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Fluten-Log
Volker Friebel

 

 

Archiv November 2015

 

 

Montag, 30. November 2015

 

Vor dem alten Haus
verschrammte Container,
für alle Träume.

 

 

Sonntag, 29. November 2015

 

Auch in mir

Am Brunnen blitzen Libellen,
singt eine Weide im Wind.
Ich höre sie,
denn ihr Lied ist ein Lied
auch in mir.

 

 

 

Samstag, 28. November 2015

 

Astern
im Schnee. Mein Atem bewegt
den Himmel.

 

Astern.
Mein Atem bewegt
tanzende Flocken.

 

 

Freitag, 27. November 2015

 

An das Frühstück mit Clara denkt er, auf der Waldwiese, noch immer am Morgen, und er lässt sich nieder ins feuchte Gras, berührt es, kostet das Nass von seinen Fingern.

„Die Liebe zum Leben“, sagt er laut und ist etwas ergriffen zu hören, wie sich seine Stimme zwischen den Bäumen verliert, also doch weitergetragen wird, über den Ausgang seines Mundes hinaus, durch das Summen von Insekten, um ihre schlanken Leiber herum, bis in die gestaffelten Wälle des Laubes.

„Und was fange ich jetzt damit an?“, sagt er dann, noch einmal laut. Die Vögel pfeifen nicht anders als vorher. Doch ob das nun eine Antwort sein soll oder ob sie sich gar nicht kümmern um diesen Menschen, das zu entscheiden, er weiß es wohl, liegt ganz bei ihm selbst.

Er überlegt, ob er diese Eiche zu seinem Hofkanzler machen soll, diese Buche zu seinem Mundschenk. Und dieses Eichhörnchen? Die Vögel könnten ihm Sänger sein. Oder alles könnte bleiben, wie es ihm unglaublicher Weise ohne weiteres ist, Vögel im Wald, einfache Bäume, Insektensummen, ein Mensch: lauter unbegreifliche Wunder. Für so viel Dummheit, sagt er sich, ist er nun endlich alt genug.

 

    Aus: Volker Friebel (2015): Das Gewicht der Wolken. Eine Erzählung in Augenblicken und Episoden. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Donnerstag, 26. November 2015

 

,Vielleicht liegt die Weisheit beim Mond?‘, fragte sich Konradin nachts unter der Brücke, wenn die anderen weinbeduselt schon weggesunken waren, er aber noch wach lag, die Lichter der Stadt zu betrachten, den Fluss oder die seltenen Sterne. Seine Freunde waren viel älter als er, manche sicher auch klüger. Von den wesentlichen Dingen des Lebens, auch ihres eigenen, wussten sie aber nur wenig.

Die Sonne ist nicht weise, sie ist mächtig und hell, besinnungslos hell, besinnungslos mächtig, wie wohl alle Macht ist; und die Sonne ist schön, in ihrer eigenen Art, das wusste Konradin nun auch. Vielleicht liegt alles tiefere Wissen beim Mond? Bei seinem stillen Zauber? Vielleicht liegt es am Raum, den das Unaufdringliche nur lässt und den die Fantasien erfüllen müssen im ewigen Streit mit der Nacht?

Weit kam Konradin nicht mit solchen Gedanken, alles verwirrte sich schnell; der Fluss wiegte ihn bald in den Schlaf.

 

    Aus: Volker Friebel (2015): Mondsteine. Die Geschichte von Iris und Konradin. Eine Erzählung aus den Mond-Chroniken. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Mittwoch, 25. November 2015

 

„Auch das kleinste Ding hat seine Wurzel in der Unendlichkeit, ist also nicht völlig zu ergründen.“ (Wilhelm Busch, 1832-1908)

Ergründen können wir gar nichts. Wir können nur Relationen vermessen zwischen den unergründlichen Dingen und uns selbst.

 

 

Dienstag, 24. November 2015

 

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Montag, 23. November 2015

 

„Reden können ist nicht so viel wert wie zuhören können.“ (Sprichwort aus China.)

Wer beides kann, wird der mehr reden oder mehr zuhören?

 

 

Sonntag, 22. November 2015

 

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Erster Schnee.
Der Hund einer Spaziergängerin
scheißt.

 

 

Samstag, 21. November 2015

 

Astern –
und wir warten auf Schnee.
Tiefe Träume.

 

 

Freitag, 20. November 2015

 

Bahnhofplakat

Vom Bahnhofplakat steht die Ecke
einer Papierbahn ab, und unter
dem hungernden Kind
wird etwas anderes sichtbar,
nicht genau zu erkennen,
nur Grün und Weiß,
vielleicht eine Bierwerbung,
ein Stück gebannter
Natur.

 

    Aus: Volker Friebel (2013): Oberleitungsschaden. Gedichte. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Donnerstag, 19. November 2015

 

Gleichklang

    Stellen Sie sich den Himmel vor, durchzogen mit Wolken. Weiße Wolken ziehen langsam durch das offene Blau.

    Achten Sie auf die Ruhe der Wolken. Achten Sie auf ihren einfachen Weg ...

    Suchen Sie in sich nach einem Gleichklang mit diesem langsamen und sicheren Zug der Wolken .. .

    Wenn Sie einen Gleichklang in sich gefunden haben, betonen Sie ihn, geben Sie ihm mehr Raum und Bedeutung.

    Stellen Sie sich vor, wie die Ruhe und Kraft der Wolken langsam in Ihnen wächst ...

An einer bildhaften Vorstellung der Wolken setzt diese Entspannungsweise an. Die Ruhe und Kraft der Wolken soll in sich selbst gefunden und gestärkt werden.

Von diesem Grundmuster sind fast beliebige Abwandlungen möglich. Die ruhige Oberfläche eines Sees kann vorgestellt werden, die Ruhe und Kraft eines Berges. Was für Sie selbst am stimmigsten ist, was Ruhe und Kraft in Ihnen am deutlichsten unterstützt, ist am besten.

 

 

 

Mittwoch, 18. November 2015

 

„Der Weg zum Glück besteht darin, sich um nichts zu sorgen, was sich unserem Einfluss entzieht.“ (Epiktet, etwa 50-138 nach unserer Zeitrechnung, griechischer Philosoph, Sklave, nach Neros Tod freigelassen; gründete eine Philosophenschule der Stoa.)

Aber Selbstbescheidung hat bei uns keinen guten Leumund. Für die Menschheit ist das wahrscheinlich gut, für den einzelnen Menschen aber schlecht. Und: Wollen wir nicht vor allem Aufregung? Und erhoffen uns das Glück gerade von ihr?

 

 

Dienstag, 17. November 2015

 

„Die Schriftsteller können nicht so schnell schreiben, wie die Regierungen Kriege machen; denn das Schreiben verlangt Denkarbeit.“ (Berthold Brecht)

Polit-Journalisten allerdings können so schnell schreiben. Sie schreiben den Politikern sogar oft noch voraus.

Krieg ist eine zu ernste Sache, um ihn den Politikern und ihren Gehilfen zu überlassen. Wenn ein Krieg im Gespräch ist, sollten sie das Land verlassen müssen. Den Krieg sollte man dann den Bauern übergeben, mit der Auflage, ihn nächsten Sommer zu führen. So wäre sichergestellt, dass nur der wirklich unumgängliche Krieg zur Ausführung kommt.

 

 

2013-04-03 13-00-00 0748 Treppe Tai-Berg bei Taian China 300x400Montag, 16. November 2015

 

Auf dem Tai-Berg
die Stufen zur Friedensglocke –
trügerisch.

In einer Pagode am Abhang dürfen wir die große Friedensglocke anschlagen und tun damit, wer weiß, vielleicht etwas Gutes für die Welt.

Etwa sechs Millionen Menschen jährlich besuchen den Tai Shan. Wie viele davon schon die Glocke ertönen ließen? Der Friede scheint immer blasser zu werden.

Vielleicht können unsere Nachfolger es besser.

Nach dem Läuten der Friedensglocke –
wir stehen
in der zitternden Luft.

 

    Aus: Volker Friebel (2015): Im ausgewilderten Licht. Orte und Wanderungen. Tübingen: Edition Blaue Felder. PapierBuch und eBuch.

 

 

Sonntag, 15. November 2015

 

Im Seminar erwähnt meine Kollegin den Teppichhändler. Und ich erinnere mich. Diese Entspannungsgeschichte für Kinder habe ich 1988 geschrieben, für unser erstes Buch beim Rowohlt-Verlag. Schon damals waren die Zeiten Harun ar-Raschids, des Kalifen, auf die angespielt wird, lange vergangen. Eigentlich gab es sie gar nicht, nur als Märchen aus tausendundeiner Nacht. Ich habe trotz allem, was seither geschehen ist, den Namen „Bagdad“ im Text nie geändert, auch wenn mich mit jeder neuen Auflage und Überarbeitung schauderte, wie sich die Welt, und nicht nur der Osten, verwandelte.

Im Zug vom Seminar nach Hause sitzen zwei junge Frauen im Nebenabteil. Sie reden über Tortenbäcker. Irgendwie, ich war etwas eingedöst, sind sie aber plötzlich bei den Anschlägen von Paris. Eine sagt, „... wieviele Tote? 120? Natürlich, das geht nicht, das ist schlimm. Aber ich komme aus ..., da passiert so etwas dauernd und niemand hier kümmert es, verstehst du? ...“ Sie sprachen beide völlig akzentfreies Fernsehdeutsch, ich hätte auch nach der Kleidung weder die eine noch die andere einer bestimmten Kultur zuordnen können. Woher die Sprecherin kommt, habe ich nicht verstanden. Und erschrak beim Überlegen vor den inzwischen vielen Möglichkeiten ...

In den Nachrichten zu Hause fand ich dann, dass zusammen mit den Anschlägen von Paris tatsächlich doch einem Anschlag im Nahen Osten gedacht worden war. Von einem Fußballspieler. Nicht von Politikern, nicht von Polit-Journalisten. Aber die werden nachziehen, wenn sie merken, dass sie es für ihre Zwecke verwenden können. Die wollen aus der Spirale des Hasses und der Gewalt nicht heraus. Die wollen tiefer hinein. Das entspricht ihnen. Und sie ziehen uns mit.

Im Seminar sprachen wir in einer Pause auch über Soziopathen – und dachten gar nicht an die aktuelle Situation dabei, sondern kamen über das letzte Buch unseres früheren Lehrers darauf, ein aktueller Bestseller zur Hirnforschung. Ich habe das Seminar in der Studentenzeit offenbar verpasst, in dem er Soziopathen vorstellte, auch ihre gewinnende Art, und was sich dahinter verbergen kann. Meine Quellen waren damals andere, etwa ein Lehrbuch der Psychiatrie, in dem gefragt wurde, weshalb gering intelligente Soziopathen zwar im Fokus der Aufmerksamkeit stehen – sie bilden den harten Kern der Gefängnisinsassen –, über normal intelligente oder kluge Soziopathen aber gar nichts bekannt ist. Schon damals wurden, ganz, ganz vorsichtig, Antworten versucht. Die dringen nun bereits selbstverständlicher durch. Aber so richtig will niemand an dieses Thema heran. Ich auch nicht.

Am Bildschirm sehe ich, dass Menschen, auch welche, die ich kenne, das Friedenssymbol mit dem Pariser Eifelturm und einer Nationalflagge verbunden haben, um ihre Solidarität mit „Frankreich“ auszudrücken. Während die französischen Bombardements sich verstärken. Falls überhaupt jemand etwas gegen die weitere Einschränkung der Freiheit und der Menschenrechte einzuwenden hat, bleibt das ungehört. Und da ist noch kein Ende, das wird noch lange so weitergehen und sich bis in die irrsten Windungen steigern.

 

 

Samstag, 14. November 2015

 

Samstag frühmorgens am Bahnhof, der Zug aus Stuttgart fährt ein. Ich stelle mich neben die Tür, die sich öffnet und Partygänger ins Freie entlässt. Ein massiger Mann mit zackigen Tattoos stellt sich vor mich. Mein Ärger wächst, während die Menschen ins Freie strömen. Als wir einsteigen merke ich, der Mann ist angeschlagen, hinkt. Sofort spüre ich Mitleid.

Eigentlich will ich das nicht, nicht den Ärger und nicht das Mitleid. Eigentlich, so denke ich, während der Zug losfährt und die schwarzen Scheiben der Nacht an mir vorbeizugleiten scheinen, will ich einfach am Eingang stehen und mich freuen, auch wenn jemand sich vor mich stellt. Ich will dann zurücktreten, Platz machen, ohne Vorbehalt, es wird schon richtig sein, und wenn nicht, ist es trotzdem richtig. Ich will selbst nichts sein. Und auch kein Mitleid haben, denn die Dinge und Sachverhalte sind so, wie sie sind. Und sie so sein zu lassen, erst das heißt, als eines davon mit ihnen zu sein.

 

 

Freitag, 13. November 2015

 

„Weißt du, was Glück ist?“, fragt Anton und schlägt mit den Flügeln.

„Keine Ahnung“, piept Karl. „Weißt du, was Unglück ist?“, fragt er zurück.

„Solange es Beeren und Mücken gibt, weiß ich es nicht“, antwortet Anton und wippt auf dem Stromdraht.

„Wir haben es besser als die Menschen“, meint Karl und drückt die Brust heraus, „die denken zuviel.“

„Kann man auch zuviel denken?“, fragt Anton.

„Aber sicher“, meint Karl, „zuviel ist immer zuviel, ganz gleich, was es ist.“

 

 

Donnerstag, 12. November 2015

 

Zwischen losen Blättern
Augen von Menschen –
und Herbstlicht.

 

 

Mittwoch, 11. November 2015

 

„Die unumschränkteste Gewalt ist eben die, der man sich nicht bewusst ist – die Abhängigsten sind jene, die aus eigenem Willensimpuls zu handeln glauben, denen selbst das Wissen um ihre Abhängigkeit wegtyrannisiert wurde.“ Prentice Mulford (1834-1891)

Wobei wir das Nicht-bewusst-sein und die Abhängigkeit kaum je bei uns, sehr hellsichtig aber bei allen anderen Menschen erkennen. „Wegtyrannisiert“ ist allerdings ein schlecht gewählter Begriff. Weit einflussreicher als Tyrannen scheinen mir Bequemlichkeiten und vage Ängste.

 

 

Dienstag, 10. November 2015

 

Ein neuer Morgen – und ein neuer Gang um die Stille des Sees. Ein Blässhuhn schreit. Schilf raschelt im leichten Wind. Schritt vor Schritt setzen, frei, einfach so.

Der Bibliothekar erinnert sich an einen Spaziergang mit Clara zurück, zu Hause, in einem anderen Wald. Sie hatte besonders auf die Bäume geachtet, hatte ihm Bäume gezeigt, die verschiedenen Arten, deren Namen sie aber selbst gar nicht kannte.

Sie hatten gemeinsam ihre Rinde gespürt, hatten auf das Geräusch der Blätter geachtet, wenn ein Wind aufkam. Als es zu tröpfeln begann, hatten sie sich untergestellt und sich lange geküsst, unter dem dichten Blattwerk einer Buche – so viel wusste denn er.

Nun streicht er wieder mit der Hand über die Borke einer Buche. Und fühlt nichts. Nichts Besonderes jedenfalls, die Berührung eben, nichts weiter.

Es ist nicht das, was die Bäume ihm sagen. Sie sagen ihm gar nichts. Und er selbst, da ist der Bibliothekar sich ganz sicher, hat ihnen überhaupt nichts mitzuteilen.

Es ist etwas, das die Bäume schaffen. Einfach so, ohne von ihm zu wissen, ohne sich im mindesten um irgendetwas zu kümmern.

Was es ist?

Atmosphäre vielleicht? Einfach Raum, weiten Raum, offen, belebt?

Den Pfad um den See verlassen, weiter hinein in den Wald, Schritt für Schritt. Er liebt das Gefühl, wenn die Gedanken zur Ruhe kommen, in der Langsamkeit einer Bewegung zwischen den Stämmen.

Die Buche ist noch langsamer. Sie bleibt ganz zurück.

„Die Welt ist voller Narren“, sagt der Bibliothekar halblaut vor sich hin und lacht dann über den Größten davon.

 

    Aus: Volker Friebel (2015): Das Gewicht der Wolken. Eine Erzählung in Augenblicken und Episoden. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Montag, 9. November 2015

 

„Immer, wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, ist es Zeit, sich zu besinnen.“ (Mark Twain)

Besinnen, nur besinnen! Denn zu aller Überraschung, auch ihrer eigenen, könnte die Meinung der Mehrheit einmal richtig sein.

 

 

2015-11-08 07-11-29 0033 Morgenrot Albtrauf bei Kloster Kirchberg 400x300Sonntag, 8. November 2015

 

Morgendämmerung am Kloster Kirchberg bei Sulz am Neckar, mit Blick auf den Albtrauf.

 

Novembermorgen.
Zwei Vögel bezirzen
den Sonnenaufgang.

 

Aus einem schwarzen Baum
lösen sich Vögel.
Sonnenaufgang.

 

 

2015-11-07 16-26-24 0978 Kloster Kirchberg Albtrauf 400x300Samstag, 7. November 2015

 

Kloster Kirchberg bei Sulz am Neckar, aus dem Seminar Haiku und Wandern.

 

Herbstmorgen.
An der leeren Weide
aufgewickelter Draht.

 

Herbstnieseln.
Unter der Sonnenuhr
schimmert Laub.

 

Am Klosterweiher.
Hinter dem Stacheldraht
Herbst.

 

Blätterwind.
Am Albtrauf lagern
Wolken.

 

Blätterwind –
eine Frau
breitet die Arme aus.

 

 

Freitag, 6. November 2015

 

Fahrt zum Haiku-Seminar im Kloster Kirchberg bei Sulz am Neckar.

 

Auf der Novemberweide
die Herde Gänse.
Abenddämmerung.

 

 

Donnerstag, 5. November 2015

 

Wanderung vom Schwärzloch, einer Ausflugswirtschaft bei Tübingen, über den Spitzbergrücken zur Wurmlinger Kapelle und zurück.

 

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Aufsteigender Lärm –
ein Schmetterling.

 

 

2015-11-04 13-41-52 0761 Sonnenblume Feld bei Poltringen 300x400Mittwoch, 4. November 2015

 

Drei Haiku und ein Foto aus der heutigen Fahrradrundfahrt durch Schönbuch und Ammertal.

 

Blätterwind.
Der alten Buche weise Worte
fallen.

 

Waldbachstrand – übersät
mit Blättern vom Disput zwischen
Buchen und Wind.

 

Winterweizen.
Winzige Sprosse befragen
das Licht.

 

 

Dienstag, 3. November 2015

 

Geschichte von den zwölf Küken

Aus einem Brief von Woggelstein an seine Ei-Freundin Murmelstein in der Drachenwelt.

 

Während Franz-Alfred auf dem Markt Kartoffeln besorgt und am Fluss noch ein paar Kiesel für Woggelstein, sitzt der kleine Drache am Computer und schreibt einen Brief. An Murmelstein in der Drachenwelt schreibt er, neben der er aus dem Ei gekrochen ist, mit der er im Sand des Drachenstrands spielte und im Vulkansee schwamm – und die er nun so sehr vermisst.

Liebste Murmelstein, ich will dir ein bisschen von Knast 7 schreiben, weil Franz-Alfred gerade weg ist – und ich bin ganz allein und darf auch nicht mehr mit dem Anrufbeantworter reden.

Wenn aber der Brief plötzlich aufhört, dann wundere dich nicht, denn Franz-Alfred mag gar nicht, wenn ich an seinem Computer bin.

Neulich saß ich schon einmal am Computer. Da fiel die Haustür ins Schloss. Und schon trat Franz -Alfred ins Arbeitszimmer. Er stemmte die Fäuste in die Seiten.

„Hab ich dir nicht schon Tausend Mal gesagt ...“, fing er an.

Aber ich meinte bloß: „Nein.“

„Was?“ Er kratzte sich am Kinn und sah recht verblüfft aus. „Also, wenn ich tatsächlich vergessen habe sollte, dir das zu sagen, dann tut es mir Leid. Aber jetzt  ...“

Dauernd fällt er von einer Übertreibung in die andere: Erst will er es mir Tausend Mal gesagt haben, dann wieder gar nicht. „Du hast es mir 83 Mal gesagt“, verbesserte ich ihn deshalb und trank einen Schluck Kakao.

Er schloss die Augen, wie er das so gerne tut. Ein Weilchen war Stille.

Dann machte er die Augen wieder auf. „Deine Pranken und mein Computer ...“, fing er zum 84sten Mal an.

„... gewöhnen sich langsam aneinander“, beendete ich den Satz für ihn, damit er nicht immer soviel zu tun hat. Denn erst neulich haben wir besprochen, dass ich ein bisschen im Haushalt helfe. „Und da habe ich etwas Schönes gefunden“, sagte ich weiter, um ihn ein bisschen zu beruhigen.

Das klappte auch gut. Er runzelte die Stirn, trat näher und fragte: „Und was?“

„Eine Geschichte“, antwortete ich und zeigte auf die Überschrift.

„Geschichte von den zwölf Küken“, las Franz-Alfred laut. Er strich sich über die Augen und setzte sich auf das Sofa. „Das ist eine Geschichte, die ich vor vielen Jahren geschrieben habe“, sagte er dann. „Aber so genau weiß ich es gar nicht mehr.“

„Ich lese sie dir vor und du machst mir dafür nachher frischen Kakao“, schlug ich ganz vernünftig vor.

„Einverstanden“, meinte er. So las ich die Geschichte. Und die geht so:

 

Es war einmal ein Garten am Dorfrand. Ein Hühnerhaus stand drin, in dem lebte das Federvieh. Weil die Hühner immerzu Hunger hatten, war das Gras im Garten bald ausgerissen und verspeist, denn sie mochten es sehr. Nur noch Brennnesseln wuchsen. An die ging kein Huhn heran. Doch jeden Tag kam die Bäuerin und streute Getreidekörner. Wo immer die Hühner gerade waren, liefen sie schnell herbei, aus dem Schatten der Bäume, vom Drahtzaun, heraus aus dem Hühnerhaus. Sie gackerten aufgeregt und pickten die Körner auf. Jedes Huhn versuchte, soviel wie möglich zu bekommen. Das war ein Gedränge!

In dem Garten lebte auch eine Henne, die hatte zwölf Küken. Das waren die Jüngsten im Hühnergarten. Auch sie rannten eilig herbei, wenn Körner ausgestreut wurden. Aber sie hatten so kleine Beine, meist kamen sie erst an, wenn alles schon aufgepickt war. Und die großen Hühner drängten die Küken einfach beiseite, sie bekamen nur wenig ab.

Manchmal streute nicht die Bäuerin aus, sondern ihre Enkelin, ein kleines Mädchen mit wilden Haaren. Die warf dann gerne gerade den Küken etwas hin. Aber die hätten am liebsten noch mehr gehabt.

Gegen die großen Hühner kamen die Küken nicht an, und so versuchten sie es erst gar nicht, sondern stritten sich untereinander. „Ihr pickt uns immer das Beste weg“, piepten die sechs Jüngsten empört. „Ihr drängelt euch immer vor, auch wenn wir vorher da waren“, piepten die sechs Ältesten dagegen. Bald hatten sie sich völlig verzankt und wollten sich schlagen, in einem richtigen Krieg.

Aber weil sie doch alle Küken einer Henne waren, konnten sie das nicht so ohne Weiteres tun. Um gegeneinander kämpfen zu können, malten sie sich Farben in das Gesicht. Die sechs Jüngsten malten die sechs Ältesten an. Finstere Linien, Zacken und Bögen malten sie ihnen um Augen und Schnabel. Schließlich sahen sie aus wie schreckliche Ungeheuer. Und die sechs Ältesten malten die sechs Jüngsten an. Den Flaum ihres Gesichts tauchten sie in schwarzblaue Tinte, grelle Linien zogen sie hindurch, bis auch die Gesichter der Jüngsten zu furchtbaren Fratzen geworden waren. Nun konnten sie gegeneinander kämpfen.

Sie lieferten sich eine furchtbare Schlacht. Mit ihren Schnäbeln hackten sie aufeinander ein, die Flügel schlugen sie sich um die Ohren und piepten dazu wild. Eine ganze Weile schon ging der Kampf, und keiner wollte sich geschlagen geben. Die trockene Erde des Gartens wirbelten sie auf und ließen nicht locker.

Plötzlich erschien das kleine Mädchen im Hühnergarten. Erschrocken blieb es stehen, als es die Küken streiten sah. Dann lief es davon. Mit einem Eimer Wasser kam es zurück. Es fing jedes Küken und wusch sie rein. Dann stellte das Mädchen die Küken neben den Eimer. Schließlich standen sie alle da und schüttelten das Wasser aus ihrem Flaum. Dann schauten sie sich an. Die Fratzen waren abgewaschen. Nun sahen sie ihre wahren Gesichter. Und sie konnten nicht weiter gegen sich kämpfen.

 

Franz-Alfred sagte: „Ich erinnere mich wieder. Die Geschichte geht nach einem Sprichwort aus Asien. Als ich das Sprichwort las, war gerade irgendwo Krieg. Und wie das bei Kriegen so ist: Auch bei uns, die wir mit dem Krieg eigentlich nichts zu tun hatten, haben alle für die eine Seite geschrien und die andere Seite schlecht gemacht. Auch bei uns haben alle die eine Seite weiß und die andere schwarz angestrichen. In dem Land, wo Krieg war, natürlich noch mehr. Und genauso überall sonst auf der Welt. Und da dachte ich, wenn ich so eine Geschichte schreibe, dann werden Kinder, die sie lesen, vielleicht einmal klüger als die Erwachsenen.“

Ich fragte: „Und war das dann auch so?“

Franz-Alfred antwortete: „Nein.“

 

Ja, liebste Murmelstein, wir Drachen sind klüger! Wenn wir uns streiten, dann nur so zum Spaß. Und wenn wir uns anstreichen, dann nur, weil es lustig ist.

Ich hoffe, du denkst ab und zu an mich und daran, wie sehr ich dich mag!

Eigentlich wollte ich dir mit dem Brief auch ein paar glitzernde Steinchen zum Naschen schicken. Die habe ich neulich in einem Schaufenster hinter dicken Glasscheiben gefunden, ,Diamanten' nennt man sie hier. Aber leider passen sie nicht durch den Spalt im Computer. Ich hebe sie auf und bringe sie dir, wenn ich wieder zu Hause bin.

 

Alles Drachengute wünscht dir bis dahin

dein Woggelsteinchen

 

    Aus: Volker Friebel (2013): Woggelstein. Wer bog die Banane krumm? Tübingen: Edition Blaue Felder. Nur als eBuch.

 

 

Montag, 2. November 2015

 

Ein Rollstuhl,
eine lange Allee kahler Pappeln.
Weiter Himmel.

Eigentlich ist „Weiter Himmel“ doch nur wegen einer dritten Zeile gesetzt. Vielleicht so:

Ein Rollstuhl,
eine lange Allee
kahler Pappeln.

Aber der Umbruch gefällt mir nicht. Die „lange Allee“ sollte nicht abgehackt werden. Also einfach:

Ein Rollstuhl,
eine lange Allee kahler Pappeln.

Na ja. Vielleicht braucht es doch noch etwas. Nur ein einziges Wort. Aber welches? In ein paar Jahren werde ich es wissen.

 

 

Sonntag, 1. November 2015

 

Nebelmittag.
Die Rübengeister im Dorf –
ohne Licht.

 

 

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