – und so halten ihn die Wände gefangen.“

„Vielleicht sollten wir auch Wände bauen“, tschilpt Anton, „Wände im Himmel.“

„Vielleicht sollten wir dorthin fliegen, wo es keinerlei Wände mehr geben kann.“ Karl breitet die Flügel aus und schwingt sich davon.

 

 

Donnerstag, 8. Januar 2015

 

Der Bibliothekar blättert weiter. Dann hat er die Stelle endlich gefunden: „Das Geschaffene soll nicht seinen Schöpfer preisen, sondern es fehlt noch etwas, das Sein der Dinge ist nicht vollendet, solange es nicht eine Sprache gibt, die es aussagt. Die Dinge und ihre Herrlichkeit müssen ausgesagt werden, das ist die Erfüllung ihres Seins.“ Walter Otto, „Die Musen und der göttliche Ursprung des Singens und Sagens“. Ein eigenartiger Titel.

Allen Ernstes, „der göttliche Ursprung“!

Eigentlich wäre ein solcher Ausdruck Grund genug, ein Buch zuzuschlagen. Aber die drei Stadien des Chan haben den Bibliothekar schon immer fasziniert, seit er als Kind zum ersten Mal las von den Bergen und Flüssen, die dem Neuling erst nur Berge und Flüsse sind – und die keine Berge und Flüsse mehr sind, wenn er den Weg gefunden hat und ihn geht. Doch wenn er den Weg zu Ende gegangen ist und im unbetretenen Gras steht, sind da wieder einfach Berge und Flüsse.

Also gut, der Bibliothekar tippt das Zitat ein, ein wenig ironisch. Und blättert weiter.

„Auch beim Gesang der Tiere ist es in vielen Fällen unverkennbar, daß er sich selbst genug ist, keinem Zwecke dienen, keinerlei Wirkung hervorbringen will. Solche Lieder hat man treffend als ‚Selbstdarstellungen‘ bezeichnet. Sie entspringen der ureigenen Notwendigkeit des Geschöpfes, seinem Wesen Ausdruck zu geben. Aber die Selbstdarstellung fordert ein Gegenwärtiges, für das sie geschieht. Dieses Gegenwärtige ist die Umwelt. Kein Wesen steht für sich allein da, alle sind in der Welt, und das heißt: ein jedes in seiner Welt. Das singende Geschöpf stellt sich also in seiner Welt und für sie dar. Indem es sich darstellt, wird es ihrer gewahr und froh, ruft sie auf und nimmt sie freudig in Anspruch. So steigt die Lerche in der Luftsäule, die ihre Welt ist, zu schwindelnder Höhe empor und singt, ohne anderen Zweck, das Lied von sich und ihrer Welt. Die Sprache des eigenen Seins ist zugleich die Sprache der Weltwirklichkeit. In dem Liede tönt ein lebendiges Wissen.“

Und das noch: „Die Dinge werden im Sprechen erst wirklich und lebendig. Und daher erhebt es den Sprecher, befreit ihn von der Bedrängnis des Ungeklärten und tut ihm wohl.“

Oder das: „Das Singen und Sagen muß also seinen Grund in dem Bedürfnis nach einer Verständigung höherer Art haben: einer Verständigung nicht mit dem Mitmenschen, sondern mit dem Sein der Dinge selbst, das im menschlichen Singen und Sagen offenbar werden will. Da dies Offenbarwerden in Tönen geschieht, muß das Musikalische zum Sein der Dinge mitgehören, eine übersinnliche Stimme, dem inneren Ohr allein vernehmbar, die den für sie Empfänglichen unwiderstehlich antreibt, sie als Sprachgesang laut werden zu lassen.“

Und natürlich: „Seit aber der Mensch angefangen hat, diesen Umgang mit der Natur auf Maschinen zu übertragen und fortschreitend in allen erdenklichen Verhältnissen die Maschine zwischen sich und die Natur stellt, ist die Musik im Verstummen.“

Der Bibliothekar reibt sich die Augen. Wohl noch nie war die Welt so durchdrungen von Musik, die Luft zittert auf allen Frequenzen von ihr. Von Geplapper natürlich noch mehr. Aber die Stöpsel im Ohr – er hat sich neulich auch welche gekauft – schließen von der Welt ab. Das Kratzen des Schlüssels über den Lack einer Autotür scheint dem Bibliothekar jedenfalls mehr Musik als alles, was weiter oben in den Hitlisten steht. Die Lieder dort sind auf das Gefallen berechnet, Verständigung oder Selbstdarstellung kennen sie nicht.

Der Bibliothekar denkt an Clara. In ihrer geöffneten Hand ein Diamant. Ihre geweiteten Augen. Industriefabrikat oder echt? Was man in Geld umwandeln kann, ist nichts wert.

Am besten, man sagt gar nichts. Schlecht ist dabei nur, dass das bereits viel zuviel ist. Also ein bisschen was sagen, ein bisschen dummes Zeugs. Ein paar müde Wellenkreise hinein in die Luft. Guten Morgen.

Der Bibliothekar schließt die Datei. Das Buch ist sehr gut. Er setzt es auf seine Liste für den Platz bei der Kiefer.

 

Aus: Volker Friebel (2015): Clara und der Bibliothekar. Eine Erzählung in Augenblicken und Episoden. Tübingen: Edition Blaue Felder. eBuch.

 

 

Mittwoch, 7. Januar 2015

 

Aus einem Bericht, der noch in Arbeit ist: Wanderung von Delphi zur Korykischen Grotte

Den „schlechten Steig“, über den sich die Bewohner Delphis bei Gefahr in Sicherheit gebracht haben, geht es hoch, am Hang des Parnass, zur Korykischen Grotte. 3.000 Jahre soll der Pfad alt sein. Heute bildet er einen Abschnitt des E4 im Netz der Europäischen Fernwanderwege.

Funde belegen die Nutzung der Höhle bereits seit der Jungsteinzeit. Hier soll sich Pan aufgehalten haben, der Hirtengott. Auch von Dionysos wird gesagt, dass er im Winter von den Schneegipfeln des Parnass niedersteigt und drei Monate in der Grotte verbringt. Die Anhängerinnen seines Kultes, die Mänaden, wanderten aus den griechischen Städten zu ihren Festen in der Grotte. Ihr Sammelplatz war Delphi.

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Foto: Der Bergpfad erreicht die Hochebene des Parnass. Im Tal ein großer Olivenhain und die weißen Häuser von Itea, am Golf von Korinth. Delphi liegt hinter der Krümmung des Berges verborgen.


Roter Mohn
am Parnass. Das Gedächtnis
des Lichts.

 

Am Parnass
eine Hütte, umgeben vom Gewebe
des Vogelsangs.

 

 

Dienstag, 6. Januar 2015

 

 

Erfahrungswerte

 

1

Zwischen langen Halmen und Grillen
denk ich über mein Leben nach,
find es gescheitert,
muss lachen.

Der Abend vollzieht sich.
Ein Wind läuft übers biegsame Gras.
Der Mähdrescher will nur das Korn,
nicht die Spreu.
Die Grillen zirpen.

 

2

Glaubst du, das Lied einer Grille
könnte je scheitern? Oder nur eine Bewegung
der Halme im Wind?
Der Mann auf dem Mähdrescher allerdings kann.

Scheitert nicht das Wachstum des Korns,
wenn es in der Dürre vertrocknet?
Das Brot zu backen kann scheitern,
sein Verkauf im Geschäft.

Schaust du auf das, was in deinem Leben
nicht scheitern kann,
dann schaust du in die Wahrheit.

 

3

Die Wahrheit! Eine Maid
ist mit dem Krug zum Brunnen gegangen,
über all diese Scherben.

Wenn selbst das Licht krumm ist,
gebogen von Sternen,
wo findest du eine Richtschnur?

„Alles ist relativ“, sang eine Amsel.
Nest baute sie keines.
Ledig bist geblieben auch du.

Dir ist an der Quelle das Wasser
zwischen den Händen entglitten. –
Nun findest du es wieder, als See.

 

4

Erfahrungswerte: Je mehr du hast,
umso schlimmer. Als Schmuck
steck eine Feder ins Haar.
Lass den Garten verwildern.
Mit der Biene summ, nicht mit dem Popstern.
Schlehenbeeren schmecken am besten
frisch gepflückt aus dem Schnee.
Jeder Schritt, den du machst, ist vollkommen,
wenn er ohne Vorbehalt ist.
Richte an den Strahlen der Sonne dich auf,
nicht an den Schatten der Menschen.
Gewinne so leicht wie du verlierst,
und lass das Los dann liegen.
Aus dem Nichts erscheint der Glanz,
nicht aus der Fülle.

 

5

Ein Bergstädtchen tief im französischen Jura,
wir kommen an einem Brunnen vorbei.
„Von diesem Wasser trink ich
mein Leben lang schon“, sagt der Einheimische.
„Was wirst du tun, wenn der Brunnen versiegt?“
„Dann will ich sterben.“

 

6

Normalität, ist das der Mittelwert
aus den Akten der Stadt, dieser Psychiatrie-Ambulanz,
oder das, was du spürst, wenn du am Wasser stehst
und ins Strömen hineinschaust?

Weißt du, dass dich die Wahrheit ganz durchdringt,
so lange du lebst?

Weißt du, dass es nicht das Gesetzbuch sein kann,
nur Wasser und Luft?

Weißt du, dass eben die beiden dir zwischen
den Händen entgleiten, sobald du sie fassen willst?

 

7

Dein Blick geht hoch an den Wänden des Doms:
Was der Mensch sein kann, wenn er träumt!
Was er ansonsten ist, hörst du vor der Wetteransage.

Sie haben mit bloßen Händen den Himmel gebaut!
Optimierung ist die Sache von Gartenzwergen.
Alle Größe entsteht jenseits der Münze.

Spätnachrichten. Die Sprecherin legt ein Blatt zur Seite,
greift zum nächsten und wiederholt:
„Abschaum schwimmt oben.“

 

8

Jenseits des Scheiterns die Wahrheit,
aber im Scheitern erst Menschen,
die Erbauer des Doms.
Anstalten kurieren die letzten aus.
Doch ihre Träume haben Gestalt angenommen,
ein wuchtig umschlossener Himmel.
Du schaust hinauf
und du spürst dein Herz.

 

9

Aus dem Traum erwachen
im Winterwald, Glanz auf den Lidern.
Kristalle knistern von Zweigen
in das Funkeln am Boden.

Meine Seele ist Schnee geworden,
Glitzern und Atem.

Das Pochende, nenn es „Herz“,
aber nicht deines.

 

Aus: Volker Friebel (2009): Nachricht von den Wolken. Gedichte und Haiku. Zweite Ausgabe. Tübingen: Wolkenpfad.

 

 

2015-01-05 20-01-17 0543 Vollmond Nachtstraße Reutlingen 400x300Montag, 5. Januar 2015

 

Haiku-Versuch

In der Winternacht
warten. Über künstlichen Sternen
der Mond.

Zwischen künstlichen Sternen
aufschauen.
Januarvollmond.

Zwischen künstlichen Sternen ...
Der Blick gleitet höher,
zum Mond.

Künstliche Sterne.
Einer hebt den Blick höher,
zum Mond.

Winterstille.
Über künstlichen Sternen
der Mond.

    Reutlingen, Bushaltestelle Unter den Linden

 

 

2015-01-04 09-01-10 0411 Ausblick Westturm Zimmer 91 Burg Wildenstein bei Beuron 300x400 Sonntag, 4. Januar 2015

 

Um die Burg heult
Wintersturm. Die Schläge
des Herzens.

    Burg Wildenstein bei Beuron, Westturm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2015-01-03 14-07-44 0354 Schnee Aufstieg Beuron zur Burg Wildenstein 219x400Samstag, 3. Januar 2015

 

Im Schneeland
die Kette der Wanderer.
Tauregen.

    Aufstieg von Beuron an der Oberen Donau zur Burg Wildenstein

 

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 2. Januar 2015

 

„Hallo, Anton“, tschilpt Karl.

„Hallo, Karl“, tschilpt Anton.

„Was war denn vorletzte Nacht für ein Radau?“ Karl wischt mit einem Flügel durch die Luft.

„Das waren die Menschen“, behauptet Anton.

„Wie letztes Jahr?“

„Wie letztes Jahr!“, bestätigt Anton.

„Aber warum machen die Menschen jedes Jahr von neuem Radau?“, fragt Karl.

„Sie wollen den Himmel erobern“, erklärt Anton. „Und wenn die Tage am kürzesten sind und die Nächte am tiefsten, dann, glauben sie, könnten sie die Götter überrumpeln.“

Karl lacht.

Anton lacht auch.

Dann schweigen sie. Nebeneinander hocken sie auf der Hochspannungsleitung und schauen über das Land.

„Warum sind die Menschen nur so dumm?“ Karl geht die Sache nicht aus dem Köpfchen. „Wenn etwas nicht klappt, dann lässt man es doch bleiben!“

„Vielleicht glauben die Menschen, sie müssten sich nur mehr Mühe geben, dann klappe es schon irgendwann.“

„Aha“, meint Karl.

„Oder“, Anton streckt sich, „die Menschen meinen, dass es geklappt habe! Vielleicht denken sie ja“, fantasiert er, „die Götter wollen die Erde erobern und die Menschen müssten sie mit ihrer Knallerei abschrecken. Und weil die Götter die Erde letztes Jahr nicht erobert haben, glauben sie, ihre Knallerei hätte Erfolg gehabt. Und deshalb knallen sie jedes Jahr wieder.“

„Aha“, meint Karl.

„Oder“, fällt Anton ein, „sie knallen nur einfach zum Spaß.“

„Aha“, wiederholt Karl.

„So ist das“, meint Anton.

„Und was von den dreien stimmt jetzt?“, will Karl wissen.

„Vielleicht gar keines“, meint Anton.

„Was stimmt aber dann?“

„Vielleicht nichts von den dreien, aber das siebte oder das zweihundertachzehnte. Aber das fällt mir jetzt leider nicht ein.“ Anton springt in den Himmel und flattert weg, in den Apfelbaum.

 

 

Donnerstag, 1. Januar 2015

 

Ein Brief des Bibliothekars

 

An das Deutsche Institut für Urbanistik
Berlin

 

Sehr geehrte Institutsleitung,

das Problem ist bekannt: Jedes Frühjahr verjüngt sich die Natur – nur die vom Menschen geschaffene Welt altert weiter. Mühselig und kostenintensiv muss sie andauernd repariert und renoviert werden, statt sich selbst zu erneuern. Wie ist es möglich, dass der Mensch mit all seiner Intelligenz und seinen Werkzeugen, mit Baggern und Hämmern und Computerprozessoren so weit hinter dem selbstverständlichen Sein der Natur zurückbleibt?

Bei meinen Erkundungen bin ich darauf gestoßen, dass für die jahreszeitliche Verjüngung der Natur sogenannte ,Naturgeister‘ verantwortlich sein sollen, die offensichtlich äußerst effektiv und zuverlässig arbeiten. Besonders wichtig scheint dabei eine Dame namens ,Frau Holle‘.

Ihr Institut beschäftigt sich damit „Rahmenbedingungen der Aufgabenerfüllung der Kommunen interdisziplinär zu erforschen und Anstöße zur weiteren Forschung zu geben (Grundlagenforschung)“ sowie „methodische Grundlagen für die kommunale Entwicklung zu erarbeiten und zur Verfügung zu stellen (Anwendungsforschung)“. Ein Forschungsprojekt zur Einbindung der Naturgeister in die Sanierung und weitere Entwicklung der Menschenwelt beinhaltete beides. So ungewöhnlich der Ansatz zunächst klingen mag, läge er doch ganz in Ihrem Aufgabenbereich.

Es sollte doch möglich sein, diese Naturwesen zu kontaktieren und zu erkunden, ob sie bereit wären, die Sorge um die Welt der Menschen in ihre Tätigkeitsbeschreibung mit aufzunehmen. Noch interessanter wird diese Perspektive im Angesicht des drohenden Staatsbankrotts durch das niedrige Preisniveau in diesem neu zu erschließenden Dienstleistungssektor. Anscheinend verachten die Naturgeister das Geld und fordern lediglich ein wenig Ehrerbietung.

Ich stelle daher den Projekt-Antrag ,Frau Holle‘, zur Erkundung von Möglichkeiten einer Einbindung von Naturgeistern in die Stadtsanierung. Gerne wäre ich bereit, im Vorfeld tätig zu werden, etwa durch eine Forschungsreise zum mutmaßlichen Wohnsitz von Frau Holle auf dem Hohen Meißner und dem Versuch einer Kontaktaufnahme. Außerdem biete ich eine Auslotung und Skizzierung des neuen Forschungsgebiets an. Einige Ideen zur Einbindung der Naturgeister in die Menschenwelt sind bereits in Entwicklung.

Ihres Interesses sicher, auf Antwort wartend

 

Entstanden Mi. 23.06.2010, veröffentlicht Januar 2013 in: Der Bibliothekar – 17 Briefe an die real existierende Welt. Nur als eBuch.

 

 

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