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Fluten-Log
Volker Friebel

 

 

Archiv August 2015

 

 

2015-08-31 10-02-19 0126 Wegwarte Acker bei Wendelsheim 400x300Montag, 31. August 2015

 

Wegwartenblau.
Ein Acker,
gepflügt in die Stille.

 

In eine Stille, die nicht gestört wird durch das Tuckern des fernen Traktors und nicht durch den gelegentlichen Laut eines Vogels, nicht einmal vom Grollen eines Flugzeugs, oben, in diesem anderen Blau.

Ich habe diesen Text, Texte dieser Art, durch die Jahre und Jahrzehnte schon zu Hunderten geschrieben. Darf das nicht immer wieder sein? In die Landschaft gehen wir auch immer wieder, ohne dass jemand „Schon bekannt“ seufzt und die Wiesen und Berge durchstreicht.

Aber genau das weist vielleicht auf einen der Unterschiede zwischen der Natur und der Welt des Menschen hin.

Wenn sich die Blätter färben, geschieht das ohne Rückgriff auf ein schon Erlebtes, schon Formuliertes, der Welt schon Eingebrachtes. Es ist ganz neu, jedes Jahr wieder neu, weil es immer gleich nah den Quellen ist.

Anders die Kultur. Sie bezieht sich nicht unmittelbar auf ein Ursprüngliches, sondern auf das, was ihr jeweils unmittelbar vorausläuft. Sie hat eine Geschichte.

Die Natur dagegen, obgleich sie sich auch verändert, obwohl selbst die Linien der Berge sich bewegen, ereignet sich unmittelbar aus den Quellen.

 

 

Sonntag, 30. August 2015

 

„Das Schöne am Sommer ist, dass er warm ist“, tschilpt Anton.

„Das Schlechte am Sommer ist, dass er heiß ist“, tschilpt Karl und schlägt mit den Flügeln.

„Ich freue mich schon auf den Herbst“, tschilpt Anton.

„Das Schlechte am Herbst ist allerdings, dass er kalt ist“, tschilpt Karl.

„Aber das Schöne am Herbst ist, dass er kühl ist“, tschilpt Anton.

„Immer entscheiden kleine Unterschiede auf derselben Latte zwischen schön und schlecht“, tschilpt Karl. „Und über die kann man noch streiten.“

„Das wird bei den Leuten auch so sein“, tschilpt Anton und schaut hinüber zur Spatzenschar, die gerade in eine Hecke einfliegt.

 

 

Samstag, 29. August 2015

 

Wir sitzen auf einer Bank im Lindenschatten am Christian-Wagner-Haus, Warmbronn, und trinken vom mitgebrachten kalten Kaffee. Da hält gegenüber ein Lieferwagen, hupt – ein italienisches Eisauto ist es. Elisabeth geht hinüber und holt uns je eine Tüte.

Sie berichtet, die Frauen im Hof hätten den Eisverkäufer schon vermisst, er war in Urlaub.

Der hält noch eine ganze Weile für ein Schwätzchen, während ein Hund aus der Nachbarschaft endlos in die Mittagsglut bellt.

 

Christian Wagner (1835-1918) – Hermann Hesse hat sich sehr für den Bauern-Dichter aus dem Dorf, das heute zu Leonberg gehört, eingesetzt, letztlich ohne großen Erfolg. Immerhin gibt es noch heute eine Gesellschaft seines Namens.

Wir gehen den „Christian-Wagner-Dichterpfad“ ab, der vom Wohnhaus durch das Dorf und die Umgebung führt. Gedichte sind auf Metallplatten in Steinquader eingelassen und so behutsam in die Natur gebettet, dass wir nur die wenigsten finden.

Das ist auch ganz gleich. Es sind die Bäume und Gräser, der Himmel ist es, das Lied der Vögel ...

Die Sommersonne sticht heiß, aber wir freuen uns sehr auf dem Weg ...

2015-08-29 13-44-09 0932 Gedichtstein Christian Wagner Gruß an Warmbronn bei Warmbronn 400x300

 

Auf dem Dichterpfad –
nur der Wind
und die Laute von Vögeln.

Bienenkästen.
Die Weite des Himmels
wächst.

Am Grab des Dichters
Blumen. Ein Schmetterling setzt sich
auf den Stein.

Ein Hahn kräht.
Auf den Stein des toten Dichters
brandet Licht.

 

 

Freitag, 28. August 2015

 

Herbstlaub.
Die Parklücke nimmt ein Auto auf
und verschwindet.

 

Das Auto aber ist immer noch da. Und der Asphalt unter ihm auch.

Anscheinend gibt es so etwas wie eine „Parklücke“ gar nicht (mancher Autofahrer hat es geahnt), sondern nur einen „Parkplatz“ oder besser nur „Platz“, der mal frei und mal belegt ist. „Parklücke“ scheint eine Subjektivierung ohne Rechtfertigung in der physikalischen Welt zu sein.

Ob es viele Subjektivierungen dieser Art gib?

Da gehen die Gedanken sofort zur Religion und zum größten Begriff dort, „Gott“. Was ist damit? Und gibt es da etwas, das dem „freien Parkplatz“ oder „freien Platz“ vergleichbar ist? Vielleicht mystische Erfahrungen. Für die es Worte dann allerdings gar keine gibt.

Ein anderer Kandidat wäre die „Demokratie“ der hiesigen Politik. Dass es sich nicht um etwas bloß Reales handelt, darauf weisen schon die Diskussionen um mehr Mitbestimmung des Volkes, die in einer Demokratie („Demos“ = Volk, „Kratos“ = Herrschaft) unsinnig wären. Was wäre denn hier das realere Wort? Die letzte Zeit versuche ich es mit „Konglomerat“, um die Vielzahl von Bestimmungsfaktoren der Machtausübung, die es gibt und die mit „Volksherrschaft“ auch auf Altgriechisch nicht zu fassen sind, die mit „Regierung“, „Partei“ oder „Parteiensystem“ allerdings auch nicht abgedeckt werden, in ein Wort zu bringen.

Bei „Parklücke“ weiß allerdings jeder, was gemeint ist, jedenfalls genau genug, um sein Auto in eine solche zu steuern. Unter „Gott“ versteht zwar jeder etwas anderes, aber zumindest der richtige Bereich wird angetippt, mehr ist da sowieso nicht möglich. Und „Demokratie“ nennen wir eben das System, das sich bei uns historisch entwickelt hat, gleich was es eigentlich ist. Zur Handhabung reicht es.

 

Zugvögel.
Ein Auto bewacht
versiegelte Erde.

 

 

2015-08-27 13-31-14 0891 Cent-Stück Kiesbank Garmerbach Schönbuch 400x300Donnerstag, 27. August 2015

 

Ein Cent-Stück gefunden, auf der Kiesbank am Waldbach.

Ich lass es liegen, für diesen Fisch, der im Rinnsal vor meinem Schatten zu fliehen versucht – wohin? –, dass der Sommer vorübergeht und die Regen des Herbstes seine Welt wieder größer machen.

Ich lass es liegen, für dieses Wasser, das um die Biegung verschwindet, dass es alle Gegend schön findet und nicht nur an die Schönheit des Anfangs zurückwill.

Ich lass es liegen, für diesen Vogel, der hoch oben im Gezweig einer Buche ein paar Töne in den Wald gibt, obwohl die anderen schweigen, dass ihm das Leben auch jenseits der Fortpflanzung begehrenswert ist.

Wie die Welt um diesen Cent ganz groß wird, wie sich Gesichter zu öffnen beginnen, ohne Gesicht, einfach nur Blätter und Bewegungen von Grashalmen, einfach nur ein Stück gebrochenes Holz auf dem Kies, einfach eine summende Fliege, einfach das Licht auf den stehenden Schnellen des Bächleins, das in jedem Augenblick jemand anderes wird.

 

 

Mittwoch, 26. August 2015

 

„Wie sie auch prahlen mit ihrer Klugheit, sie sind ganz schön dumm!“, tschilpt Anton.

„Stimmt!“, tschilpt Karl. „Wen meinst du?“, fragt er dann nach.

„Die Menschen“, tschilpt Anton.

„Die sowieso!“, tschilpt Karl und wippt auf dem Leitungsdraht.

„Nimm nur die dicke Margot“, tschilpt Anton. „Seit sie zum Arzt geht, ist sie krank. Aber glaubst du, sie hielte sich deshalb von ihm fern?“

„Vielleicht ist sie in den Arzt verliebt und nimmt ihren Husten eben hin“, tschilpt Karl.

„Das wird es sein!“, staunt Anton und schlägt mit den Flügeln. „Die sind ganz schön verliebt, diese Menschen!“, meint er dann.

 

 

Dienstag, 25. August 2015

 

Wieder erlischt

Auf fahlen Gräsern liegt Tau,
der zu glimmen beginnt,
wenn die Wolken sich öffnen,
wie eben jetzt, und der, wenn sie schließen,
wieder erlischt.

 

    Aus: Volker Friebel (2013): Oberleitungsschaden. Gedichte. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Montag, 24. August 2015

 

Gedanken von gestern aus dem Wohnzimmer der Hummelshalde, auf die Kaffeezeit wartend, aufgeschrieben den nächsten Morgen zu Hause in Tübingen.

 

Ich schaue von meiner Bank unter dem Walnussbaum den beiden Wanderern nach, wie sie den gewiesenen Weg ins Dorf einschlagen, bergab.

Eigenartig, dass immer nur Menschen nach dem Weg fragen, nie etwa Bäume oder Schmetterlinge!

Den Bäumen lässt sich zugutehalten, dass sie nicht wandern und deshalb auch keine Kenntnis vom Weg benötigen. Und wenn sie doch einmal unterwegs sind, etwa auf der Fahrt ins Sägewerk, braucht sie der Weg nicht zu kümmern, den kennt ihr Chauffeur.

Aber die Schmetterlinge! Der Mensch gilt so viel klüger als sie, doch sie kennen den Weg und er nicht!

 

 

2015-08-23 09-26-51 0851 Wegwarte Straßenasphalt bei Rechberg 400x300Sonntag, 23. August 2015

 

Morgenwanderung vom Franz-Keller-Haus auf dem Kalten Feld vorbei an der Reiterles-Kapelle und dem Stuifen den Rechberg hinauf, immer wieder im Angesicht des Hohenstaufen.

Morgenlicht.
Durch atmenden Himmel
Schritte der Wanderer.

Den Bergpfad abwärts,
während das Licht steigt.
Frühherbstfarben.

Erste Schlehen.
Im Frühherbstmorgen warten,
auf Schnee.

Wegwarten am Wanderpfad.
Im Blau des Himmels
nur Flugzeugstreifen.

 

 

2015-08-22 19-57-56 0791 Bäume Sonnenuntergang Kaltes Feld 300x400Samstag, 22. August 2015

 

Mückenflügel,
von sinkender Sonne durchleuchtet.
Der Bergwald betet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 21. August 2015

 

Auf dem Schornstein
sitzt eine Elster, schakert.
Morgendämmerung.

 

 

2015-08-20 15-50-49 0697 Sonnenblumen bei Holzgerlingen 300x400Donnerstag, 20. August 2015

 

Am Rande des Stoppelfelds
eine Reiterin.
Sonnenblumen.

 

Und da rollen zwei Mädchen heran – auf einem Fahrrad zwischen den leeren Feldern. Aus ihrem Radio rappt es über das müde Land. Sie lachen. Ich spüre, dass ich zum Lächeln bereit bin. Auch vor dem Schornstein weit hinten im Dorf, um den mein Vater sein Leben lang arbeitete. Auch unter den ziehenden Wolken.

 

 

 

 

 

 

Mittwoch, 19. August 2015

 

Vom Fenstersims läuft
der Spatz in den Himmel –
Flügelschläge ...

Wie schwerfällig die Sprache doch ist, wenn sie beschreibt! Am meisten scheint mir die Sprache in ihrem Element, wenn sie erfindet, wenn sie träumt, wenn sie jedenfalls die geschaute, gehörte Wirklichkeit zu einer anderen Wirklichkeit machen will.

 

 

2015-08-18 10-58-41 0635 Hohenzollern bei Hechingen 400x300Dienstag, 18. August 2015

 

Fünf Haiku aus einer Wanderung von Onstmettingen über den Raichberg, an Hohenzollern vorbei hinunter nach Hechingen. 20 Grad Celsius, wechselnder Himmel, ein Wandertag.

Das Foto zeigt den Blick vom Albtrauf über Hohenzollern hinweg in die Ebene.

 

Stumm fliehen Vögel.
Der Tau auf dem Grashalm
blitzt.

Am toten Baum
unser Wanderzeichen.
Weiter Himmel.

Zum Hohenzollern
ein Blick aus dem Wind.
Zwei Schmetterlinge.

Stufen hinunter
zur Quelle – das Wasser:
kalt!

Rast unterm Apfelbaum.
Ein Bienenkasten
am Flirren der Landstraße.

 

 

Montag, 17. August 2015

 

Heute setzte ich mich mit einem Artikel der Deutschen Welle auseinander, die über einen anderen Artikel in der New York Times berichtet, nach der chinesische Agenten in den USA versuchen, „geflüchtete Chinesen zur Rückkehr zu bewegen“, auch durch Drohungen gegenüber Familienangehörige: die Operation „Fuchsjagd“.

Eigentlich wäre diese Nachricht gut geeignet, gleich mehrere der typischen Manipulationstechniken der Presse des Konglomerats aufzuzeigen. Aber wie eigentlich immer, endet eine solche Auseinandersetzung bei mir im Erkennen ihrer Sinnlosigkeit.

Ich habe mich in einem zweiten Versuch eben damit auseinandergesetzt.

Und in einem dritten ein Gedicht geschrieben.

Der vierte Versuch wäre dann vermutlich die Betrachtung des Himmels. Oder morgen früh den Vögeln zu lauschen. Aber das Gedicht ist fertig. Pathetisch und arrogant genug für das Thema sollte es sein, also denn ...

 

Einer wie ihr

Loblied auf unser Polit-Personal,
vor allem auf die schreibende Abteilung

Wenn sie im Fernsehen betrügen,
atme ich Luft und taste Stein.
Wenn sie im Netz sich selbst belügen
und uns, stimm mit dem Mond ich ein.
Was mich erhellt, soll mich nicht grämen,
was mich beschattet auch nicht, nein.
Doch will ich mich nie dafür schämen
einer wie ihr zu sein.

 

 

Sonntag, 16. August 2015

 

„Nun regnet es, und die Menschen fliegen sofort unter die Dächer ihrer Häuser“, piept Anton und umklammert mit den Füßen ganz fest den Draht der Hochspannungsleitung.

„Sie fliegen nicht, sie rennen“, piept Karl.

„Wir jedenfalls haben uns niemals Häuser gebaut“, piept Anton und schüttelt das nasse Gefieder. „Warum bloß nicht?“

„Weil wir hierher gehören“, piept Karl, „so, wie wir sind.“

„Und die Menschen?“, piept Anton.

„Die Menschen gehören nicht hierher““, piept Karl. Er reckt die Brust heraus – aber dann fliegt er doch in die Hecke unter dem Scheunendach.

 

 

Samstag, 15. August 2015

 

Was heißt „Opposition“? Ein Wort aus dem Lateinischen, übertragen „das Entgegengesetzte“.

„Ich denke, dass alles super ist.“

Was ist nun davon die oppositionelle Haltung?

„Ich denke, dass nicht alles super ist.“ – Manches also schon, anderes nicht.

„Ich denke nicht, dass alles super ist.“ – Ein bisschen offener gehalten, es könnte alles, aber auch nur manches schlecht sein.

„Ich denke, dass alles schlecht ist.“ – Das ist offensichtlich wirklich das Gegenteil.

„Ich denke, dass es hier nicht um super oder schlecht geht, sondern um die Tatsache, dass wir uns zwischen beidem entscheiden können.“ – Keine Ahnung, was das ist – vielleicht Verwirrung? Auf jeden Fall führt es auf eine neue Ebene.

„Nicht ich denke, dass alles schlecht ist.“ – Das führt auch auf eine andere Ebene.

„Ich fühle, dass alles super ist.“ – Das bringt etwas anderes hinein.

„Ich denke, dass nichts super ist.“ – Wieder das Gegenteil, die Opposition.

„Ich will an die Macht.“ – Das ist die Opposition in der Politik.

„Ich denke.“ – Das ist Descartes.

„Nicht ich denke.“ – Das ist vielleicht Shakyamuni.

„Schlimm.“ – Das bin vielleicht ich.

Und das sind nur einige verbale Aussagen. Man könnte auch die Augen schließen, den Kopf schütteln, ausspucken, lachen ...

 

 

Freitag, 14. August 2015

 

Zeit der Hitze und der Gewitter. Zeit des Schweißes.

Manchmal denk ich über mein Leben nach. Dann sag ich mir: Lass das!

Auf dem Sand ein Blick über Tübingen und weiter bis zum Rande der Alb.

Durch Fernrohre können wir bis fast an den Anfang der Zeit sehen. Der Raum zählt schon nicht mehr, nur die Zeit, die Vergangenheit.

Menschen sind aus Verkomplizierungen gemacht, aus den Ereignissen bei der Explosion von Sternen.

Menschen wollen gern einfach sein.

In der Nacht wird es regnen.

 

 

Donnerstag, 13. August 2015

 

Nachts kommt Wind auf. Ich öffne alle Fenster und Türen. Sternschnuppen habe ich keine gesehen. Dass nichts fest wird! Dass alles durchblasen wird und in die Welt verstreut! Auch die Träume.

Das Träumen ist es, nicht der einzelne Traum. Das Gehen ist es, nicht das Stehen.

Vielleicht steht da jemand, um in eine Pusteblume zu blasen und ihre Schirmchen in den Himmel zu schicken.

Vielleicht geht da jemand, um ein Buch über Träume zu kaufen, die jemand anderes träumt.

Ich war in der Universitäts-Bibliothek und brachte einige Fachbücher nach Hause. Ich las über neuere Entwicklungen der Psychologie. Das haben die Menschen seit Jahrtausenden gewusst. Aber nicht aufgeschrieben, damit es nicht fest wird und falsch.

 

 

Mittwoch, 12. August 2015

 

Landschaft voll Seen und Wald. Und Stoppelfeldern. Und Himmel. Sanfte Hügel. Wohin wollen wir? Dorthin, wo das Herz sich wundert und spricht. Dorthin, wo die Augen zurück an den Anfang kommen und die Seele den Himmel betrachten kann.

Autobahnen durchziehen wie Flüsse das Land. Eher wie Adern. Es ist ein Körper, den sie mit Nährstoff versorgen. Dort schwimmen wir mit. Dort biegen wir ab.

Und erinnern uns: Die Gewissheit des Trittes beim Wandern. Das Ziel? Ganz gleich. Ein Baum. Ein Brunnen. Die Spitze eines Kirchturms. Eine Wand, aus der ein Duft aus der Vorzeit strömt. Gedanken sind zum Irren gemacht.

    Busfahrt von Tübingen nach Nancy

 

2015-08-12 13-25-45 0563 Porte de la Craffe Nancy 300x400

Hitzefluten.
Ein Akkordeon allein
in der Mitte des Platzes.

    Nancy, Place Stanislas

 

Polizeisirene.
Die Musik in der Basilika
tritt zurück.

    Nancy, Basilika

 

 

 

Foto: Porte de la Craffe, das älteste Stadttor Nancys (14. Jahrhundert) 

 

 

 

2015-08-11 16-48-05 0524 Hase Lichtung Kleines Goldersbachtal Schönbuch 400x300Dienstag, 11. August 2015

 

Seit Jahren radle ich einmal die Woche durch den großen Wald (Schönbuch, 156 Quadratkilometer), meine Mutter besuchen. Die letzten vier Wochen saß in einer Lichtung am Waldweg, der gut von Wanderern, Radfahrern, Waldarbeitern frequentiert wird,  ein Hase. Oft mittendrin, die Löffel aufgestellt, reglos – aber abwartend; er flüchtete nicht, sondern ließ die Menschen vorbei. Immer war es nur auf der Rückfahrt am Nachmittag.

Auch heute sitzt er wieder da, diesmal, es ist sonnig und heiß, noch näher am Weg, im Schatten. Ich halte, steige ab, krame lange nach der Kamera, die unter Einkäufen ganz unten im Rucksack steckt. Ich schleiche heran. –

Natürlich hat er mich gesehen, er sitzt zum Flüchten bereit – aber bleibt. Ich mache meine Fotos und gehe zum Rad zurück. Seine Fluchtdistanz mag ich nicht austesten. Aber frage mich auf dem Heimweg: Ist dieser Hase sehr dumm oder sehr klug?

 

 

Montag, 10. August 2015

 

Nach jedem Pfiff
wackelt das Schwänzchen des Vogels.
Sommermorgen.

 

 

Sonntag, 9. August 2015

 

Morgendämmern.
Im Flügelschlag einer Taube
singt der Himmel.

 

 

2015-08-08 14-25-58 0498 Neckar Hölderlinturm Stocherkähne Luftballons Tübingen 300x400 Samstag, 8. August 2015

 

Aus üppigen Weidenwipfeln lugt die Spitze des Hölderlinturms. Stocherkähne liegen am Ufer. Luftballons sind herübergeweht. Eine Menge davon ließ ein Kahn vorhin in den Himmel hinein, wo sie sich nun verlieren, manche in den weißen Wolken, manche im Blau. Was wird aus denen, die es zum Dichterturm zieht? Es ist heiß, die Gedanken sind alle flöten gegangen, nur wir sitzen noch immer hier, im Erker des Kaffeehauses, vor leeren Gläsern, und schauen über den Fluss.

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 7. August 2015

 

„Warum ist es nur so heiß?“, klagt Anton.

„Damit wir nicht so viel denken“, piept Karl.

„Glaube ich nicht“, piept Anton.

„Damit wir nicht soviel tun“, piept Karl.

„Glaube ich nicht“, piept Anton.

„Damit wir nicht so viel denken“, piept Karl.

„Das muss es sein!“, piept Anton und seufzt.

 

 

Donnerstag, 6. August 2015

 

Was sind denn eigentlich Eigenschaften?

Der Wanderer singt schön.

Das Schönsingende wandert.

Das Wettergegerbte wandert schönsingend.

Der wettergegerbte Wanderer schönsingt (singt schön).

Die Unterscheidung in „Hauptwörter“, „Eigenschaftswörter“ und „Tunwörter“ dient doch bloß der Bequemlichkeit, der schnellen Verständigung, der Handhabung. Ein Baum kommt ohne sie aus und existiert doch auch in dieser einen, selbst uns umschließenden Welt.

Es gibt keine Eigenschaften.

Es gibt nur Eigenschaften, aber niemanden, der sie trägt.

Es wandert schauderhaft singend, vom Wetter gegerbt werdend.

„Es“ ist nur ein Platzhalter. Wir besetzen ihn aus Gewohnheit, wir können ihn auch leer lassen, weglassen.

Wandernd, schön singend, vom Wetter gegerbt werdend.

Das Wetternde verbindet sich gerbend mit dem wandernd Schönsingenden.

Das Wandernde verbindet sich mit dem Schönsingenden, das Wetternde bricht über diese Verbindung herein und gerbt sie (schön).

Eigentlich ist das nicht lustig, aber lachen Sie trotzdem.

Mit den Worten kommen wir in das tiefe Verstehen doch nicht, sie sind aus der Handhabung, dem Begreifen, sind für die manipulierende Tätigkeit entstanden. Die Welt lässt sich in ihnen wohl sagen – aber auch der Farbenblinde kann sich über die Farben verständigen, auch ein Stein kommt zurecht in der Welt oder ein Frosch – und beide kennen vermutlich unsere Wortarten nicht.

Aber wir, die wir ganz geborgen sind in diesem Meer der Worte, wir können von ihnen nicht lassen, sie sind eben unser Leben, unsere Art – wie der Stein seine hat, und der Frosch eine andere. Und wie sich diese wohl aus der Art einer Kaulquappe entwickelt hat, können auch wir uns entwickeln. Nicht unbedingt durch eine Veränderung der Sprache, aber vielleicht durch mehr Empfindung für die Sprache als Weg, als gemeinsamen Weg. Vielleicht lernen wir dann auch die Blumen kennen an seinem Rand.

Wesentlich für die Sprache der Dichtung scheint die starke Beteiligung der Konnotationen, der Worttiefen, des Dufts der Wörter im Text. In einem wissenschaftlichen Text wird das Wort „Baum“ informell gebraucht, wie eine Definition. Tatsächlich bemühen sich wissenschaftliche Texte häufig noch immer, ihre Begriffe scharf zu definieren, den informellen Gehalt herauszustellen, alles andere abzuschneiden mit dem scharfen Messer der Beschränkung. Dass meist fremdsprachige Begriffe verwendet werden, erleichtert das noch. Vielleicht ist so etwas für die Kommunikation innerhalb einer Fachsprache gut (vielleicht oft auch nicht). In der Dichtung tritt jedenfalls die gewachsene Tiefe des Wortes viel mehr hervor, seine Verwandtschaft mit anderen Wörtern und Inhalten, seine Beziehung zu uns selbst.

Die Konzentration auf den Duft, die Konnotationslastigkeit, ist eine Erklärung dafür, dass in guter Dichtung (meist) einfachere Wörter verwendet werden, Wörter mit mehr Tiefe eben, wie Baum, Meer, Himmel, Haus. Guter Dichtung gelingt es, die im alltäglichen Gebrauch, in der informellen Handhabung verschüttete Tiefe der Wörter wieder zum Klingen zu bringen, freizuspülen. Sie ist damit wie eine Gesundheitskur für die Sprache.

Mit dieser Sprache aber reicht der Mensch an seine Wirklichkeit. Die Wahrheit seiner Existenz, seine Seele sozusagen, zeigt sich in der Sprache der Dichtung – gerade eben in diesen Konnotationen der Wörter, in ihrem Klang und Duft schimmert sie auf, kaum in ihrem informellen Gehalt.

Nicht jede Dichtung kann dem genügen, nicht jede Dichtung will überhaupt dorthin. Scherz- und Schüttelreime, Sprachexperimente oder Befindlichkeits-Lyrik sprechen sogar gegen diese Deutung.

 

    Ende Mai 2005 geschrieben, für ein Buch über Dichtung, das dann aber liegen geblieben ist.

 

 

Mittwoch, 5. August 2015

 

Qigong im Park.
Zwischen fallenden Blüten
tanzt ein Schmetterling.

Waren es Blüten? Von einem exotischen Baum des Alten Botanischen Gartens rieselte es ununterbrochen zur Erde. Ein Schmetterling wirkte, als sei er mitten im Treiben verwirrt. Wie viele der Übenden (deutschlandweite Qigong-Aktion) sahen die Lehrerin an, wie viele an ihr vorbei in das Rieseln?

 

 

Dienstag, 4. August 2015

 

Vier Haiku aus der Fahrradfahrt von Holzgerlingen nach Tübingen, nach dem Besuch von Mutter im Betreuten Wohnen auf den Feldern vor Weil im Schönbuch, während die Liebste Sonnenblumen schnitt.

 

Sonnenblumen
im Hafer. Die neue EU-Richtlinie
schwankt im Wind.

 

Grasende Pferde.
Die Wolkenfront schon über
den Sonnenblumen.

 

Wolkenfronten.
Beim Brechen der Sonnenblume
löst sich ein Schmetterling.

 

Der Schimmel lässt
vom dürren Gras, schaut übers Gatter
ins Nichts.

 

 

Montag, 3. August 2015

 

[...]

Solche Spiele mit imaginativem Charakter sind einer Studie von Singer & Singer zufolge positiv mit Freude und Lebhaftigkeit korreliert, negativ dagegen mit Furcht, Trauer oder Müdigkeit. Bei sehr zornigen, ängstlichen oder hyperaktiven Kindern konnte nur selten Vorstellungsspiel festgestellt werden. Kinder, die viel an Spielen imaginativen Charakters beteiligt sind, beteiligen sich auch mehr an tatsächlichem sozialem Spiel. Imaginative Kinder initiieren eher gemeinsame Spiele, sind weniger allein, weniger zurückgezogen oder abweisend. Wie es scheint, entwickeln Kinder, die gut imaginieren können, bessere soziale und kognitive Fertigkeiten: Sie können Erlebnisse besser integrieren, lernen Informationen zu organisieren, sind reflexiver, konzentrierter und anderen Kindern gegenüber sensibler.

Trotz breiter Angebote wählen Jungen lieber Abenteuerspiele mit verwegenen und konflikthaften Inhalten, während Mädchen zu Spielen neigen, die sich mit sozialen Themen beschäftigen, vor allem mit Familienthemen wie der Rolle von Vater, Mutter und Kind. Mädchen scheinen dabei intimer mit ihren Figuren als Jungen, die mehr von außen beschreiben. Interessanterweise hat die Veränderung in den Fernsehklischees im imaginativen Spiel der Kindergartenkinder ebenfalls eine Veränderung bewirkt: Mädchen neigen heute mehr als früher dazu, sich mit Heldinnen zu identifizieren, wie sie in Zeichentrickfilmen und Comics vermehrt auftauchen. Eine verstärkte Hinwendung von Jungen zu häuslichen Themen ist aber nicht zu beobachten.

Hoch differenziertes Spielzeug (wie perfekt vorkonstruierte Roboter) wird zwar anfänglich gern angenommen, erhält bald aber nur noch wenig Aufmerksamkeit. Offenbar bieten Materialien wie Legos oder Bauklötze längerfristig mehr Ansatzpunkte für die Imagination.

Im Alter zwischen 2 und 6 Jahren haben viele Kinder imaginäre Spielgefährten: andere Kinder oder Tiere oder Fantasiewesen. Bei jüngeren Kindern wird für imaginäre Gefährten manchmal auch ein Stuhl am Tisch sowie Essen und Trinken bereitgestellt. Siegel (1998) berichtet über EEG-Aufnahmen während halluzinierter Erscheinungen, die reduzierte evozierte Reaktionen auf ein blitzendes Licht hinter der Erscheinung aufzeichneten, ganz so, als reduziere die Halluzination die Wahrnehmung des hinter ihr blitzenden Lichts. Imaginäre Gefährten werden also offenbar von vielen Kindern nicht nur für wirklich gehalten, sondern auch wirklich gesehen.

[...]

Bereits im Kindergarten sind Imaginationsspiele zunehmend durch Fernseherfahrungen der Kinder beeinflusst. Nach Singer & Singer (1992) haben Versuche ergeben, dass dieselbe Geschichte, einmal in Ton und Bild (Video), das andere Mal nur mit Ton (Tonträger) dargeboten, unterschiedliche Auswirkungen auf die kindliche Imagination hat: Bei der Videoversion werden nachher zwar mehr Einzelheiten berichtet, die Kinder bleiben jedoch viel näher an der erzählten Geschichte, während in der Audio-Version die Imagination des Kindes in größerem Ausmaß zum Tragen kommt und die Geschichte viel freier miterlebt wird. Der Einfluss des Fernsehens auf die Imaginationsentwicklung wird deshalb als negativ beschrieben (negativ auch für die Sprachentwicklung und die Kreativität): Auch zeigte sich eine positive Korrelation zwischen der Häufigkeit des Sehens aggressiver Fernsehsendungen und der kindlichen Aggressivität. Selbst in einer 20-Jahres-Nachuntersuchung konnte eine Korrelation zwischen dem häufigen Sehen von Sendungen aggressiven Inhalts und späteren offenen Aggressionen festgestellt werden. Wird von erwachsenen Bezugspersonen mit dem Kind gemeinsam ferngesehen und durch Erklärungen das Gesehene sinnvoll in die vorhandenen Schemata des Kindes gebracht, kann Fernsehen aber bei entsprechend guten Programmen auch bereichernd wirken.

[...]

Über die weitere Entwicklung der Imagination im Erwachsenenalter liegt eine Quer- und Längsschnittstudie von Giambra & Grodsky (1991) vor, die etwa 2.000 Personen zwischen 18 und 71 Jahren zum Teil über einen Zeitraum von bis zu 8 Jahren mit einem Imaginationsinventar untersuchten . Sowohl im Quer- als auch im Längsschnitt zeigte sich bei den Frauen eine Abnahme der visuellen und auditorischen Imagination in Tagträumen sowie eine Abnahme von deren Lebendigkeit. Bei den Männern war diese Abnahme nicht signifikant, im Längsschnitt stieg bei ihnen die Lebendigkeit von Imaginationen sogar an. Insgesamt wird man aber nach einer frühen Entwicklung im Kleinkindalter, einem Gipfel wohl in der Pubertät eine Abnahme bildhafter Vorstellungen im Erwachsenenalter annehmen müssen. Wie Campos, Perez-Fabello & Gonzales (1999) bei jungen Erwachsenen erhoben, imaginieren Menschen, die sich selbst gute Imaginationseigenschaften zuschreiben, häufiger. Daraus lässt sich ableiten, dass der Einsatz von Imagination im Alltag durch äußere Bestätigung (oder Ablehnung) beeinflussbar ist.

 

    Aus: Volker Friebel (2012): Innere Bilder – Imaginative Techniken im Alltag und in der Psychologie. Tübingen: Edition Blaue Felder. Überarbeitete Neuausgabe von „Innere Bilder – Imaginative Techniken in der Psychotherapie“, das 2000 im Walter-Verlag, Düsseldorf, veröffentlicht wurde.

 

 

Sonntag, 2. August 2015

 

Nebelschleier
am Hang. Der Fluss strömt
durch das Geheimnis.

    Zugfahrt Tübingen – Horb, morgens

 

 

Samstag, 1. August 2015

 

Wie sich am Morgen
das Land streckt – ich rücke
nahe ans Gleis.

Morgens die Arbeit
des Flusses.
Sommerkühle.

Dritter Seminartag. Das ist, bei aller Liebe zum Thema und den Teilnehmern, einfach anstrengend. Ich erwarte selbst nichts mehr. Die Haiku aus der Zugfahrt von Tübingen nach Horb (Seminarort) werden sich allerdings irgendwann einer Beurteilung stellen müssen.

Das Ergebnis des Wettbewerbs von „The Heron's Nest“ kam gestern: 441 Autoren haben eingereicht, auch ich. Aber ich habe nichts gewonnen. Der Übersetzungskunst von Google Translate misstraue ich allerdings inzwischen. Selbst kann ich nicht genug Imperial. Aber was soll's. Bei einem US -amerikanischen Wettbewerb sollten auch US-amerikanische Autoren gewinnen. Dass ein Computerprogramm all die lautlichen und inhaltlichen Feinheiten eines Textes übermitteln könnte – in 100 Jahren geht das vielleicht. Die preisgekrönten Texte verstehe ich nicht. So denke ich mich um eine Niederlage herum. Aber meine Texte nenne ich nicht, weil ich sie weiter verwenden will. Außer einem vielleicht, vor 11 Monaten geschrieben, der geht nun aus den Rennen hinaus:

Die Melodie in meinem Kopf
ohne Ausgang.
Herbstzeitlose.

Die US-Amerikaner haben als Vorgabe, so wurde mir gesagt, dass die mittlere Zeile die längste sein soll. Ich habe sie also (in der Übertragung) als kürzeste gesetzt.

 

 

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Aktuell 19.07.2015 auf www.Fluten-Log.de, Einrichtung 19.07.2015
Alle Rechte bei Volker Friebel, Tübingen