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Fluten-Log
Volker Friebel

 

 

Archiv Oktober 2015

 

 

2015-10-31 15-21-45 0652 Neckar Hölderlinturm Tübingen 400x300Samstag, 31. Oktober 2015

 

 

Auf dem Neckar
ein Teppich Laub. Ich träume
noch immer.

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 30. Oktober 2015

 

Die Sprache der Farben

Eines Tages hatten sich Menschen aus vielen Ländern versammelt, um Mu zu lauschen. Der lag auf seinem Sonnenplatz und betrachtete sie vergnügt. Nach einiger Zeit richtete er sich auf und erzählte eine Geschichte.

„Zu einer Zeit stritten die Farben, welche die Beste von allen sei und sie vor dem Thron des Lebens vertreten solle.

Das Rot wies darauf hin, dass es für das Blut und die Liebe stehe, das Wertvollste und Schönste, was denn irgend zu finden sei.

Das Blau meinte, Himmel und Meer wären aus ihm gemacht und ihre Gefilde der Stille, aus denen alles hervorgeht.

Das Braun entgegnete, die Gefilde der Stille seien die Krumen der bloßen Erde und die Schollen des Ackers hinter dem Pflug, die alles Leben nähren.

Das Grün zeigte auf Wiesen, Wälder und Felder und beanspruchte den Preis für die Farbe des ursprünglichen Lebens und all seiner Hoffnung.

Das Gold aber glänzte still. Auf die innerste Farbe des Herzens wies es so hin und dass das Edle sprechen solle im Angesicht der Welt.

Da löste das Weiß sein Haar, öffnete einen Augenblick seinen Mantel – und alle Farben blitzten hervor . Selbst unscheinbar zwar, aber in ihm sei alles geborgen. Es beuge nicht hierhin, nicht dahin, nicht nach oben, nicht nach unten, es schließe einfach alles in sich, und deshalb gebühre ihm die Sprecherschaft vor der Welt.

Als die Farben zu tanzen begannen und im wirbelnden Reigen ineinander verschwammen, da zeigte sich wirklich das Weiß. Als sie standen und sich voreinander verneigten, da schimmerten sie wieder in ihrer ursprünglichen Reinheit.

Manche sagen, das Weiß sei seither die Vertretung der Farben. Andere aber meinen, die Sprache der Farben sei seither der Tanz.“

 

    Aus: Volker Friebel (2013): Murmel Mu – Aus den Weisheiten eines Murmeltiers. Tübingen: Edition Blaue Felder. Nur als eBuch.

 

 

Donnerstag, 29. Oktober 2015

 

Ringsum im tropfenden Wald –
die Sprache
des Herbstlaubs.

Den Begriff der Sprache sollte man weiter fassen. Sprache ist mehr als Kommunikation und nicht nur etwas zwischen Menschen. Der Begriff sollte so weit sein, wie man inzwischen „Lernen“ versteht, zu dem auch das gehört, was Pflanzen tun, wenn sie sich verändern, um mit der Umwelt in Einklang zu bleiben, das, was durch das Individuum spült, von dem das Individuum aber gar nichts weiß, nicht weil es „unbewusst“ erfolgt, sondern weil es physikalisch erfolgt durch Veränderung und Auslese von Genen.

 

„Auch beim Gesang der Tiere ist es in vielen Fällen unverkennbar, daß er sich selbst genug ist, keinem Zwecke dienen, keinerlei Wirkung hervorbringen will. Solche Lieder hat man treffend als ›Selbstdarstellungen‹ bezeichnet. Sie entspringen der ureigenen Notwendigkeit des Geschöpfes, seinem Wesen Ausdruck zu geben. Aber die Selbstdarstellung fordert ein Gegenwärtiges, für das sie geschieht. Dieses Gegenwärtige ist die Umwelt. Kein Wesen steht für sich allein da, alle sind in der Welt, und das heißt: ein jedes in seiner Welt. Das singende Geschöpf stellt sich also in seiner Welt und für sie dar. Indem es sich darstellt, wird es ihrer gewahr und froh, ruft sie auf und nimmt sie freudig in Anspruch. So steigt die Lerche in der Luftsäule, die ihre Welt ist, zu schwindelnder Höhe empor und singt, ohne anderen Zweck, das Lied von sich und ihrer Welt.“ (Aus: Walter F. Otto (1955): Die Musen und der göttliche Ursprung des Singens und Sagens. Düsseldorf & Köln: Eugen Diederichs, Seite 73.)

„Jede Erbänderung, die dem Organismus eine neue Möglichkeit bietet, mit seiner Umwelt fertig zu werden, bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als daß neue Information über diese Umwelt in das organische System hineingelangt ist. Anpassung ist ein essentiell kognitiver Vorgang.“ (Aus: Konrad Lorenz (1983): Der Abbau des Menschlichen. München: Piper, Seite 58.)

 

 

Mittwoch, 28. Oktober 2015

 

Haiku aus einer Fahrradfahrt von Tübingen nach Gönningen sowie dem anschließenden Gang auf den Rossberg in die Abenddämmerung.

 

2015-10-28 17-18-21 0619 Abenddämmerung Rossberg bei Gönningen 400x300Verblühte Astern.
Ein Schmetterling schwingt sich hoch
in das Licht.

 

Auto sausen durch
wirbelndes Laub. Eine Krähe schreit,
unhörbar.

 

Im Weißdorn –
ein Spatz tschilpt mit
gelben Blättern.

 

Auf dem Bergpfad.
Ich lausche dem Atem,
als sei es meiner.

 

 

Dienstag, 27. Oktober 2015

 

Als Prinz Vogelfrei einmal frei durch den Wald schritt, traf er einen Mann: „Was suchst du denn hier?“, fragte der Prinz.

„Ich suche Stilze“, antwortete der Mann.

„Was sind denn Stilze?“, fragte Prinz Vogelfrei.

„Keine Ahnung, ich habe noch keinen gefunden“, antwortete der Mann. „Und was machst du hier?“, fragte er dann den Prinzen.

„Ich besichtige mein zukünftiges Königreich“, antwortete Prinz Vogelfrei auf Anraten seiner Grille.

„Aha“, sagte der Mann. Sie lachten, und lachend trennten sie sich.

 

 

Montag, 26. Oktober 2015

 

Prinz Vogelfrei ist stehen geblieben. Mit einer Hand stützt er sich auf seinen Wanderstab, mit der anderen kratzt er sich hinter dem Ohr. „Die Welt ist heruntergekommen. Alle Bäume sind krank“, seufzt er.

„Das ist der Herbst“, zirpt die Grille und lugt aus seinem Brustbeutel heraus.

„Ich muss ein Gesetz gegen den Herbst erlassen“, meint Prinz Vogelfrei, „sobald ich regiere.“

„Das wäre schön!“, zirpt die Grille.

 

 

Sonntag, 25. Oktober 2015

 

Zwei Haiku aus Ulm, vom Weg an der Donau:

 

Donaufluten.
Zwei Frauen studieren
den Reisekatalog.

Schauer von Laub –
auf der Donau treiben
Kreise.

 

 

2015-10-24 11-04-03 0430 Gartentisch Haus Loni Fink Gomaringen 400x313Samstag, 24. Oktober 2015

 

Ich pflücke Rosenblätter,
geb sie dem Wind,
der sie weiterbläst.

 

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 23. Oktober 2015

 

Wunder der Welt

Wenn der Weg schwer ist,
bist du ganz in den Schritten.
Erst wenn du stehen bleibst, dich umschaust,
kannst du staunen, kannst Vögel hören, und strahlen,
vor den Wundern der Welt.

 

    Aus: Volker Friebel (2008): Brunnensteine. Gedichte und Haiku. Zweite Ausgabe. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Donnerstag, 22. Oktober 2015

 

2015-10-22 11-31-39 0405 Eiche am Roten Meer bei Herrenberg 300x400Aus einer Fahrradrundfahrt von Tübingen über den Schönbuch nach Herrenberg und durch das Ammertal wieder zurück.

 

Die Eiche am Roten Meer, das es nicht mehr gibt, ein rötlich gefärbter Weiher war es, hier auf dem Bergrücken vor Herrenberg, ist gelb geworden, ein Gelb, das es nirgends mehr hält, seine Blätter fliegen schon durch den Himmel. Vor Jahrhunderten rastete das Weidevieh im Schatten des Baums. Heute ist da nur noch der Wind.

„Hier gehörst du hin!“
Ich werfe das Blatt aus dem Korb
in den Wind.

 

Auf dem Stoppelfeld:
Eine Plastiktüte
fängt den Wind.

 

Sprachlos.
Am Senffeld das Flüstern
des Himmels.

 

Blätterwind.
Ein Schimmel wälzt sich
im fahlen Gras.

 

In Rosendornen verfangen
der Wind.

 

 

Mittwoch, 21. Oktober 2015

 

Gute Herrschaft

 

Wie sollte denn, ganz naiv gefragt, eine gute Herrschaft aussehen?

Sie müsste einen weiten Horizont haben.

Sie müsste kurz-, mittel- und langfristig denken und planen und handeln.

Sie müsste die eigene Stellung in der Welt als Stellung in einer Welt verstehen, die eine Geschichte hat, eine Gegenwart – und eine Zukunft, die verschieden von dieser Gegenwart sein wird.

Sie müsste in der Welt das Gemeinsame herausstellen. Sie müsste sich als eines unter Vielen betrachten und versuchen mit den anderen die Basis einer gemeinsamen Welt der Vielfalt zu finden, statt die Veränderungen in der Welt zu bekämpfen, wenn sie der eigenen Gegenwart widersprechen.

Sie müsste in ihrem Herrschaftsbereich alle Menschen vertreten. Eine Ausgrenzung von Menschengruppen, ganz gleich welchen, ist absolut inakzeptabel, da es die Gesellschaft radikalisiert und spaltet, in eine herrschende und eine unterdrückte Schicht oder gar in Parallelgesellschaften.

Eine gute Herrschaft darf vorhandene Probleme nicht durch Polarisierung und Machtkämpfe lösen, sondern sollte einen Rahmen bereitstellen, in dem Proteste oder Konflikte nicht als Bedrohungen oder Kampfansagen, sondern als Fragen nach Wegen verstanden werden. Schafft sie das, ist jedes Problem schon halb gelöst.

Sie müsste nach „guter Herrschaft“ fragen, statt sich selbst dogmatisch als eine solche zu setzen.

 

Welche der vorhandenen Parteien oder politischen Strömungen in Deutschland genügt dem oder versucht sich wenigstens in diese Richtung?

Soweit ich sehe: Keine. Keine Partei. Keine parlamentarische oder außerparlamentarische Opposition. Auch keine der verschiedenen Gruppen, die zur Stützung oder zum Sturz der derzeitigen Herrschaft auf die Straße gehen. Warum das so ist bzw. nicht so ist, wäre etwas, dem nachzugehen sich lohnen würde.

Welches Herrschaftssystem könnte einer „guten Herrschaft“ denn grundsätzlich genügen?

Jedes.

In der Antike gab es eine Art Politik aufzufassen, die ich unserer heutigen überlegen finde. So lässt sich grundsätzlich zwischen Einzelherrschaft, Gruppenherrschaft und Volksherrschaft unterscheiden – innerhalb dieser Kategorien aber nochmals in eine gute und eine schlechte Spielart.

Die Herrschaft eines einzelnen Menschen lässt sich als „gutes“ Königtum (auch wenn der einzelne König schlecht sein mag) und „schlechte“ Tyrannei (auch wenn es beliebte Tyrannen gab und gibt) unterscheiden.

Bei der Gruppenherrschaft wäre die Unterscheidung zwischen Aristokratie (was in der Antike etwas anderes meinte, als das Wörtchen „von“ und die europäischen Adelshäuser) und Oligarchie.

Bei der Volksherrschaft galt als Unterschied die Herrschaft des Pöbels (aller) und des Volkes (der „Bürger“). Oder (heute realistischer) die Volksherrschaft auf der Grundlage von Gesetzen und die Volksherrschaft ohne oder unter Missachtung der Gesetze.

Eine „gute Herrschaft“ ist nicht eine der drei Grundtypen, sondern die „gute“ Ausprägung aller drei Grundtypen. Wenn sie sich nicht auf Herrschaftserhalt und den eigenen Vorteil beschränkt, sondern als ihre Grundlage das Wohlergehen aller Menschen innerhalb und außerhalb ihrer Herrschaft begreift und ihr Handeln danach ausrichtet.

Das kann auch ein Königtum, das sich vom Himmel herleitet, also nicht vom Volk – aber über das „Mandat des Himmels“, wie im klassischen China, eben den Bezug auf das Volk zur zentralen Aufgabe macht. Ein Herrscher, der das Vertrauen des Volkes verspielt, verliert seine Herrschaft, selbst wenn er diese vom Himmel ableitet (und wenn er sie vom Volk ableitet, natürlich erst recht).

 

Die Konzepte der Antike sind klar. Unklar ist die Herrschaft bei uns. Sie selbst bezeichnet sich als Demokratie, als Volksherrschaft. Das kann allerdings nicht sein, denn dann wären Forderungen nach „mehr Mitbestimmung für das Volk“ absurd. Wenn das Volk herrscht, muss es nicht „mehr mitbestimmen“.

Dass „unsere“ Herrschaft eine Volksherrschaft, aber eine „indirekte“ sei, ist gleichfalls absurd. Denn „indirekt“ herrscht alles. Indirekt herrschen die Gewerkschaftler über den Firmenchef, die Armen über die Reichen, die Sklaven über die Herren, die Schafe über die Wölfe. Oder bezweifelt jemand, dass die Wölfe von ihrer Beute völlig abhängig sind und ohne sie verhungern müssten?

Das Wort „indirekt“ in Zusammenhang mit „Herrschaft“ ist immer ein Hinweis auf einen Verschleierungsversuch, also auf mangelnde Wahrhaftigkeit des Menschen, der es gebraucht.

Das Volk hat allerdings einen gewissen Einfluss auf die Herrschaft, so wie die Gewerkschaftler auf den Firmenchef einen gewissen Einfluss haben, die Armen auf die Reichen, die Sklaven auf die Herren, die Schafe auf die Wölfe.

Deshalb herrschen sie aber noch nicht.

Herrschen heißt „herrschen“, nicht „Einfluss haben“ und auch nicht „den Herrscher wählen“. Der Herrscher herrscht, nicht der, der ihn gewählt hat. Sonst spräche man im Mittelalter auch nicht von einem Königtum, da der König von den Kurfürsten gewählt wurde. Das Herrschaftssystem im Mittelalter wäre nach dieser Logik, ich lache dabei, das „Kurfürstentum“.

Was aber dann? Soweit ich weiß, behauptet niemand, oder fast niemand, dass wir eine Königin oder eine Tyrannin hätten. Auch die gelegentlichen Verdächtigungen, „unsere“ Politiker seien ferngesteuert, glaube ich nicht. So etwas lässt sich nicht über Jahrzehnte geheimhalten, gar in so vielen Ländern der Welt!

Dass allerdings viele Interessengruppen auf „unsere“ Politiker einwirken, ist richtig. Daraus eine „indirekte“ Herrschaft von geheimnisvollen Kräften im Hintergrund abzuleiten, scheint mir aber weit überzogen – gerade weil es so viele und so gegensätzliche Interessengruppen sind.

Etwa die These, dass „unsere“ Politiker lediglich Marionetten der Wirtschaft seien, wurde durch den Russlandkonflikt widerlegt. Die Wirtschaft war strikt gegen das Verhalten unserer Politiker, hat das auch deutlich gesagt, konnte sie aber trotzdem nicht genügend beeinflussen.

Da bleibt nur, erleichtert oder ernüchtert, die vorläufige Annahme, dass es so ist, wie es aussieht: Die Herrschaft in Deutschland wird von den politischen Parteien ausgeübt. Also von Gruppen. Es handelt sich also um eine Gruppenherrschaft. Die angibt, für alle zu herrschen und das Allgemeinwohl im Auge zu haben (was allerdings auch jeder Einzelherrscher angibt, wenn er klug ist, und nicht nur in der chinesischen Antike).

Wenn Gruppen herrschen, die auch noch aufeinander losgelassen werden, in Konkurrenz zueinander stehen, führt das allerdings zu einer Polarisierung, zur Zuspitzung von unterschiedlichen Auffassungen, zur Ausgrenzung Andersdenkender. Die Probleme in Deutschland folgen also aus der politischen Organisation. Die sich aber dogmatisch setzt und keineswegs auch nur in Frage stellen lässt.

In der menschlichen Geschichte hatten Gruppenherrschaften immer ein recht kurzes Verfallsdatum. Vielleicht gelingt es heute ja, sie auf eine bessere Grundlage zu heben. In der Schweiz ist das Jahrhunderte lang geglückt.

Positive Kräfte organisierter Art sind hierzulande allerdings nicht in Sicht – aber doch die Normalität der einzelnen Menschen in ihrem Alltag und Miteinander, die die Politik und ihre Handlanger immer wieder (immer noch) etwas herunterbringen. Allerdings wird diese Normalität von einem weit verbreiteten Wohlstand getragen. Das wird sich in der Zukunft allen Prognosen nach ändern.

 

Während ich diese sinnlosen Zeilen schreibe, ist allerdings die Sonne durch die bislang so trübe Wolkenfront gebrochen. Was für fleckige Fensterscheiben! Als ich das sehe, muss ich lachen und breche die trübe Betrachtung ab.

Auf der Fahrradfahrt zum Einkauf, auf der ich mir die erste Notiz dazu machte, schrieb ich auch ein Haiku. Ich lese es nochmal und lache noch mehr.

 

Unter dem Brückenbogen –
Tief in die Herbstfarben taucht
ein Schwan.

 

 

2015-10-20 15-42-49 0352 Senf Acker Himmel bei Weil im Schönbuch 300x400Dienstag, 20. Oktober 2015

 

 

Kindheitslandschaft.
Das Senffeld, berührt vom Flügelschlag
einer Krähe.

 

Land meiner Kindheit.
Büschel von Taubenfedern
im leeren Acker.

 

 

 

 

 

 

Montag, 19. Oktober 2015

 

Blätterfall.
Die Schwermut im Tanz des Insekts
bin ich.

Für ein Haiku zu direkt. Vielleicht als Frage?

Blätterfall.
Woher kommt die Schwermut im Tanz
des Insekts?

Blätterfall.
Der Tanz des Insekts
scheint verändert.

Blätterfall.
Der Tanz des Insekts –
unverändert.

Blätterfall.
Der Tanz des Insekts spricht zur
lauschenden Luft.

Fallende Blätter
färben
den Tanz des Insekts.

 

 

Sonntag, 18. Oktober 2015

 

Ich überspiele Aufnahmen, die vor langer Zeit wohl vom Radio auf eine Kassette gelangt sind und später im Computer als wav-Dateien archiviert wurden, in mp3-Dateien für unterwegs. Die Klangqualität ist grauenhaft.

Da ist „Jupp“ von BAP. Obwohl ich die Gruppe und ihren Sänger ansonsten nicht mag – diesen Titel habe ich geliebt.

Oder von Franz-Josef Degenhard „Die alten Lieder“.

Oder eine Live-Version von „Heiß“. Nina Hagen ist eine fantastische Sängerin, ich mag sie nur nicht. Aber ich sehe mich selbst noch beim Radio-Mitschnitt (weit besser als die Studio-Version), mit offenem Mund. Die Version, die ich bei YouTube gefunden habe, kommt nicht annähernd heran.

Oder „Geiler is schon“ von Westerhagen. Ist da ein ironischer Unterton? Hoffentlich.

Gesucht habe ich die alten Aufnahmen wegen einer einzigen: „Wie das Leben schmeckt“ von Christof Stählin, der vor einem Monat gestorben ist. Gut erinnere ich mich noch an meinen wieder einmal offenen Mund, als das Radio dieses Lied spielte. Der erstarrte, als der Moderator nach dem Lied seinen Kommentar abgab. Soviel Hass habe ich bis dahin und seither in einer Sendung nicht gehört. Dabei ging es in dem Lied nur darum, wie das Leben schmeckt.

Leider gibt es das Lied nicht auf CD, deshalb habe ich mich auf die Suche nach diesem alten Mitschnitt gemacht. Um wo überall zu landen. Die Zeiten scheinen noch härter geworden.

 

 

2015-10-17 14-56-43 0281 Schafe Herbstbäume Albwiesen Nähe Won 400x300Samstag, 17. Oktober 2015

 

Eine Wanderung von der Bushaltestelle Traifelberg am Albtrauf entlang über Schloss Lichtenstein (der Roman von Hauff, den ich nicht kenne), Won, Wackerstein hinunter nach Pfullingen. Trüber Tag, kalt, gegen Ende Regen.

 

Aus dem Steinacker –
die Krähe schwingt ihre Schwere
in den Dunst.

 

Schafe, umpfercht
von herbstlichen Farben.
Ein Hund bellt.

 

Hochwiesen.
Aus dem Dunst erscheinen
Herbstfarben.

 

Wackerstein.
Vom festen Fels ein Blick hinab
in den Nebel.

 

 

Freitag, 16. Oktober 2015

 

Weshalb bin ich so gern unterwegs? Weil im Alltag das Leben verkrustet. Sich aufzumachen, ist eine Entschlackungskur. Wie viel meiner Zeit verbringe ich vor einem Schirm und in den Untiefen einer Welt aus zweiter Hand! Hinauszugehen und hinter Bildschirm und Büchern die wirkliche Welt zu sehen und zu spüren, die Normalität der Wolken, der Berge, der Vögel und Blumen, das unmittelbar-wirkliche Leid, das unmittelbar-wirkliche Glück ...

 

    Aus dem Vorwort eines Reisebuchs, das ich heute abgeschlossen und zum Druck gegeben habe, Titel: Im ausgewilderten Licht. Orte und Wanderungen.

 

 

Donnerstag, 15. Oktober 2015

 

Ein freier Verstand ist immer genug, ob die Intelligenz hoch oder niedrig ist. Ein abhängiger Verstand ist immer zu wenig, auch wenn die Intelligenz hoch ist.

 

    Aus einem Notizbuch vom September 2007. Aber was heißt schon frei?

 

 

Mittwoch, 14. Oktober 2015

 

Schlaraffenland

Ermüdend, immer nur trinken und kauen,
so oft wir schlucken, fliegen uns Früchte neu an.
Ermüdend, wie der Honig den Berg hochfließt,
ermüdend, wie die Tauben den Fuchs zerreißen.
Krähen mähen die Wiese, Mücken bauen Brücken,
aber der Zauber ist nicht hier, Beliebigkeit stöhnt.
Wie sehr wünschen wir uns wieder zurück, dorthin,
wo das Wasser klar ist, und redet, unverständlich,
doch aufrichtig redet, wo die Bäume
rauschen im Wind, wahrhaftig rauschen,
wo die Seen und Hügel tief schweigen,
wo die Not uns anblickt
und uns zeigt, wer wir sind.

Da liegen wir nun auf dem Rücken,
und die Erde schaut auf uns herab,
und wir wissen, was gut ist,
und werden es niemals bekommen,
weil die Wahrheit nur ist,
was wir glauben.

 

    Geschrieben im Februar 1999, veröffentlicht in: Volker Friebel (2008): Brunnensteine. Gedichte und Haiku. Zweite Ausgabe. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Dienstag, 13. Oktober 2015

 

„Mein Leben lang war ich ein Herumtreiber und habe viel erlebt und gelernt. Nun bin ich alt geworden – aber auch weise? Nein. Kann ich das irgendwie nachholen?“, fragte ein grauhaariger Wanderer.

„Besser nicht“, entgegnete Mu dem Alten. „Im Alter sollte man lieber nicht weise sein. Das schickt sich eher für die Jugend, wo es auch nötiger ist.“

Und Mu streckte seine Zunge heraus.

Der Wanderer lachte und zeigte ihm seine.

 

    Aus: Volker Friebel (2013): Murmel Mu – Aus den Weisheiten eines Murmeltiers. Tübingen: Edition Blaue Felder. Nur als eBuch.

 

 

2015-10-12 17-04-10 0235 Herbstbäume Brücke Großer Goldersbach Schönbuch 400x310Montag, 12. Oktober 2015

 

Eine Mücke singt.
Im Waldbach unter der Brücke
strömt Herbst.

 

 

 

 

 

 

 

 

Sonntag, 11. Oktober 2015

 

Rauschen der Straße.
Am Hang zwischen fallendem Laub
Ziegenmeckern.

 

 

Samstag, 10. Oktober 2015

 

Aus dem Schlusskapitel eines Wanderbuchs, an dem ich gerade bin:

 

Wenn die Studenten gegangen sind, schwirren Spatzen auf die Mauer, Krümel zu picken, und Tauben fliegen heran.

Hier habe auch ich studiert.

Wohin gehen all die Lebenswege? Ins Mögliche. Alle immer nur in das Mögliche.

Warum nicht in das Unmögliche?

Weil das zu scheitern bedeutet?

Am Unmöglichen zu scheitern, vielleicht ist das schön. Doch Schönheit vergeht, und was bleibt, lässt jeden Mangel und jeden Riss besonders scharf hervorteten.

Beschäftigen sich die Menschen aber nicht hier, an der Universität, mit dem Unmöglichen, mit neuen Sichtweisen, Entdeckungen, Erfindungen? Allerdings wird ihr Mühen, wenns hoch hoch, nur wieder Geld.

Das Unmögliche ist aber wohl gar nichts wert. Oder lässt sich nicht weitergeben. Vielleicht haben es die Spatzen entdeckt und pfeifen uns nun dauernd davon. Sie haben fliegen gelernt. Und das geben sie weiter, wenn auch nicht uns.

Es ist ein Ungenügen im Getriebe des Menschen, das hielte kein Jahr durch – wenn nicht immer der Frühling neu käme! Wenn nicht neue Knospen aufbrächen und die Augen wieder zu glänzen begännen. Und alle Wege offen sind.

Hier, an der Mauer am Neckar.

 

 

2015-10-09 14-44-55 0182 Maisstoppeln Kamille bei Weil im Schönbuch 300x400Freitag, 9. Oktober 2015

 

Herbstwind.
Auf einer Ackerscholle: Die Krähe
thront über der Welt.

 

Herbstwind.
Die Ackerscholle: Thron
einer Krähe.

 

 

 

 

 

 

 

Donnerstag, 8. Oktober 2015

 

Felix und Iris rannten die Treppe hoch zum großen Versammlungssaal der Burg. Vor dem Eingang standen Wachen. Eine ging hinein, die beiden zu melden. Ein Trupp Soldaten zog im weiten Gang auf und stellten sich in Front vor ihren Kommandanten. Der brüllte: „Schlagt euch tapfer und zeigt, dass ihr Männer und keine Mäuse seid! – Außer die Mäuse natürlich“, ergänzte er, als sein Blick auf zwei Mäusesoldaten in der Front fiel, starr in ihren silbern schimmernden Rüstungen. „Ihr zeigt ihnen eben, dass ihr, dass ihr – richtige Mäuse seid!“ Die Soldaten schrien laut: „Sieg!“, dann wendeten sie und stürmten die breite Prachttreppe der Burg hinauf.

 

    Aus: Volker Friebel (2015): Mondsteine. Die Geschichte von Iris und Konradin. Eine Erzählung aus den Mond-Chroniken. Tübingen: Edition Blaue Felder. PapierBuch und eBuch.

 

 

Mittwoch, 7. Oktober 2015

 

Tischtennisplatte.
Um ein gefallenes Blatt
spiegelt der Himmel.

 

 

Dienstag, 6. Oktober 2015

 

Herbstschatten.
Am wilden Apfelbaum leer
die Kuhle der Schafe.

Im Osten am Horizont ein blaues Band. Die Sonne ist im Grau darüber verschwunden. Ich streife nasse Brombeerzweige am Hang. Die Beeren: alle vertrocknet.

 

 

Montag, 5. Oktober 2015

 

Aus der Arbeit am Vorwort eines Reisebuchs.

 

Bisherige Version:

Atem ist Leben, heißt es, der Atem aber strömt.

Was wir der Welt geben können, ist wenig. Wir können Steine aufeinandersetzen, wir können träumen . Die Steine sind nützlich, aber Träume erst erheben uns aus ihrem Staub.

 

Version von heute:

Die Anker des äußeren Lebens sind wichtig auch für das, was dem Menschen einzig zu eigen ist – den Traum. Die Steine, die wir bei der Arbeit aufeinander setzen, das Haus und die Wege, die wir bauen, sind nützlich, aber Träume erst erheben uns aus ihrem Staub.

 

Wenn ich mir das nun so vorlese, wird es morgen eine weitere Version geben.

 

 

Sonntag, 4. Oktober 2015

 

6

Es sind die vielen kleinen Bequemlichkeiten,
Zerstreuungen, der Sand ist es, nicht der Felsen im Meer,
die Waschmaschine, nicht der Liebesschwur,
die kleinen Kitzel beim Schauen und Spüren,
die Vielfalt der Düfte in der Parfümerie,
die langen Reihen der Filme
in deinem langen Regal.
Reiß aus dem Buch eine Seite heraus: Es wird Schicksal.
Und wertvoll die Seite, die fehlt.

Häng alle Bilder ab, stell deine Möbel auf die Straße,
streich alles weiß und setz dich auf das leere Parkett.

 

    Aus der Sequenz „Elfenfäden, treibend“ in: Volker Friebel (2010): Zonen der Kampfjets. Gedichte und Haiku. Tübingen: Edition Blaue Felder

 

 

Samstag, 3. Oktober 2015

 

Stehen geblieben im Herbstwald, bis zwischen Bäumen der Zug der Jogger vorüber ist.

Abendlicht. Dieses leichte Wippen der Zweige. Dieses Weiß im Grün der Blätter.

Was die Vögel vom Himmel gelernt haben, das sagen sie nicht. Das singen sie uns. Es ist nicht viel.

Nur etwas vom Blau. Von der Leichtigkeit dieser Wolken. Vom Fall des Regens und Bugwellen vor den stürzenden Tropfen.

Woimmer das Leben hingelangt, zieht es Gefahr nach, Verlust und Gewinn. Das singen sie auch.

 

Herbstabend.
Die Walnuss auf dem Asphalt
lass ich liegen.

 

 

Freitag, 2. Oktober 2015

 

„Da es im freiheitlichen Rechtsstaat keine verbindliche Moral gebe, könne die Berufung auf individuelle Moral- und Gerechtigkeitsvorstellungen oder politische Opportunitätserwägungen die Abweichung vom Recht nicht rechtfertigen.“ So fasst die FAZ am 30.09.2015 Vorstellungen des Bundesverfassungsrichters Peter M. Huber zusammen.

Der Rechtsstaat (in der chinesischen Tradition als Legalismus bekannt und berüchtigt) wird hier einmal recht klarsichtig als Versuch benannt, die Moral zu ersetzen. Das dauert schon lange an und liegt ganz auf der Linie anderer Angriffe des Staates auf den Menschen und die Menschlichkeit.

Im Daodejing, man könnte sagen dem Gegenspieler des Legalismus, wenn nicht Begriffe wie „Gegen“ und „Spieler“ dem Charakter dieses Buchs so fremd wären, heißt es:

„Geht das Dao verloren, folgt die Kraft.
Geht die Kraft verloren, folgt die Menschlichkeit.
Geht die Menschlichkeit verloren, folgt die Rechtlichkeit.
Geht die Rechtlichkeit verloren, folgt das Wohlverhalten.

Nun,
Wohlverhalten ist die Oberflächlichkeit von Treu und Glauben
     und der Beginn des Durcheinanders.“

Je nach Zählung aus dem 1. bzw. 38. Stück des Daodejing, Übertragung Hans-Georg Möller, 1995.

In der Ausgabe von Jan Ulenbrook (kein Sprachwissenschaftler, aber mit einer besseren Sprache begabt) lautet die Folge: Rechte Gesinnung (statt Kraft), Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Moral (statt Wohlverhalten).

Interessanterweise sind im Daodejing, Ausgabe Ulenbrook, Recht und Moral vertauscht, wird die Moral als Verfallsform des Rechts angesehen und nicht umgekehrt. Vielleicht ist das, was wir heute unter „Moral“ oder besser „Ethik“ empfinden, im Begriff der „Menschlichkeit“ besser aufgehoben und die Übertragung von Möller mit „Wohlverhalten“ doch die bessere, als bloßes sich Ducken unter staatlichen Bestimmungen, in denen nur Straftatbestände, aber nicht unbedingt mehr „Gerechtigkeit“ gesehen wird.

 

Quellen

Möller, Hans-Georg (Herausgeber) (1995): Laotse: Tao Te King. Nach den Seidentexten von Mawangdui. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch.

Ulenbrook, Jan (Herausgeber) (1980): Lao Tse: Tao Te King. Das Buch vom rechten Weg und der rechten Gesinnung. Ins Deutsche übertragen und mit einer wörtlichen Übersetzung, einer Einleitung und Erläuterungen versehen von Jan Ulenbrook. Frankfurt am Main: Ullstein.

FAZ-net, ohne Verfasserangabe, am 30.09.2015: „Deutschland ist in der Sinnkrise“. Bundesverfassungsrichter Peter M. Huber schlägt Alarm. http://www.faz.net/aktuell/politik/25-jahre-deutsche-einheit/verfassungsrichter-huber-warnt-deutschland-ist-in-der-sinnkrise-13832186.html

 

 

Donnerstag, 1. Oktober 2015

 

Waldbachstille –
im Blau zwischen Wipfeln
wendet ein Jet.

Der Wind in den Bäumen kennt das gefallene Herbstblatt nicht mehr. Und auch nicht die Sonne, die zwischen den Stämmen blitzt.

Wir sind hier ganz allein. Dieses Wasser, dieser Stein, dieser Grashalm – der mit anderen zwar aus einer gemeinsamen Wurzel spross, nun aber nur den Himmel hat.

 

 

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