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Fluten-Log
Volker Friebel

 

 

Archiv März 2015

 

 

Dienstag, 31. März 2015

 

Heute beginnt die Arbeit an einem Text um Foto und Haiku vom 14. März 2015 (siehe auch dort).

2015-03-14 09-36-37 0259 Knulp-Bronze Calw 168x400Wanderung von Calw zu den Krokuswiesen von Zavelstein

Den Rucksack abgesetzt – ein Schulterriemen muss nachgezogen werden –, grüße ich die Bronzefigur vor der Kreissparkasse. Sie bleibt ungerührt, doch zugewandt, auf ihren Wanderstock gestützt. Oder ist da doch ein Zwinkern unter dem Schatten der Lider? Kinder haben die Mundwinkel mit Lippenstift ausgemalt. So begegnen wir uns wieder, Romanfigur und Leser, hineingetreten, hineinmodelliert in die wirkliche Welt.

Pflaster von Calw –
vor Knulps Augen
den Rucksack schultern.

Hermann Hesse hat mich immer etwas verlegen gemacht. Sein Leben – ich verneige mich. Aber die Bücher! Ich musste sie lesen, alle lasen sie, da wollte ich wissen, worum es geht. Und konnte nichts damit anfangen. Wie oft habe ich den Steppenwolf – begonnen! Durch das Glasperlenspiel quälte ich mich in einem Mal durch und fragte mich dann, was andere daran nur fanden. Die Gedichte fand ich, drei oder vier ausgenommen, recht gewöhnlich. Selbst schrieb ich, dachte ich, wenn schon nicht gut, so doch besser.

Aber da war dieses Leben! Die Konsequenz, keine Antworten zuzulassen, sondern weiterzusuchen, auch wenn ein Einrichten in der Welt von der Umgebung so leichtgemacht würde. Es ist das, was alle Wahrhaftigkeit nennen, aber keiner lebt. So schätzte ich den berühmten Schriftsteller seines Lebens wegen, nicht wegen der Bücher.

Aber ein Buch war dann doch, der Knulp. Das habe ich nicht nur angefangen, sondern immer wieder in einem durch bis zum Ende gelesen, und nie ohne Tränen. Dabei bleibt es ganz anspruchslos. Die kleine Studie einer vergangenen Zeit.

Warum mich gerade dieses Buch tief beeindruckt hat? Ich mag es nicht erklären. Und weswegen mir beim Knulp immer sofort das vergnügte Schulmeisterlein Wutz von Jean Paul Richter einfällt! Schwer erarbeitete Idyllen, die sich über dem Grauen der Welt erheben? Nicht über den „Romanen“ der Welt, dem großen Theater, sondern über dem ganz einfachen Leben und Sterben? Das wäre die Antwort in einer Magisterarbeit. Aber Antworten sind nichts wert. Das lernte ich auch aus dem Leben von Hesse. Das Fragen ist es, das Suchen. Nur damit bleiben wir lebendig.

Wir leben in Träumen. Das ist, in Knulp, in Wutz, das Beste, was wir erreichen können, und dass die Träume gut sind, bis in das Ende hinein.

Ein letzter Blick in die Augen der Bronzestatue. Den Rucksack zurechtrücken und weiter, über das grobe Pflaster von Calw, es ist Wochenmarkt, bergan zwei, drei Querstraßen, dann den steilen Hang des Nagoldtals hinauf, auf den Wanderweg zur Krokusblüte von Zavelstein.

 

 

Montag, 30. März 2015

 

Weil es im Grunde nichts zu sagen gibt, nur zu erleben.

Weil da nur der Sonnenaufgang ist und der Untergang dieser selben Sonne.

Weil die Mondsichel in den langen Haarsträhnen von Krishna nur ausgedacht ist.

Weil die Amsellieder am Morgen die Wahrheit wissen und jeder ihnen gern zuhört, aber jeder auch sein Ohr vor der Wahrheit verschließt und nur die Süße ihrer Töne zu hören bereit ist.

Weil wir leben und nicht wissen, was diese Zeit ist, die uns umflutet.

Weil die uns umflutende Zeit uns auch noch durchflutet.

Weil wir keinen Sternen und keiner Sonne in unserer Nacht zu vergeben bereit sind.

Weil die Unerbittlichkeit im Flügelschlag jedes Schmetterlings auch unsere Unerbittlichkeit ist, wenn wir nachts vor dem Spiegel stehen und nicht bereit sind, der Welt zu vergeben.

Weil wir immer noch leben, obwohl wir hören, dass andere, Brüder und Schwestern, neben uns gestorben sind.

Weil wir wissen, dass die Welt aus Träumen besteht und uns dennoch damit abfinden, dass sie mit Goldmünzen bestochen wird.

Weil wir gleichzeitig fliegen und jubeln und schweigend den Boden unter den nackten Sohlen spüren möchten.

Weil wir der Atem sind, den jemand anders atmet und wir nichts im Hinterzimmer der Vereinten NATIONEN für unsere Mappe beanspruchen wollen.

Weil wir wissen, dass der Fluss fließt und der Himmel fließt, aber auch wissen, dass wir dem Fluss und dem Himmel erst unsere Existenz verdanken.

Weil wir wissen, dass die Sterne am Himmel stehen, auch wenn wir die Fensterläden zuschlagen und Kerzen anzünden oder den Knopf für die Schau der Verräter antippen.

Weil die Nacht in den Tag übergeht und der Tag nicht weiß, wohin mit sich.

Weil wir nicht wissen, aber auch nicht bereit sind, aufrichtig zu sein.

Weil mit jedem unserer Atemzüge die Welt einen Atemzug gewinnt oder verliert.

Weil alle Farben sich endlich zusammenschließen ins Weiß.

Weil der Schnee unser Feld ist und der Himmel unsere Sorge.

Weil wir nie wissen werden, was sein wird, wenn die Welt endet.

Weil wir nur im Lied wirklich wir selbst sind und nur im Klang die Wahrheit der Welt zu empfinden imstande sind.

Weil die Wahrheit der Welt aber kein Klang ist.

Weil wir immer noch reden und reden.

 

 

Sonntag, 29. März 2015

 

13

Der Bibliothekar schaut dem Mann lange nach, dann zieht er sein Notizbuch heraus und trägt langsam das Wort ein, das der Besucher genannt hat, anlässlich seiner Frage nach dem Standort der Lexika.

„Seele“.

Der Bibliothekar muss lachen.

Der Bibliothekar hält sich tatsächlich die Hände vor das Gesicht.

Man stelle sich vor: In diesem späten Jahrhundert des Fortschritts, der Wissenschaft, der Aufklärung, ja Abklärung, sozusagen der Auf- und Abklärung, kommt ein erwachsener Mann in die Bibliothek und fragt nach der Seele. Wo sie zu finden sei, wo er wenigstens nachlesen könne, was sie bedeute. Die Rechner mit ihrer Stichworteingabe, danke, die habe er schon bemüht. Was er jetzt brauche, sei ein reales Lexikon, möglichst dick.

„Auch die Fremdwörterlexika finden Sie dort“, hat sich der Bibliothekar zu sagen nicht zu verkneifen gewusst.

Der Herr hat genickt, überhaupt nicht verwundert, obwohl „Seele“ doch offensichtlich kein Fremdwort ist. Und ist gegangen, an seine Wand, die mit den Lexika.

„Seele“ – das Wort sieht schön aus in seinem Notizbuch. Der Bibliothekar beschließt, es zunächst einfach bloß stehen zu lassen.

 

    Aus: Volker Friebel (2012): Ein Rest reiner Wahrheit. Erkundungen zur Seele. Tübingen: Edition Blaue Felder (2. überarbeitete Auflage, die gedruckte Erstausgabe erschien 2007). eBuch.

 

 

Samstag, 28. März 2015

 

„Warum, glaubst du, nennen die Menschen die Sonnlinge „Schlüsselblumen“ und nicht „Sonnlinge“ wie jeder vernünftige Vogel?“, tschilpt Anton.

„Weil die Menschen keine vernünftigen Vögel sind“, tschilpt Karl.

„Ach – was sind sie dann“, tschilpt Anton.

„Menschen“, tschilpt Karl.

 

 

Freitag, 27. März 2015

 

Frühlingssturm.
Durch die Koppel jagen zwei Schimmel,
den Wolken nach.

 

 

Donnerstag, 26. März 2015

 

„Nur was wir glauben, wissen wir gewiß.“ (Wilhelm Busch: Aphorismen und Reime.)

Wir wissen aber niemals, was ist. Wir können froh sein, wenn wir hin und wieder wissen, was wir glauben.

    Aus dem Juni 2008

 

 

2015-03-25 13-26-38 0531 Amalienfelsen Donau bei Inzigkofen 400x300Mittwoch, 25. März 2015

 

Zugfahrt. Mit dem Faltrad von Storzingen das Schmeiental abwärts bis zur Mündung in die Donau. Weiter nach Inzigkofen. Kräutergarten des Klosters. Amalienfelsen. Teufelsbrücke. Die Grotten. Faltradfahrt von Inzigkofen nach Beuron. Am Abend werden wir dort stehen, wo wir begonnen haben.

Frühlingslieder.
Im Hof der Schlossresidenz
steht ein Wohnwagen.

Veilchen am Felsbruch –
schwerelos
der Pfiff eines Vogels.

Auf der Donauinsel –
ein Schwan zupft zwischen fahlem Gras
Licht.

Im Zug die Jungs
werfen sich Melodien zu.
Märzabend.

 

 

Dienstag, 24. März 2015

 

Dorfmuseum Acharavi, Korfu

Die Armut, der Reichtum in dieser Armut,
die Einfachheit in sichtbaren Strukturen:
Olivenbauer, Wäscherin, Fischer,
Schuhputzer, Magd.
Wie hier, war es überall.

Vielleicht sind wir so laut und so leise,
weil wir die Zeichen der neuen Welt
noch nicht sehen, weil ein Motorrad gut
zu lenken ist, aber nicht das eigene Leben
im Gewirr der Verflechtung von Geld und Macht,
die sich über uns erheben, ein babylonischer Turm,
so dass wir uns die Augen verbinden für dieses
wohltuende Dunkel oder losrasen
und schreien, zu übertönen
dieses unsichere
Licht.

    Geschrieben Oktober 2011. Veröffentlicht im eBuch Volker Friebel (2013): Korfu. Fotos und Verse Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Montag, 23. März 2015

 

Wovon sollen wir lernen? Von der Kiefer, was eine Kiefer ist? Vom Mond, der doch nur das Licht der Sonne widerspiegelt – und dabei ganz unversehens verwandelt in etwas Eigenes?

    Aus dem August 2004

 

 

Sonntag, 22. März 2015

 

Schlimmer als Unwissen ist Wissen – weil Wissen immer nur ein Zu-wissen-glauben sein kann. Weil es damit verhärtet und unfrei für die Wirklichkeit macht.

    Eine Notiz aus dem November 2003 – ich blättere in alten Aufschrieben.

 

 

Samstag, 21. März 2015

 

Märzmittag,
überschwemmt von Vogeljubel.
Ungläubiger Efeu.

 

 

Freitag, 20. März 2015

 

Feiner Dunst.
Am Rande des Schwebens
Sonnenaufgang.

 

 

Donnerstag, 19. März 2015

 

Im Zug zum Seminar erzählt ein junger Kerl mit Rucksack einer Bekannten vom Andorra Marathon-Trail, für den er sich diesen Sommer anmelden möchte: 112 Kilometer mit knapp 10.000 Höhenmetern in etwa 30 Stunden. Man läuft die Nacht hindurch. Die Anmeldegebühr sei nicht so hoch wie bei anderen Veranstaltungen.

Vor der Scheibe gleitet hügliges Land vorbei. Es ist Vorfrühling. Wenn die Blüten aufbrechen, will ich wandern, immer der Nase nach, ins Ungewisse, vielleicht bis hinunter zum See.

Festwurzelnder Baum.
Eine Krähe wippt
den knospenden Zweig.

 

 

2015-03-18 13-55-31 0378 Stühle Schönbuch beim Schaichhof 384x350Mittwoch, 18. März 2015

 

Heimisch werden –
vielleicht in den Wolken, vielleicht
im knospenden Wald.

 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 17. März 2015

 

Eine dunkle Benommenheit noch aus der Nacht, ein Entsetzen oder eine Urangst ist zu schlechter Laune geworden. Als ich im Wald mich setze und versuche, mich zu öffnen, spüre ich es erst richtig – als ein Abschirmen von der Umgebung, als eine dunkle Wolke, deren Mitte ich bin.

Vögel singen durch die Wolke hindurch, durchdringen meinen Geist, machen ihn heller und lichter. Ich spüre, wie ich selbst immer mehr schwinde und in diesem Verschwinden leichter werde, wie ich freundlicher werde, weiter und klarer.

Jetzt, im Lauschen, bin ich inmitten der Wirklichkeit. Wind rührt mich an. Kleine Mücken tanzen. Flugzeuge grollen am Himmel. Noch immer der Vogelgesang.

 

 

Montag, 16. März 2015

 

Ins andere

Immer ins andere,
immer dem Faden folgen,
ins Unbekanntere,
du und die Schwestern, die Wolken.

Durch die Wolken der Wind,
ob er auch mal wie du war?
Von der Kuh das Kind,
ob es schon immer Kuh war?

Immer ins andere,
endlich ist es das eine.
Und dieses Unbekanntere
ruft dich laut in das seine.

Das deine.

    Aus: Volker Friebel (2008): Brunnensteine. Gedichte und Haiku. Zweite Ausgabe. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Sonntag, 15. März 2015

 

Das Licht frühen Frühlings überschwemmt meinen Schreibtisch, an dem ich staunend sitze und in den Tag blinzle, der einfach weiter und weiter rollt.

Als ich die Nachrichten lese, frag ich mich wieder, woher das Böse kommt. Und die Antwort ist wie immer: Aus uns.

Es sind nicht die Geschehnisse in der weiten Welt.

Es sind die kleinen Tricks eines Polit-Journalisten an einem anderen Schreibtisch, der das Licht der Sonne weggewischt und durch die Leuchtstoffröhre ersetzt hat, die zu seinem Arbeitsplatz gehört.

Wenn jemand ihn aber entlässt und ein anderer seinen Platz einnimmt, dann wird sich gar nichts geändert haben, weil das Licht und die Verhältnisse dieses Schreibtischs dieselben geblieben sind.

Und wenn ihn oder den nächsten an diesem Platz einer fragt, ob er ein Mensch sei, dann wird er antworten: Ja! Und das wird richtig sein. Weil der Mensch sich in allen Verhältnissen zurechtfindet und alle Verhältnisse den kleinen Dingen schönzureden versteht, die er will.

 

 

2015-03-14 09-36-37 0259 Knulp-Bronze Calw 168x400Samstag, 14. März 2015

 

Pflaster von Calw –
vor Knulps Augen
den Rucksack schultern.

    vor der Bronzestatue Knulp von Friedhelm Zilly (2010)

 

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 13. März 2015

 

Die indische Philosophie habe ich in meiner Jugend, in der ich mich doch für alles interessierte, weitgehend verpasst. Jetzt, nach Aufenthalten in Kambodscha und Indien, staune ich. Aus dem Bhagavad Gita in der Übersetzung von Undine Weltsch und Jens Grünewald (im Netz frei zugänglich):

Krishna spricht: „Übe dich im Handeln, aber begehre nicht die Früchte davon. Laß weder die Frucht deine Motivation zum Handeln sein, noch neige dich zur Untätigkeit. Sei voller Hingabe, widme dich dem Werk, löse jegliche egoistische Anhaftung, oh Dhananjaya, und sei der Gleiche in Erfolg und Mißerfolg. Diese Gelassenheit wird der Yoga der Hingabe genannt. Diese Hingabe, oh Dhananjaya, ist weit bedeutender als das Werk selbst.“

Das sage ich mir täglich, hielt es bisher aber bloß für persönlichen Eigensinn.

    Weltsch, Undine und Jens Grünewald 2013: Mahabharata – Buch 06 (die Gesänge 25 bis 42 bilden das Bhagavad Gita). Nur als pdf-Datei.

 

 

Donnerstag, 12. März 2015

 

„Einmal hab ich die Welt ganz gesehen, einfach so, und sie war wunderschön“, tschilpt Anton.

„Da hattest du keinen Hunger“, tschilpt Karl.

„Hatte ich nicht“, gibt Anton zu.

„Und dir war nicht kalt“, tschilpt Karl.

„War mir nicht“, gibt Anton zu.

„Und du hattest auch keiner Spatzendame unter die Spitzen geschaut“, tschilpt Karl.

„Hatte ich nicht“, gibt Anton zu. „Ich brauchte und wollte überhaupt nichts. Ich war völlig frei. Und musste weinen vor Glück. Kennst du das auch?“

 

 

Mittwoch, 11. März 2015

 

Autorastplatz.
Die halbvolle Chipstüte
im Frühlingsstaub.

 

 

Dienstag, 10. März 2015

 

Wo die Säulen stehen, ist jeder bei sich. Beispielsweise im Sterben. Tun Sie das nicht, jeden Tag? Auch leben, ja, vielleicht leben noch mehr.

Die meiste Zeit wird bloß so etwas dazwischen sein, etwas, das Sie später nie mehr erinnern, von dem es aber doch Fotos gibt, die man ins Album klebt oder die man sammelt, in einem Ordner der Datenbank.

Interessant sind aber gerade jene anderen Blicke, mit dem Rücken gelehnt an eine der Säulen des Melkart.

Was sehen Sie da?

Das mag beim Gang durch die Buchenhallen sein, wenn Sie am Rinnsal stehenbleiben, das über den Weg läuft.

Oder beim Warten, dass das Eichhörnchen die Eichel vom Weg aufliest und zurückspringt ins grüne Dach seines Hauses – aber es hockt da und schaut Sie groß an.

Oder im Dom, wenn Sie in das Helle weit über dem Altar hineinschauen und der Hall von Stimmen die Weite noch größer macht, als sie ist.

Teilen klingt gut, wenn da jemand, den wir lieben, neben uns sitzt. Aber die Dinge gehören uns nicht, so können wir sie nicht teilen. Nur hoffen. Nur beten sozusagen, dass sich die Blicke zweier begegnen, die an zwei Säulen gelehnt einander betrachten.

Zwei Säulen des Himmels.

Doch wenn sie einander betrachten, dann sehen sie nicht hinaus auf das Meer.

Nun werden Sie sagen, auch in den Augen zeige das Meer sich, gerade im Gegenüber finde die Wahrheit sich.

Aber eine alte Frau sagte mir neulich etwas anderes, als ich sie besuchte, in ihrem Zimmer, eine Taxifahrt über dem Altersheim, wo ihr Mann liegt. Da saß sie in ihrem Sessel, blätterte in abzutippenden Manuskripten und sprach vom Verfall und vom Zusehen bei diesem Verfall und vielleicht auch noch vom Vergessen. Das Telefon läutete oft, aber sie bestand darauf, dass sie allein sei, vollkommen allein.

Ich widersprach nicht.

Was nützt es schon zu verstehen?

Verstehen ist gut, ja.

Aber der, der die Säule berührt, sogar der, der sie umfasst hält, versteht nicht den, der sich an sie gekettet weiß.

Wer den Blick hinaus auf das Meer wagt, der mag etwas von ihm wiederfinden in sich. Aber er sieht auch, was in ihm selbst anders ist und dass das sterben wird, und er mag das bedauern.

Ist dort der Tod, jenseits der Säulen?

Der Tod für wen?

Der Tod für was?

Wer sind Sie denn?

Wissen Sie es nicht?

Wenn wir es wüssten, wir säßen nicht hier.

 

    Geschrieben Samstag, 25.11.2006 (die „alte Frau“ ist kürzlich gestorben, ihr Mann schon vor Jahren), veröffentlicht in: Volker Friebel (2014): Clara und der Bibliothekar. Eine Erzählung in Augenblicken und Episoden. Tübingen: Edition Blaue Felder. eBuch.

 

 

2015-03-09 16-11-55 0227 Storchennest Störche Munderkingen-Algershofen 300x396Montag, 9. März 2015

 

Wir radelten von der Wolfsschlucht bei Lauterach (Märzenbecher im Schnee) zurück zum Bahnhof und hielten plötzlich am Straßenrand an. Kann das sein? Der Besitzer des Hauses in Algershofen (bei Munderkingen, bei Ehingen, bei Ulm), ein Tierarzt, bestätigte: Ja! Die Störche sind wieder da!

 

 

 

 

 

 

 

 

2015-03-08 17-18-08 0012 Schneeglöckchen Baum bei Stockach 300x400Sonntag, 8. März 2015

 

Am uralten Baum
eine Bank – abgesessen
von Liebespaaren ...

 

 

 

 

 

 

Stockach bei Tübingen

 

 

 

Samstag, 7. März 2015

 

Frühlingswind.
Die Pferde jagen bis ans Ende
der Koppel.

 

 

Freitag, 6. März 2015

 

Neues Land

Träume sind mir alle bekannt,
wo findet sich noch ein neues Land?
Dort wo dein Fuß den Boden berührt,
wo er die Erde unter sich spürt.

    Am letzten Tag des Jahres 1998 bei einem Waldspaziergang geschrieben, veröffentlicht in: Volker Friebel (2008): Brunnensteine. Gedichte und Haiku. Zweite Ausgabe. Tübingen: Edition Blaue Felder.

So kann es einmal erscheinen. Aber die Zeiten wechseln. Und irgendwann kommen die Träume wieder und behalten die Oberhand. Sie sind nie, niemals alle bekannt.

 

 

Donnerstag, 5. März 2015

 

57

Wohin mit diesem Reichtum, mit den Erinnerungen, den Träumen, mit der Bewegung dieses Grashalms im inneren Raum? Wie sie verstehen? Selbstorganisationsprozesse komplexer Materie? Bewegungen eines göttlichen Atems? Was ist mit solchen Umfassungsversuchen gewonnen? Solche Sichtweisen können doch immer nur Winkelperspektiven sein, eigentlich nur Umformulierungen, mit einem jeweils anderen Hauch Farbe in der Sprache – die dann allerdings die Stimmung hebt oder deprimiert, motivierend wirkt oder niederdrückt.

Wenn ich meine Seele als von ,Gott' gegeben betrachte, oder wenn ich sie als subjektives Ergebnis der Selbstorganisation komplexer Strukturen auf der Basis von Aminosäuren betrachte, scheine ich spezifische Aussagen zu machen. Einmal der Finger Michelangelos, der aus der Höhe kommt und dies Stückchen Erde berührt und belebt. Das andere Mal die Bewegung dieses Klumpens Erde, ganz aus sich selbst, wie er um sich zu kreisen beginnt, wie er sich aufrichtet, wie er Augen ausbildet, die Augen reibt und erstaunt die Erde betrachtet, und diesen Spiegel, und sich selbst, soweit er im Spiegel erscheint.

Diese so verschieden klingenden Aussagen unterscheiden sich aber eigentlich nicht. Mit wenigen Schritten komme ich von der einen zur anderen, und wieder zurück. Ich definiere ,Gott' als die Natur (oder umgekehrt), der Finger wird ein Symbol für die vergehende Zeit (so wie ich umgekehrt Zeit durch einen Pfeil oder einen gerichteten Finger darstellen kann) – und da stehe ich wieder vor diesem Wunder und weiß, dass ich mich nur in Bildern bewege, mit Bildern hantiere, wenn ich es zu erklären, wenn ich es zu verstehen versuche.

Aber auch: Was liegt daran, ob ich es als Wunder betrachte, ob ich in die Knie gehe, die Augen nun hebe oder senke, oder ob ich sage: So ist es einfach!, die Achseln zucke und weitergehe?

Mit keiner Reaktion vermag ich die Tatsache unserer Existenz zu fassen. Jede Reaktion sagt nur etwas über mich persönlich aus, über meine Gestimmtheit, meine Bildung, mein Temperament. Die Existenz fasse ich nicht. Ich müsste denn, mit Archimedes, außerhalb stehen. Niemand steht außerhalb.

Diese Beschäftigung mit unserer Existenz kann nicht einmal oberflächlich sein, weil es keine Oberfläche gibt, weil wir immer schon mittendrin stecken, unverrückbar, ohne Perspektive, ohne jede Möglichkeit, sie zu objektivieren und dennoch lebendig zu lassen – aber die Beschäftigung wirkt auf mich zurück, auf meine Befindlichkeit, auf die Bewegung meiner Augen, auf meine Reaktionen den Menschen gegenüber, auf meine Erde, auf meinen Himmel.

Vielleicht lebt die Seele ganz in diesem inneren Raum, in diesen Bildern, in diesem ,Immer-schon'. Eine Möglichkeit, ein offener Himmel. Und wenn die Bilder anklingen, in anderen Augen, kann es sein, dass sie wahr werden. Dass die Seele nicht ist, dass wir sie machen, wenn wir uns einlassen auf sie.

Wenn es so wäre, so oder so, oder ganz anders, dazwischen, irgendwie daneben, wenn der Mensch, vereinfacht gesagt, nun entdeckte, eine Seele zu haben, oder keine zu haben (oder, so weit sind wir inzwischen schon fast: Wenn er sich zum einen oder anderen entschlösse), was wären die Konsequenzen?

Es ist die Frage nach dem richtigen Leben. Womit wir wieder bei den bloßen Füßen wären, beim Barfußlaufen. Und womit sich zeigte, dass die Antworten sich, so oder so, Seele hin oder her, gar nicht groß unterscheiden. Und wir wären wieder bei der Axt und dem Fernseher, und womöglich beim Garten Voltaires. Vielleicht aber begänne der Garten nun endlich zu leuchten.

 

    Aus: Volker Friebel (2012): Ein Rest reiner Wahrheit. Erkundungen zur Seele. Tübingen: Edition Blaue Felder (2. überarbeitete Auflage, die gedruckte Erstausgabe erschien 2007). eBuch.

 

 

Mittwoch, 4. März 2015

 

Gebrochne Augen
im letzten Schnee – und der Wald singt,
als fehle keines!

Problem: Dieses Thema dürfte schon sehr oft bearbeitet worden sein. Soll man dann drauf verzichten? Oder mit Gewalt versuchen, irgendeinen persönlichen oder originellen Dreh zu finden? Ich hab es erstmal einfach genommen, wie es kam.

 

 

Dienstag, 3. März 2015

 

Den Morgen durchströmender Regen. Der Schriftsteller hat die Balkontür geöffnet und lauscht, am Schreibtisch sitzend, die Augen geschlossen, vor der geöffneten Datei.

„Aller Regen ist gefallen schon vor Anfang der Welt.“

Manchmal lässt er zu, dass sein Mund von selbst spricht. Natürlich nur, wenn niemand anwesend ist. Niemand als er selbst. Meistens kommt nur dummes Zeugs, er hat es jedenfalls schon lange aufgegeben, nach besonderen Inspirationen darin zu suchen. Obwohl sich in diesem hier schon etwas finden ließe. Viel interessanter wäre aber die Frage, woher diese Sachen eigentlich stammen. Und warum sie kommen.

Geräusche auf seinem Parkett, wie fallende Tropfen. Er schaut hoch. Ein Eichhörnchen ist über die Schwelle der Balkontür gestiegen. Der Schriftsteller staunt es an. Als er sich ihm ganz zuwendet, flieht es um den Tisch zurück zur Tür und witscht hinaus. Auf dem Balkongeländer hockend, schaut es zurück.

Der Schriftsteller spricht ein paar Worte.

Das Eichhörnchen lauscht.

Dann springt es ins Gezweig eines Buschs und verschwindet.

Der Schriftsteller lacht. In Gedanken notiert er auf dem Einkaufszettel eine Packung Haselnüsse.

 

    Aus: Volker Friebel (2014): Clara und der Bibliothekar. Eine Erzählung in Augenblicken und Episoden. Tübingen: Edition Blaue Felder. eBuch.

 

 

Montag, 2. März 2015

 

Von der Teilung der Arbeit

Eines Tages kam ein Malergeselle den Berg hochgekraxelt. Er setzte sich keuchend vor die Höhle von Mu, grüßte ehrerbietig und fragte: „Wir haben ein Problem wegen der Arbeitsteilung. Einen Rat erfragen kostet doch nichts, oder?“

„Fragen ist umsonst“, bestätigte Mu. „Also erzähle!“

„Wir hatten zu fünft einen Malerbetrieb eröffnet. Und das fing gar nicht schlecht an“, begann der Malergeselle. „Wir strichen ein Treppenhaus, und weil doch der Tierschutz ein paar Tage vorher eingeführt worden war, machten wir die Ecken zu viert. Nämlich so: Der Lehrling fing eine Fliege. Die hielt er der Spinne knapp außer Reichweite. Das lockte sie weg. Der erste Geselle nimmt sich den Faden vom Spinnennetz und wickelt ihn auf. Der zweite Geselle schnappt sich den Pinsel und malt schnell die Ecke aus. Der dritte Geselle kommt mit dem Föhn und trocknet die Farbe. Und dann ist nochmal der erste Geselle dran und macht das Spinnennetz wieder hin – und gerade kommt der Lehrling auch um die Ecke mit seiner Fliege – und die Spinne ganz abgehetzt hinter ihm her. Und sie plumpst in ihr Netz und merkt nichts. Der Lehrling lässt nun die Fliege frei und die Ecke ist bestens gestrichen. Und wir klatschen und sagen: Ganz toll!“

Auch Mu klatschte und meinte: „Eine löbliche Einstellung zum Miteinander in der Arbeitswelt!“ Aber der Geselle ließ den Kopf hängen und sprach betrübt weiter.

„Dir ist es nicht aufgefallen. Wir haben auch ein bisschen gebraucht, aber dann begriffen wir: Der erste Geselle mit dem Spinnennetz musste zwei Mal ran: Erst aufwickeln, dann abwickeln. Das ist doch zweierlei Arbeit. Und die anderen hatten bloß eine Arbeit. Da stritten wir, und der eine sagte, der erste Geselle sei besser dran als sie anderen, weil er mehr arbeiten dürfe, und der andere sagte, der erste Geselle sei schlechter dran, weil er mehr arbeiten müsse. Da war dann also die Arbeit ein Problem geworden, und wir wussten nicht einmal genau, welches. Dann überlegten wir, warum der erste Geselle eigentlich zwei Mal ran musste, obwohl es doch fünf Arbeitsteile waren und wir auch fünf Leute in der Firma sind. Und da merkten wir, dass der Chef fehlte.“

Mu lachte. Als selbstständiges Murmel war ihm so etwas fremd. Der Geselle aber sprach weiter:

„Wir suchten im ganzen Treppenhaus nach dem Chef, aber wir fanden ihn nicht. Wir fanden ihn in einer der Wohnungen des Hauses. Er trank Kaffee. Wir fragten, warum er nicht arbeite, und er sagte, das komme wegen der Arbeitsteilung. Er arbeite sozusagen auch, wenn er nichts tue, denn jede Arbeit müsse nun mal getan werden. Und wir fragten ihn, was für eine Arbeit er denn tue, wenn er nichts tue. Und er sagte, die Arbeit, die er dann tue, die sei eben keine Arbeit, und das gäbe es auch, wegen des Müßiggangs.

Und er erklärte uns Gesellen und auch dem Lehrling, dass er als Chef neben der Verantwortung eben auch die Arbeit des Müßiggangs auf sich nehmen müsse, manchmal. Denn wenn ein Geselle müßig gehe oder auch einfach bloß faul sei, dann müsse er ihn leider entlassen, und das sei doch unsozial und überhaupt ein gesellschaftliches Problem, weil der dann arbeitslos sei. Aber weil mit der Arbeit nun mal auch die Faulheit in die Welt gekommen sei, müsse jemand den Müßiggang auf sich nehmen, um ihn von den anderen abzuziehen und die anderen dadurch vor ihm und seinen Konsequenzen zu schützen.

Das schien uns erst logisch, aber als wir uns dann nach der nächsten Ecke im Treppenhaus untereinander besprachen, merkten wir, dass eigentlich jeder von uns das mit dem Müßiggang auch erledigen könne. Wir also wieder in die Wohnung und das dem Chef sagen. Aber er behauptete: Nee, das ginge nicht, denn jetzt sei er der Chef. Und so gingen wir also wieder ins Treppenhaus, und nach der dritten Ecke gründeten wir die Gewerkschaft. Und dann gingen wir in die Wohnung und brachten unsere Forderungen vor. Aber der Chef schaltete auf stur.

Schon bevor es zu einem Arbeitskampf kam, merkten wir allerdings, dass wir immer mehr in Schwierigkeiten gerieten, weil plötzlich der Lehrling aufmuckte. Dieser Lümmel behauptete nämlich frech, er würde ,die ganze Zeit' arbeiten, mit seiner blöden Fliege, und jeder von uns nur ein Viertel der Zeit oder der erste Geselle auch zwei Viertel. Der Lehrling wollte eine gerechte Verteilung der Arbeit, und wir kratzten uns alle am Kopf, auch der erste Geselle. Der kratzte vielleicht sogar ein klein wenig stärker als die anderen.

Da standen wir also und überlegten, wie wir das Ganze schön vernünftig diskutieren könnten und was denn die Gewerkschaftssatzung dazu sagen würde, wenn wir eine hätten, aber da kam der Meister und schimpfte recht viel, weil das Treppenhaus angeblich immer noch nicht fertig wäre. Was auch so war. Und wir sagten: Na und?

Aber der Chef quatschte etwas von Effizienz und Leistungsbereitschaft und Lohnabzügen und zeigte seine dicke Stoppuhr vor, die allerdings behauptete, dass wir für jede Ecke mehr Zeit gebraucht hätten als für die vorherige, und die vierte hätten wir dann gar nicht mehr geschafft.

Da protestierten wir natürlich laut, aber weil es nun mal stimmte, war es doch leiser als das Geschrei vom Chef, obwohl wir zu Viert waren. Das war schon blamabel. Und das machte uns wütend, und da stritten wir uns extra lange herum und machten dann Feierabend.

Und am nächsten Tag stritten wir weiter.

Am dritten Morgen aber hatten wir alle die Arbeit nicht mehr, weil der Hausbesitzer das Treppenhaus inzwischen selbst gestrichen hatte, und wir tranken nun eben alle Kaffee. Aber das Streiten wollte nicht aufhören.

Eigentlich würden wir alle ganz gerne malern. Deshab spreche ich jetzt sozusagen für die ganze Belegschaft, mit Chef und Lehrling, und ich will wissen, wie wir das anstellen.“

Mu sagte nichts. Der Malergeselle wartete lange, dann stieg er wieder ins Tal.

An diesem Tag wurde der Tarifvertrag erfunden.

 

    Aus: Volker Friebel (2013): Murmel Mu – Aus den Weisheiten eines Murmeltiers. Tübingen: Edition Blaue Felder. Nur als eBuch.

 

 

Sonntag, 1. März 2015

 

In den Staub

Weißt du, wie viele Aufbrüche es gab,
Tag für Tag, Stunde um Stunde?
Und immer sinken wir zurück in den Staub.

Wir irren, wenn wir an Himmel denken
und Erde. Nur bei den Wolken
irren wir nicht.

    Aus: Volker Friebel (2013): Oberleitungsschaden. Gedichte. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

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