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Fluten-Log
Volker Friebel

 

 

Archiv Juli 2015

 

 

Freitag, 31. Juli 2015

 

Knistern im wartenden Zug.
Am Horizont
schwebt die Sommersonne.

 

Eine Notiz voller Schwierigkeiten. Muss „Sommer“ wirklich sein? Eigentlich nur, um die Assoziation „Winter“ zu verhindern, die mir sonst unwillkürlich kommt. Das müsste doch anders gehen! Ich hatte als Bearbeitungsversuch auch: „Vom Horizont löst sich / die Sommersonne“, des Bezugs „Warten“ des mechanischen Zugs zur langsamen (scheinbaren) Bewegung der Sonne wegen. Dann schien mir die ursprüngliche Version aber nicht schlechter – und alles im Kopf verhedderte sich, morgens im Zug zum Seminar, den Kopf nicht frei genug für all die kleinen Probleme der Wörter.

 

 

Donnerstag, 30. Juli 2015

 

Zusammen im Zug
sitzen so viele Träume.
Goldruten.

Goldruten
am Prellbock. Schließ ich die Augen,
seh ich Großmutter.

 

 

Mittwoch, 29. Juli 2015

 

„Was hast du heute geschafft? Wieder gar nichts!“

„Ich habe unzählige Wellen gemacht, und jede einzelne von ihnen war vollkommen“, sagte das Meer.

 

    Notiz vom Sonntag, 07.03.2010

 

 

2015-07-28 12-55-25 0441 Portal Jakobus-Kapelle Nonnenhorn 300x400Dienstag, 28. Juli 2015

 

Kapelle am See.
Die Kühle im Nachhall
alter Gesänge.

 

Am Jakobsweg (wo führt der nicht lang?) eine kleine Kapelle aus dem 13. Jahrhundert. Wir streifen auf einer Wanderung von Kressbronn nach Lindau Nonnenhorn am Bodensee. Der Zugang wird beschattet von einem Mammutbaum. Er ist noch jung. Die alten Götter tanzen in ihm, zu den alten, jungen Gesängen. Musik ist immer auf der Seite des Lebens, ganz gleich, wie sie sich verkleiden muss. Wir gehen durch das offne Portal hinein. Wir sind überall – wie der Wind.

 

 

 

 

 

Montag, 27. Juli 2015

 

[...]

Die Langeweile des hohen Grases ist die Langeweile deiner Zerstreuung, ist deine Weglosigkeit.

Frag die Vogelscheuche um einen Weg!

Frag die Spatzen im Kornfeld!

Die Welt ist wieder wild geworden, weil die Menschen sich von ihr abgewandt haben und zugewandt den Maschinen.

Siehst du die Welt, meine Seele?

Diese Wiese, blumenlos hinter dem Stacheldrahtzaun.

Diese Bierdose am Saum des Gerstefelds.

Der Flugzeugstreifen am Himmel.

Diese Welt ist die wirkliche.

Am Wasser, das vom Wald her gluckst, verstehst du aber, was einfach ist und dass nur das Einfache im Leben fest wurzelt.

Willst du es aber verstehen? Willst du wirklich hören, was das Wasser dir zuflüstert?

Warum nicht?

Wenn du etwas sein lässt, wie es ist, dann redet das Wasser. Nicht weil du plötzlich Stimmen im Glucksen verstehst, sondern weil du das Glucksen als Stimme würdigen kannst. Wenn du etwas sein lässt, wie es ist, dann bekommen alle anderen Dinge um dich herum ein wenig mehr von der Kraft dieses Einfachen. Je mehr du es lassen kannst, umso stärker wächst dir von überallher diese stille Kraft zu.

Schritt vor Schritt setzen, ohne Bestimmung, es sei denn die Bestimmung des Gehens. Da ist keine Route zu planen. Im ziellosen Schlendern auf einem Feldweg näherst du dich der Mitte der Welt.

 

    Aus: Volker Friebel (2015): Das Gewicht der Wolken. Eine Erzählung in Augenblicken und Episoden. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Sonntag, 26. Juli 2015

 

Schattenwind.
Tief im Wald aus dem Brunnen
tönen Sterne.

 

Da werde ich noch etwas daran arbeiten müssen, damit es nicht nur wie esoterisches Gebrabbel klingt .

Wie sehr unser Hören und Verstehen von unserer Geschichte geprägt wird! Wie wenig wir in der Lage sind, uns von unserer Vergangenheit zu befreien und den Dingen direkt ins Auge zu sehen!

Ich sage „wir“, aber eigentlich meine ich „ich“.

Also noch dazu: Wie wenig „wir“ uns zu unserem Versagen bekennen! (Immerhin versuchen wir, es auszubügeln oder versprechen das wenigstens.)

 

 

Samstag, 25. Juli 2015

 

Zufällig las ich in einem Buch „Veritas filia temporis“ und fand, als ich nachschlug, das wörtlich aus dem Lateinischen so ins Deutsche übersetzt: Die Wahrheit (ist) eine Tochter der Zeit. In der Bedeutung: Mit der Zeit kommt die Wahrheit ans Licht.

Aber mir kam eine andere Übertragung in den Sinn, die ich viel interessanter finde: Jede Zeit schafft sich ihre eigene Wahrheit. Oder: Die Wahrheit wechselt mit der Zeit.

Unsere „Medien“ sorgen dafür! Und die Medien jeder anderen Zeit.

 

 

Freitag, 24. Juli 2015

 

Ausschnitt aus „Am Quell der Donau“:

 

2

[...]

Eine alte Frau, die verlorene Heimat
zurückgenommen ins Offene, ihr Blick geht hoch
in die Schreie der Schwalben.

 

3

Die Geschwister, im Ochsenwagen
nach Osten, den Stromlauf entlang.
Hütten bauten sie, Kirchen, steinerne Häuser,
nahmen das Land untern Pflug, Handel trieben sie,
errichteten Schulen.

Mein Vater: Barfuß kam er heim in die Fremde.
Meine Großmutter: Soldaten vertrieben sie vom Feld.
Unrecht will auf Unrecht sich häufen, die Tränen
trocknet es nicht. Die Tränen trocknet
das Unrecht
der Zeit.

 

4

Wieviel aus der Quelle von Tränen stammt?
Wieviel aus der Quelle ein Menschenleben durchlaufen hat,
da, dieser Tropfen, wie oft?

Wir zahlen an die Erde zurück, was wir empfingen.
Aber der Himmel möchte noch mehr.

Woher nimmst du die Liebe,
was tust du zum Begleichen der Schuld deines Leben?

 

5

Es ist die Liebe, die über dem Wasser schwebt.
Hörst du, wie sie singt, mit verbundenen Augen?
Aus der Bewegung deines Herzens
schaut sie in den Himmel hinein.
Unter ihr strömen die zu erlösenden Ufer.

 

6

Schlägt dein Herz, weil auch die Quelle sprudelt,
weil das Wasser im Fließen erst die Reinheit zeigt,
die es ist, die es sein wird?

Schlägt dein Herz, weil jede Strophe
mit einem Einsatz beginnt, weil du dein Leben
beginnen musst, ein Mal in jeder Sekunde?

Schlägt dein Herz, weil es den Takt zum Tanz geben will,
und du suchst nach der Geige noch,
und wartest den rechten Einsatz ein Leben lang ab?

 

7

Die Steine haben nicht versagt, jetzt, wo sie rieseln,
von der Festung zurück als Sand in die Welt.
Nur die Menschen versagen.

Immerhin, du bist nicht unter jenen,
die die Ufer befestigen, immer noch rollst du Steine
ins Wasser zurück.

Immerhin, du hast für keinen neuen Rekord gesorgt,
auf der Hamster-Rennbahn,
dein Versagen bemäntelst du nicht.

 

8

Festungen brechen. Die Herrscher planen
ein festeres Reich. Und da sich mit Wasser
nicht bauen lässt, aus Ersatzmaterialien,
aus Schaumstoff etwa, aus Gummi.
Tob nur. Es tröstet. Doch

die Hand, die sich ums Schwert schließt, ist nicht die Hand,
die um einen Knüppel fasst, der auf dem Bildschirm
ein Schwert kontrolliert,

das Lied, das du singst, ist nicht das Lied,
das dir aus Lautsprechern
in deine Ohren dröhnt,

du bist nicht du.

Enger werden die Augen der Menschen
je weiter sich ausdehnt ihr Reich.
Was sie anfassten, wurde zu Geld,
doch du siehst an der Brüstung, dass es von Anfang an
Schuldscheine waren.

Die Quelle ist rein.

[...]

 

    Aus: Volker Friebel (2010): Zonen der Kampfjets. Gedichte und Haiku. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Donnerstag, 23. Juli 2015

 

Drei Haiku aus der Fahrradfahrt von Holzgerlingen (Besuch bei Mutter) nach Tübingen, geschrieben während die Liebste auf den Feldern Sonnenblumen brach.

 

Schwellender Raps –
ein Schmetterling erkundet
den Himmel.

Kornblumen.
Dem Himmel ein Stück Raum gestohlen
und Blau.

Lichtschauer.
Ein Streifen Sonnenblumen
im schwellenden Raps.

 

Alles sehr pathetisch. Naja! (Immerhin.)

 

 

Mittwoch, 22. Juli 2015

 

„Weißt du, was ich am liebsten pfeife?“, fragt Karl.

„Was denn?“, fragt Anton.

„Unsinn, nichts als Unsinn!“

„Warum denn das?“ Anton beugt sich neugierig auf dem Scheunendach vor.

„Weil Unsinn der Weisheit nahe kommt, aber nicht so anstrengend ist“, piept Karl und reckt die Brust vor. „Außerdem macht Unsinn mehr Freude.“

 

 

Dienstag, 21. Juli 2015

 

Getrennte Kategorien statt ineinander übergehende Spektren – und das auch noch statisch, absolut, ohne Berücksichtigung von Umständen und Entwicklung: Ich kann so ein Denken einfach nicht leiden.

Die menschliche Natur ist nicht so oder so, eines ihrer wichtigsten Merkmale ist eben ihre Elastizität und ihre starke Abhängigkeit von Umgebungs- und Entwicklungsbedingungen.

Ob wir Mörder oder Heilige werden, entscheiden die Umstände. Und auch, ob das eine oder das andere besser ist.

Und schon mache ich selbst Aussagen einer Art, die ich falsch finde. Das sind dann wohl die Umgebungsbedingungen ...

 

 

Montag, 20. Juli 2015

 

„Es gibt zwei Sichtweisen auf die menschliche Natur. Die eine meint, der Mensch sei von Natur aus gewalttätig, rücksichtslos und aggressiv. Die andere glaubt, wir neigen von Natur aus zu Güte, Harmonie und einem friedlichen Leben. Diese zweite Sichtweise entspricht meiner eigenen.“

    Dalai Lama (2015): Der Appell des Dalai Lama an die Welt – Ethik ist wichtiger als Religion. Mit Franz Alt. Wals bei Salzburg: Benevento Publishing, eine Marke der Red Bull Media House GmbH.

 

„Es gibt zwei Arten von Lebewesen in der Welt“, meint Karl, „die Guten und die Schlechten.“

„Toll, was du alles weißt!“, staunt Anton .

„Und ich gehöre zu den Guten!“, tschilpt Karl und reckt die Brust vor.

„Ich auch, ich auch!“ Anton macht einen Satz auf dem Stromdraht und schlägt mit den Flügeln.

„Wie wird man eigentlich so gut und weise wie wir?“, fragt er dann.

„Das macht der Flug durch den Himmel“, erklärt Karl.

 

 

Sonntag, 19. Juli 2015

 

Drei Haiku von der Autofahrt Kloster Neustift bei Brixen, Südtirol, nach Tübingen:

Über den Pass –
wir rollen dem anderen Meer zu.
Die Berge starren.

Schnellstraßenkreisel.
Die Wirklichkeit
einer Blumenwiese.

Hegau-Vulkane –
die Milch des Himmels
strömt.

 

 

Samstag, 18. Juli 2015

 

Gespräch im Seminar, wie das selbstverständliche Sein des Kindes durch Techniken zur Entwicklungsförderung abgelöst worden ist. Wir halten Kurse über die Berührung von Steinen. Wir stellen Aufgaben zum Hören von Vögeln. Wir erarbeiten Anleitungen für den Atem. Wir tanzen aus Hinterlist, für eine therapeutische Wirkung.

Immerhin, wir tanzen!

 

 

2015-07-17-0403 Mandala Garten Kloster Neustift bei Brixen 400x300Freitag, 17. Juli 2015

 

Tanzschritte –
die Sonne, die Schatten
des Walnussbaums.

Und unsere Schatten, die bewegen sich im Kreis um eine Mitte herum, die wir legten, ein Mandala, im größeren Kreis, den die Sonne tanzt.

 

 

 

 

 

 

2015-07-16-0380 Probst Nikolaus Haus Kloster Neustift bei Brixen 400x300Donnerstag, 16. Juli 2015

 

Das Seminar beginnt! Das vierte Jahr schon sind Sabine Friedrich und ich mit unserem Thema im Kloster Neustift bei Brixen. So heiß wie dieses Jahr war es noch nie! Wir haben im weiten Garten ein kleines Häuschen für uns. Die Stufen hinauf geht es in den Veranstaltungsraum. Der Blick aus dem Fenster: Werden wir es schaffen, morgen vielleicht, unter dem schattigen Walnussbaum zu tanzen?

 

 

 

 

 

2015-07-15-0315 Stein Eisack bei Brixen 400x300Mittwoch, 15. Juli 2015

 

Oben und unten ist der große Stein trübe. Nur dazwischen, in dem Bereich, wo die Wasser des Eisack an ihm spülen, ist er rein, zeigt er seine eigene Natur.

 

 

 

 

 

 

 

2015-07-14-0201 Aussicht Plose bei Brixen 400x300Dienstag, 14. Juli 2015

 

Bergsee.
Libellen durchpflügen
die Zeit.

Wolken spiegeln sich, flimmern. Schwanken sie im Schwanken der Kuhglocken oder im leichten Wind? Die Stille ist tief. Kuhglocken geben ihr diese Tiefe. In der Mitte des Teichs taucht etwas auf.

Aus der Wolke
taucht ein Molch, schnappt
eine Perle Gebirgsluft.

 

    Auf der Plose bei Brixen (Südtirol)

 

 

2015-07-13-0064 Efeuwand Kloster Neustift bei Brixen 300x400Montag, 13. Juli 2015

 

Abenddämmern.
Zur Ruhe im Efeu des Klosters:
Spatzen und Wind.

 

    Kloster Neustift bei Brixen, Südtirol

 

 

 

 

 

 

 

 

Sonntag, 12. Juli 2015

 

Steine

Johanna hat einmal den See bei der Siedlung umrundet, nun setzt sie sich in das Gras und schaut auf das stille Wasser hinaus.

Eine Libelle flirrt über die Fläche, das Blitzen des Lichtes in ihrem Leib. Schon ist sie durch den Gesang der Vögel hindurch verschwunden, irgendwo im Schilf am anderen Ufer.

Johanna nimmt einen ihrer gesammelten Steine und wirft ihn hinaus. Das Geräusch des Wassers. Die Wellenkreise, die sich weit ausbreiten, schwächer werden, verschwinden. „Bernd“, sagt Johanna ganz leise. Sie schließt die Augen und spürt dort dem Wort nach, im See ihrer Seele. Wie sich das Gefühl mit diesem Wort ausbreitet, wie es schwächer wird, wie es im Zittern der silbernen Fläche verschwimmt.

„Libelle“, nennt Johanna leichthin den nächsten Stein, beobachtet seine Wellenkreise und lässt sie dann in sich selbst entstehen und wieder vergehen.

„Wolke“, „Schmetterling“, „ein langer, mühsamer Arbeitstag“, „Kindergeschrei“, „das Flugzeug“ – einer nach dem anderen verschwinden die Steine im See.

Es ist die Ruhe zwischen den Steinen, die Johanna so liebt. Es ist die leichte Bewegung, bei der sie zu zweifeln beginnt, ob sie vom Stein selbst noch stammt oder vom Zittern des Sees oder von einem plötzlichen Windhauch. Es ist das Ineinandergehen mit den Wellen vom anderen Ufer. Es ist das Zittern der Bilder im See unter den sich ausbreitenden Kreisen.

Der letzte Stein. „Johanna“. Besonders lang schaut sie hin. Dann spürt sie nach, wie das Wort auch hinter den Lidern verschwimmt.

Johanna steht auf, umrundet noch einmal den See und geht den Weg zur Siedlung zurück.

 

    Aus: Volker Friebel (2003): Die Seele tanzen lassen. 15 meditative Tänze für Gruppen und Einzeltänzer. Heft mit CD. München: Strube-Verlag.

 

 

Samstag, 11. Juli 2015

 

Ein Haiku-Versuch

 

Über dem Vogellied
schwebt der Sichelmond.
Morgendämmern.

Über dem Vogellied
schwebt der Sichelmond.
Morgenkühle.

Morgendämmern.
Über dem Lied
schwebt der Sichelmond.

Aus dem Lied
löst sich der Sichelmond.
Morgendämmern.

Der Sichelmond –
gelöst aus dem Lied.
Morgendämmern.

Gelöst aus dem Lied
schwebt der Sichelmond.
Morgendämmern.

 

 

Freitag, 10. Juli 2015

 

Wir gehen den Lyrikpfad des Arboretums im Neuen Botanischen Garten Tübingen. Gut eingerichtet: Unter Bäumen Tafeln mit Gedichten zu diesen Bäumen, jedes Gedicht unter einem roten Schirm. Die Bäume sind schön, die Gedichte durchwachsen – mit Überraschungen.

Dass Goethe untergeht, zählt nicht zu den Überraschungen. Aber Hermann Hesse macht staunen: Das Gedicht zum Steppenwolf aus dem gleichnamigen Roman – so weit bin ich bei meinen verschiedenen Leseversuchen der Jugendzeit nie vorgedrungen, ich erinnere mich jedenfalls nicht. Das Gedicht in diesem miesen Roman aber ist gut! Hölderlin, Rilke – klar. Das berühmte Gedicht Hölderlins von den Eichbäumen (er hat noch ein anderes im Lyrikpfad), mag ich allerdings nicht. Einige un- oder wenig bekannte Dichter der Zeit des ersten Weltkriegs: Überraschend! Vieles Neue ist schlecht – wenn es um jeden Preis originell sein will oder wenn es sich nur um das Handwerk bemüht.

Was heißt gut, was schlecht? Die meisten Gedichte sind handwerklich solide, das entscheidet noch nicht. Bei einigen war es das Handwerk schon, andere kommen ins Strömen. Genau das ist es dann: Nicht die Fähigkeit, Worte in ein Metrum zu pressen oder eine berechnende Originalität, sondern der wahrhaftig eigene Blick, den aber nicht der Verstand ausspricht, sondern etwas, das im Mathematikunterricht untergeht. Deshalb gefallen mir Hölderlins Eichbäume nicht. Das ist mir viel zu überlegt und zu wenig Erleben.

Auf dem Rückweg kommen wir über den Stadtfriedhof und besuchen Hölderlins  Grab. Nun gut, ich entschuldige mich! Aber nur wegen den anderen Versen. Und wegen dem Leben.

Was soll das alles? Warum dieses Bemühen um Sprache, um Ausdruck? Vielleicht, weil es etwas in uns bewegt, das sonst stumm wäre und in diesem Stummsein ein Kerker – und das im Sprechen die Welt bereichern kann, wie die Sonne es tut. Weil es uns arm macht. Und damit reich. Weil es den Blick auf etwas lenkt, das so viel kostet wie ein Atemzug und das so viel wert ist wie eine Schatzkammer voll Gold.

Aber was das ist, das weiß keiner. Es muss etwas ganz, ganz Einfaches sein.

 

 

Donnerstag, 9. Juli 2015

 

Ein leeres Schneckenhaus.
Durch Sommermorgenlicht
Wind.

 

 

Mittwoch, 8. Juli 2015

 

„Was ist eigentlich ein Kredit?“, Anton wackelt mit den Flügeln.

„Dass du solche Wörter kennst!“, staunt Karl. „Ich dachte, so gelehrt wäre nur ich, wo ich doch immer die Zeitung mitlese – und du nie!“

„Weißt du es nun oder nicht?“, tschilpt Anton.

„Ein Kredit“, leiert Karl mit geschlossenen Augen, „ist ein Geschäft. Der Kreditgeber gibt dem Kreditnehmer Geld – diese Blätter der Menschen“, Karl rückt sich die nicht vorhandene Brille zurecht.

„Und was hat er davon?“, fragt Anton.

„Er bekommt es zurück“, antwortet Karl, „plus Zinsen.“

„Und was hat der andere, dieser Kreditnehmer davon?“, fragt Anton.

„Er kann sich einen ganzen Eimer voll dicker, fetter Regenwürmer kaufen“, behauptet Karl. „Oder er baut sich eine Scheune.“

„Das ist nicht schlecht“, überlegt Anton und wiegt das Köpfchen. „Außer das Zurückzahlen.“

„Deshalb ist es eben ein Geschäft“, doziert Karl. „Und deshalb zahlt der Kreditnehmer auch mehr zurück, als er bekommen hat. Weil der Kreditgeber auch ein paar Regenwürmer will – und wegen dem Risiko, ob er das Geld denn überhaupt wiedersieht.“

„Könnten sie sich nicht einfach gegenseitig ein paar Würmchen schenken?“, fragt Anton.

„Könnten sie schon, aber das tun sie nicht“, behauptet Karl. „Denn sie sind Menschen.“

„Und wir Spatzen?“

„Wir könnten es auch, aber wir tun es ebenfalls nicht“, tschilpt Karl. „Denn wir sind Spatzen.“

„Wenn es regnet, kommen die Regenwürmer auch so, ohne Risiko“, meint Anton. „Und Scheunen gibt es genug. Wir finden immer ein schönes Plätzchen!“

„Ein Geschäftsspatz wirst du nie!“, meint Karl.

„Aber satt und zufrieden!“, tschilpt Anton.

Und sie schwirren davon, auf der Suche nach ein paar köstlichen Mücken.

 

 

Dienstag, 7. Juli 2015

 

Arbeit an einem Buch über Orte und Wanderungen. Darin eine kleine Notiz über die Mitternachtssonne, die wir am 5. Juli 2012 erlebten:

 

Auf dem Weg zum Nordkap übernachten wir, weit über dem Polarkreis bereits, am Ramfjord bei Tromsø. Ich bleibe hinter dem Fenster wach, um die Mitternachtssonne festzuhalten.

Wer leugnet die Drehung der Erde?

Wer leugnet, dass die Erde rund ist und schön?

Die Sterne zeigen uns die Wirklichkeit. Und hier ist unsere Sonne.

Vielleicht sollte eben ich zu leugnen beginnen, um noch mehr Vielfalt in dieses Wunder zu bringen, das täglich durch uns strömt.

 

Mitternachtssonne.
Wolken verbergen nicht das Leuchten
im Fjord.

 

 

Montag, 6. Juli 2015

 

Donaufluten.
Der Märchenerzählerin
helles Gesicht.

 

 

Sonntag, 5. Juli 2015

 

Ende der Welt

Dicht überm frisch gemähten Gras
schwingt durch den Park eine Taube
zum Wasserbecken, während die junge Frau
weiter ihr Skript liest und das Ende der Welt
näher und näher rückt.

 

    Aus: Volker Friebel (2013): Oberleitungsschaden. Gedichte. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Samstag, 4. Juli 2015

 

„Es kann auch zu warm sein“, behauptet Anton. „Jedes Brathähnchen weiß das!“

„Zum Brathähnchen wird man gemacht – unfreiwillig“, Karl schluckt trocken. „Ein Brathähnchen fände wahrscheinlich, dass es immer viel zu warm ist und dass es lieber ein viel, viel kühleres Hähnchen wäre.“

„Wieviel kühler?“, fragt Anton.

„Mindestens 100 Tonnen“, fantasiert Karl.

„So viel kühler wäre ich jetzt auch gern!“, tschilpt Anton.

„Und ich wäre die 100 Tonnen daneben“, tschilpt Karl.

 

 

Freitag, 3. Juli 2015

 

Der Dicke, mit Wasser aus der Sprudelflasche bespritzt er seine beiden Töchter. Lachen an der Straßenbahnhaltestelle an diesem heißen Sommertag. Alle Bewegungen sind ganz langsam im Licht. Die Wetterstation der Universität Karlsruhe gibt 36 Grad Celsius im Schatten an.

Später dann, im Schlossgarten Durlach, wir sitzen auf einer Bank im Schatten eines exotischen Baums, ein Gespräch über Ethik. Wie sie sich aus der Antike entwickelt hat, durch das Christentum modifiziert, bis zu den Menschenrechten im atheistischen Heute. Mir fällt auf, dass es vom Persönlichen zum Unpersönlich-Programmatischen zu gehen scheint, von der Tugend als persönlichem Können über die Forderungen des einzigen Gottes bis hin zur Ideologie der Gleichschaltung in den modernen Massengesellschaften. Vom Stadtfest wehen Bässe her. Der Teufel ist ein Eichhörnchen, das gerade unter dem Nachbarbaum stillsteht und zu uns herüberschaut.

 

 

2015-07-02 07-30-49 0909 Pferdewagen Lautertal 400x300Donnerstag, 2. Juli 2015

 

Am Ufer wächst Mädesüß
am Murmeln,
am dauernden Murmeln.

 

Er fährt sehr früh mit dem Pferdegespann, denn später kommen die Bremsen und das gefalle den Pferden nicht. Er fährt mit dem Planwagen auch für Gäste. Aber jetzt gerade fährt er nur für sich – und für die Pferde.

Der Alte lacht. Ein großer Morgen im Lautertal. Für die Motorradfahrer ist es zu früh.

Der Kutscher lenkt nicht in die Steinspuren. Er lässt die Pferde im Gras, im frischen Gras des Morgens.

 

 

2015-07-01 15-27-08 0864 Kanufahrt Lauter Lautertal bei Gundelfingen 400x300Mittwoch, 1. Juli 2015

 

Schmetterlingsflirren.
In die Blüten des Flusses
mein Paddel tauchen.

 

 

 

 

 

 

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